Rede des 3. Schaffers Christian Freese: Auf Bremen und den Senat

Unter dem Titel "Auf Bremen und den Senat" hat Christian Freese, 3. Schaffer bei der 472. Bremer Schaffermahlzeit, eine Rede gehalten. Lesen Sie hier die Rede im Wortlaut.
13.02.2016, 12:25
Lesedauer: 9 Min
Zur Merkliste

Unter dem Titel "Auf Bremen und den Senat" hat Christian Freese, 3. Schaffer bei der 472. Bremer Schaffermahlzeit, eine Rede gehalten. Lesen Sie hier die Rede im Wortlaut.

Meine Damen, meine Herren,

die Gerüchteküche brodelt: Die Bremer Bürgerinnen und Bürger wünschen sich nichts sehnlicher als die Integration in einen noch zu gründenden Nordstaat oder mindestens die Verschmelzung mit Niedersachsen. Schulden von 20 Milliarden Euro, ein völlig desolates Bildungssystem, aufgeblähte Verwaltung und eine hohe Kriminalitätsrate würden sich damit auf einen Schlag lösen lassen.

„Bremen, dieses absurde Bundesland“, das mit den beiden Städten Bremen und Bremerhaven gerade einmal auf 660.000 Einwohner kommt, „kann seine Probleme nicht lösen“, hat „seine Daseinsberechtigung verwirkt“ und „gehört abgeschafft“, wie im Mai 2015 die renommierte Tageszeitung WELT in einer Kolumne schrieb und Bremen als „Mißgeburt der Nachkriegszeit“ bezeichnete.

Oder „Die Griechen von der Weser“ wie der SPIEGEL uns Bremer 2011 in einer Ausgabe betitelte und damit vermutlich nicht auf unsere überbordende Lebensfreude oder den strahlenden Sonnenschein in Bremen anspielte, sondern wohl eher suggerieren wollte, dass der Bremer an sich mit Geld nicht umgehen könne.

So oder so ähnlich, sehr geehrte Damen und Herren, mag der Eine oder Andere von Ihnen denken – vielleicht die auswärtigen Gäste unter uns?

Zugegeben: Die erwähnten Probleme gibt es in Bremen: Unser Stadtstaat hat in den vergangenen Jahrzehnten einen großen Schuldenberg angehäuft, unser Schulsystem schneidet in einschlägigen Tests schlecht ab und das Bremer Image wird wesentlich von einer überdurchschnittlichen Kriminalitätsrate geprägt.

Aber Sie ahnen es schon: So stimmt das Bild von Bremen nicht! Die Zusammenfassung „Bremen ist pleite, die Einwohner sind dumm und / oder kriminell“ wird der Bremer Wirklichkeit nicht gerecht. Diese Klischees werden leider viel zu häufig bedient und durch die permanente Wiederholung werden sie auch nicht wahrer.

Dabei haben wir Bremer allen Grund, stolz auf unsere Stadt zu sein: Bremen hat sich seine Eigenständigkeit, seine Freiheit und seinen Platz in der Historie hart erkämpft. Die Gebäude rund um diesen Marktplatz zeugen davon. Achtung Redaktionen, bitte Sperrfrist beachten: Die Reden sind frei ab Redebeginn. Es gilt das gesprochene Wort. Als Bremen vor über 1.230 Jahren, also um das Jahr 780 herum, erstmalig urkundlich etwas ausführlicher erwähnt wurde, begann seine Geschichte gleich mit einem Paukenschlag bzw. - um genau zu sein - mit einem Totschlag: Das Opfer war ein Priester, der im Gefolge des späteren Bischofs Willehad und im Auftrag des Frankenkönigs Karl des Großen an diesen Ort gekommen war, um von hier aus die Sachsen zu missionieren. Nach dieser Tat setzte Karl der Große mit noch mehr Nachdruck seine Interessen durch und machte dem sächsischen Widerstand ein Ende. Bremen wurde damit zum Ausgangspunkt für fränkische Missionsbestrebungen in ganz Norddeutschland, später sogar in ganz Nordeuropa.

Um es deutlich zu sagen: Von hier aus, von Bremen aus, wurde sogar Hamburg geistlich geführt!

Nach diesem rasanten tart entwickelte sich das kleine Bremen schnell weiter: 965 wurden mit Markt- und Münzrecht erste königliche Privilegien erteilt, 1186 konnten wichtige städtische Freiheitsrechte erworben werden und in den Jahrhunderten danach wurde Bremen zunächst eher passives, dann sehr aktives und erfolgreiches Mitglied der HANSE. Aber erst mit der Ernennung zur „Freien Reichststadt“ im Jahr 1646, fühlten die Bremer sich tatsächlich frei und konnten wehrhaft gegen die Bedrohungen von außen auftreten. Die Freiheit hatte man sich mit dem sogenannten Linzer Diplom trickreich, aber auch teuer erkauft: Einen Teil der Summe von 100.000 Talern für das Diplom, mussten die Bremer an den belagernden Schweden vorbei schmuggeln, teilweise in hölzernen Tonnen unter einer Lage Stockfisch! Womit die besondere Beziehung zwischen Bremen und dem Stockfisch etwas klarer wird...

Im Verlauf der weiteren Geschichte hatte Bremen es dann Bürgermeister Johann Smidt und seinem großen Verhandlungsgeschick zu verdanken, dass es 1815 als souveräner Staat und als Teil des föderalen deutschen Staatenbundes aus dem Wiener Kongreß hervorging.

Unsere Freiheit und unsere Eigenständigkeit haben wir seit 1186 niemals dauerhaft wieder abgegeben! Trotz aller Auseinandersetzungen über die Jahrhunderte mit Niedersachsen, Dänen, Oldenburgern, Engländern, Schweden und Franzosen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ein Auge auf Bremen geworfen hatten. Die Bremer Bürger haben sich mit Ausdauer – man könnte auch Sturheit sagen - und Verhandlungsgeschick – man könnte auch Schlitzohrigkeit sagen - ihre Freiheit und Selbständigkeit immer wieder erkämpft, bewahrt und weiter ausgebaut. Als Zeichen dafür stellte man den Roland als Symbol der Bürgerfreiheit auf dem Marktplatz vor diesem Rathaus auf, von dem es heißt, „solange er dort steht, bleibt Bremen frei und selbständig“. Vielleicht haben Sie ihn auf Ihrem Weg vom Schütting in das Rathaus eben gesehen.

Parallel zur politischen Entwicklung, hat Bremen sich von je her als Stadt des Handels und der Schifffahrt – und später auch der Industrie - verstanden. Auf die Wirtschaftskraft von Hafenwirtschaft, Handel, Industrie und Schifffahrt konnte Bremen sich immer verlassen. Den Bremer Kaufleuten gelang es in der Historie sogar, für bestimmte Branchen eine international führende Position einzunehmen und diese lange zu behaupten, z.B. für Wolle, Tabak, Baumwolle und Reis.

Erst die Krisen in den 70er, 80er und 90er-Jahren, haben Bremen in große Probleme gestürzt: Die Fusion des Norddeutschen Lloyds mit Hapag in Hamburg, Schließung der AG Weser Werft, Niedergang der Hochseefischerei in Bremerhaven und die Pleite des Bremer Vulkans waren die Auslöser einer tiefen Krise. Und die reflexartige Strategie des damaligen Bremer Senats zur Eindämmung der steigenden Arbeitslosigkeit massive Einstellungen im Öffentlichen Dienst mit all seinen kostspieligen Folgen und Verpflichtungen vorzunehmen, war ein Fehler, unter dem Bremen heute noch leidet.

Genauso übrigens wie unter der Finanzreform, die seit Anfang der 70er Jahre dazu führt, dass Einkommensteuer nicht mehr am Ort der Beschäftigung, sondern am Wohnort abgeführt werden muss und viele Bremer Arbeitnehmer, statt in Bremen, nun in Niedersachsen ihre Steuern zahlen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

seitdem ist in Bremen viel passiert: Heute ist Bremen wieder eine tolle Stadt mit hoher Lebensqualität, um die uns viele beneiden. Zu Bremen gehören inzwischen exzellente Universitäten und Forschungseinrichtungen, gut ausgebildete Studenten und innovative Unternehmen mit beeindruckender Wirtschaftskraft. Mit einem Satz: Bremen ist viel besser als sein Image:

Das ist Ihnen zu wenig und Sie wollen Konkretes hören?

Ich kann Ihnen unsere Wirtschaftskraft mit den Worten eines ehemaligen Präses der Bremer Handelskammer nachdrücklich vor Augen führen: Wissen Sie, wie hoch das Bremer Brutto-Inlandsprodukt 2014 war? Richtig. Das Bremer Brutto-Inlandsprodukt lag 2014 bei über 30 Mrd. Euro! Wissen Sie auch, wie hoch das Brutto-Inlandsprodukt 2014 von Estland und Malta zusammen war? Rund 28 Milliarden Euro! Unser 2-Städte-Staat bringt mit seinen 660.000 Bürgern also dieselbe Wirtschaftskraft wie zwei Mitgliedsländer der Europäischen Union mit zusammen rund 1,7 Mio. Einwohnern. Dennoch werden wir als wirtschaftlicher Zwerg behandelt, das ist nicht nur falsch, das geht auch gegen unsere Ehre!“

Und ich kann Ihnen auch versichern, dass die Investitionen in den Wissenschafts-Standort Bremen Früchte getragen haben: Unsere Bremer Uni – ehemals als rote Kaderschmiede verrufen – ist als einzige Exzellenz-Universität in Norddeutschland ausgezeichnet worden. Und die private Jacobs-Universität hat sich international einen überragenden Ruf erarbeitet, dort studieren inzwischen Studenten aus über 100 verschiedenen Nationen.

Bremen ist durch diesen beachtlichen Wandel als Standort attraktiver geworden. Nach einer Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wirtschaft ist nirgendwo in Deutschland der Anteil der Studenten mit einem naturwissenschaftlichen Abschluss so hoch wie in der Hansestadt Bremen. Mit anderen Worten: In Bremen leben heute überdurchschnittlich viele junge naturwissenschaftliche Talente. Das ist unsere Eintrittskarte in die Zukunft!

Trotz all dieser Errungenschaften steht die negative Einschätzung über Bremen immer noch im Zentrum der Außenwahrnehmung. Natürlich schiebt Bremen immense Schulden vor sich her, die zu äußerster Haushaltsdisziplin zwingen. Aber es ist auch ein bißchen unfair, die übrigen Kennzahlen unseres Stadtstaates Bremen immer wieder mit Kennzahlen von Flächenländern zu vergleichen. Für eine fundierte Beurteilung wäre der Vergleich von Kennzahlen etwa gleich großer Städte angemessener. In diesem Punkt wünschen wir uns Solidarität und Fairness: Denn – Bremens Freiheit und Eigenständigkeit haben nicht nur einen Preis, sie haben auch einen Wert: Ein eigenständiges, selbstbewusstes Bundesland Bremen ist eine Bereicherung für Föderalismus und Demokratie in Deutschland, weil der gesamtdeutschen Sichtweise auch die bürgernahe, bremische Perspektive hinzugefügt wird – genauso wie z.B. die brandenburgische oder die bayerische Sichtweise.

Damit komme ich zum zweiten Teil meiner Rede. Auf den Bremer Senat.

Der im vergangenen Mai neu gewählte Senat – so wird in Bremen die Landesregierung genannt - hat eine schwere Bürde übernommen: In der aktuellen Situation ist das Regieren kein Vergnügen: Sparmaßnahmen, Länderfinanzausgleich, Armut, Arbeitslosigkeit und Bildungssystem müssen angepackt werden. Und weitere finanzielle Lasten aus der Bewältigung des Flüchtlingsstroms sind absehbar. Mit dem überraschenden Kompromiss, mit dem die Bundesländer sich unter Führung unseres Bürgermeisters auf einen gemeinsamen Vorschlag für die Neuordnung des Länderfinanzausgleichs ab 2020 geeinigt haben, erscheint vielleicht ein kleines Licht am Ende des Schuldentunnels, falls der Bund den Vorschlag akzeptiert.

Doch Freiheit bedeutet eben auch Verantwortung: Wenn wir weiterhin ein freies und selbstständiges Bremen bleiben wollen, müssen wir - muss sich der Bremer Senat – der daraus entstehenden Verantwortung noch weit stärker stellen: Mit dem Selbstbewußtsein aus 1230 Jahren Bremer Geschichte und dem Verhandlungsgeschick und der Ausdauer unserer Vorfahren.

Dafür braucht es politische Anführer im besten Sinne, die nicht nur vordenken, sondern auch vorleben und durchsetzen. Anführer, die verstehen, was unsere Vorfahren verstanden haben, nämlich dass das Gedeihen dieser Stadt nach wie vor vom ungehinderten Handel, freien Verkehrswegen und einer Politik abhängt, die die Rahmenbedingungen in dieser Stadt attraktiv für die Wirtschaft macht.

Gerade jetzt bieten sich mit den Veränderungen, die die Welt im Rahmen der Digitalisierung erlebt, neue Chancen auch für Bremen. Chancen für Geschäftsmodelle, Chancen dafür, Bremen neu zu positionieren. Wo sonst gibt es diese Kombination aus gut ausgebildeten Studenten, exzellenten Wissenschaftsbetrieben, bezahlbaren Lebensbedingungen und engagierten Unternehmen?

Aber wie ernst meint es der Bremer Senat mit seiner Wachstumspolitik? Sind Investoren tatsächlich willkommen in Bremen? Falls ja, dann muss dies auch mit einer entsprechenden Willkommenskultur deutlich gemacht und potentielle Investoren nicht durch Regulierung verunsichert werden.

Und wie ernst meint es unser Senat mit dem Bekenntnis zu Wachstum und Freihandel, wenn Senatsmitglieder sich schon frühzeitig öffentlich gegen TTIP positionieren?

Bremen wünscht sich einen Senat, der die Wachstumsstrategie für diese Stadt nicht nur formuliert, sondern der sie auch propagiert und mit Leben füllt. Einen Senat, der ein übergreifendes Ressort für Wachstum schafft. Einen Senat, der überzeugend die Botschaft nach außen trägt: Wir wollen wachsen und brauchen dafür Unternehmen, Investoren und kluge Köpfe.

Und Bremen wünscht sich einen Senat, der die Verschlankung der Verwaltung angeht, um das Schuldenproblem auch von dieser Seite zu lösen. Die Handelskammer Bremen und die IHK Bremerhaven sind Anfang dieses Jahres durch ihren Zusammenschluß mit einem guten Beispiel für effizientere Verwaltung vorangegangen. Doppelstrukturen konnten aufgelöst werden. Vielleicht kann dies als Vorbild dienen?

Natürlich müssen auch wir Kaufleute, wir Unternehmer unseren Teil dazu beitragen, dass Bremen frei und selbständig bleiben kann: Wir müssen innovativ sein. Wir müssen in Forschung & Entwicklung investieren. Wir müssen unsere Geschäftsmodelle den veränderten Marktbedingungen anpassen. Das klingt abgedroschen, bleibt aber trotzdem wahr und ist immer noch der beste Weg, um Wertschöpfung und Arbeitsplätze an diesem Standort zu schaffen.

Wenn das alles nicht passiert, wenn wir uns nicht alle noch stärker für Bremen engagieren, werden wir bald nicht mehr die „freie Hansestadt Bremen“, sondern - völlig zurecht – „Bremen, Teil eines Nordstaats“ sein!

Lesen Sie auch

Meine Damen, meine Herren,

wir Bremer sind oft hanseatisch zurückhaltend. Heute nicht: Bremen ist attraktiv, hier gibt es kluge Köpfe. Hier gibt es spannende Unternehmen. Hier gibt es einen motivierten Senat. Es lohnt sich, in Bremen zu investieren. Unterstützen Sie uns, indem Sie diese Botschaft weitertragen.

Meine Damen, meine Herren,

ich darf Sie bitten, sich von Ihren Plätzen zu erheben und auf unsere Freie Hansestadt Bremen und den Senat anzustoßen mit einem dreifachen, kräftigen ....

Hepp, Hepp, Hepp - Hurra

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+