Porträt über Christian Weber

Christian Weber: ein Parlamentarier durch und durch

Christian Weber verstand sich in seiner Funktion als Landtagspräsident als ständiger Verteidiger der parlamentarischen Demokratie. Mit seiner Partei jedoch haderte er bisweilen. Eine Würdigung.
12.02.2019, 20:20
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Christian Weber: ein Parlamentarier durch und durch
Von Silke Hellwig
Christian Weber: ein Parlamentarier durch und durch

Der frühere Bürgerschaftspräsident Christian Weber auf dem Präsidentenplatz im Plenarsaal. Die Bürgerschaft verstand er als Hohes Haus. Es ärgerte ihn beständig, wenn es Abgeordneten oder Besuchern seiner Meinung nach an Respekt gebrach.

Ingo Wagner/dpa

Vordergründig war er ein Mensch der Widersprüche. Christian Weber war Sozialdemokrat für immer, selbst wenn es ihm die Partei in jüngster Zeit nicht leicht machte und er es ihr ebenso wenig. Weber war jedoch auch konservativ, wenngleich weniger im politischen Sinne. Er war altmodisch – so altmodisch eben, wie es Menschen sind, denen Kultiviertheit, Höflichkeit und Manieren viel bedeuten. Das erwartete er auch von seinem Gegenüber, insbesondere von Parlamentariern als Volksvertretern, als Entsandte und Repräsentanten.

Er verstand den Landtag als Hohes Haus, es ärgerte ihn beständig, wenn es Abgeordneten oder Besuchern seiner Meinung nach an Respekt gebrach. Dann ereiferte er sich über den Verfall der Sitten, über den Werteverlust, über eine zur Schau gestellte Lässigkeit, die für ihn immer Wurstigkeit blieb. Er wollte ein Mandat als Privileg und Verpflichtung verstanden wissen – als das Vorrecht, mit der vornehmsten Aufgabe eines Staates betraut zu sein, der Gesetzgebung. Für ihn erwuchs aus einem Parlamentssitz das Gebot, sich des Vertrauens der Wähler als würdig zu erweisen: mit ordentlichen Kenntnissen und Redegewandtheit. Seine Ansprüche waren hoch, vielleicht zu hoch für heute, doch er weigerte sich, sich mit weniger zu arrangieren.

Veranstaltungen auf dem Marktplatz waren für ihn ebenfalls steter Stein des Anstoßes. Er konnte es nicht ertragen, dass auf diesem bedeutenden historischen Platz, um den sich mit Parlament, Rathaus, Kirche und Handelskammer höchste Institutionen der Stadt formieren, Bier und Glühwein ausgeschenkt werden dürfen. Jahr für Jahr empörte er sich über den kleinen Freimarkt und den Weihnachtsmarkt. Diese Art des Amüsements war nicht seine Welt. Dazu war Weber viel zu sehr Protestant.

Ein guter Redner

Ihm war äußerst wichtig, dass der Präsident der gewählten Volksvertretung als erster Mann im Stadtstaat wahrgenommen wird. Es war ihm ein ständiger Stachel im Präsidentenfleisch, wenn er übergangen oder das Rathaus über die Bürgerschaft gestellt wurde. Dabei ging es ihm weniger um sich selbst, als um die Bedeutung des Parlaments. Denn mehr noch als Sozialdemokrat war Weber die Fleischwerdung der parlamentarischen Demokratie.

Er wurde nie müde, die herausragende Bedeutung der Bürgerschaft zu verdeutlichen und zu verteidigen. Er fühlte sich von geringer Wahlbeteiligung oder von Sitzungstagen, an denen die Zuschauerränge leer blieben, beinahe persönlich beleidigt. Er liebte niveauvolle Debatten, in denen die Redner verbal die Klingen kreuzten und sich nichts schenkten. Solche Sternstunden des Parlaments schienen für ihn fast eine Art Jungbrunnen zu sein.

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Ein guter Redner war Weber auch selbst. Nicht nur als Fraktionsvorsitzender konnte er aus dem Stegreif politischen Gegnern Paroli bieten, auch als Präsident gewann er schnell die Zuhörer für sich. Wenn Weber begann, aus dem Nähkästchen zu plaudern, aus seiner Kindheit im westfälischen Warburg oder von seinen Anfangsjahren in der SPD, fand er so schnell kein Ende, und das Publikum war meist hingerissen.

Weber führte ein bescheidenes Leben. Er reiste nicht in die Ferne und hatte keine teuren Hobbys. Manchmal erzählte er, dass er zu Hause Sauerkraut in der Badewanne eingelegt hatte. In Hastedt war er Mitglied einer Knobelrunde. Am Sport lag ihm viel, vor allem am Laufen. Er drehte gerne auf der Finnbahn im Stadtwald seine Runden. Es machte ihm lange zu schaffen, dass er wegen seiner schweren Krankheit das Laufen aufgeben musste. Die Erkrankung, die ihn deutlich gezeichnet hatte, war ein Tabu-Thema. Darüber redete er nur mit den Menschen, gegenüber denen er das Amt ablegen und er selbst sein konnte. Es waren wenige. Obwohl er an seiner Familie hing, schien Weber als Einzelgänger auf die Welt gekommen zu sein.

Eine treue Seele

Seine Herkunft vergaß Weber nie, nicht seine Kindheit als Außenseiter. Seine Familie war aus Schlesien vertrieben worden, als Protestanten widerwillig von katholischen Bauern aufgenommen und entsprechend behandelt worden. Diese Jahre hat er nie abgestreift, auch nie abstreifen wollen. Sie erdeten ihn, als er nach und nach Karriere machte in Bremen und in der SPD, als er eine der Top-Positionen bekam, die die SPD in Bremen zu vergeben hat, samt riesigem Büro mit bester Adresse und Limousine mit Chauffeur.

Trotzdem hat Weber die Nase nie hoch getragen. Das lag ihm nicht. Er, der von Amts wegen 24 Stunden lang im Anzug zu stecken schien, umgab sich am liebsten mit hemdsärmeligen Parteifreunden, mit den handfesten Sozialdemokraten, die in der Partei verblieben sind. Mit dem Typ des Politikmanagers konnte er nichts anfangen.

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Ihm bereitete es große Sorgen, dass sich seine Partei mehr und mehr von den sogenannten kleinen Leuten entfernte. Das war nicht seine SPD. Obgleich er selbst auf dem zweiten Bildungsweg einen akademischen Abschluss erworben hatte, verstand er sich als den kleinen Leuten zugehörig. Politisch war er auf der untersten Ebene eingestiegen. Er erzählte gelegentlich, wie er als ganz kleines Licht im SPD-Ortsverein Hastedt angefangen, stundenlang Plakate geklebt und sich hochgearbeitet hatte.

Weber war eine treue Seele. Seine Weggefährten verlor er nicht aus den Augen, einerlei ob Freunde aus Hastedt oder Kollegen aus dem Parlament. Legendär war seine politische Verbundenheit mit dem Christdemokraten Ronald-Mike Neumeyer. Es schien, als hätten sich mit der Großen Koalition zwei gefunden, die wie aus Versehen in verschiedenen politischen Lagern gelandet waren. Aus der politischen Zusammenarbeit als Fraktionsvorsitzende erwuchs eine tiefe Freundschaft.

Seine Tätigkeit gab ihm Halt

Zur heutigen SPD-Fraktion gab es wenige innige Kontakte. Dazu war Weber nicht anpassungsfähig genug. In den vergangenen Jahren war er mehr und mehr auf Distanz zur Parteispitze gegangen. Er trauerte lange der Großen Koalition nach, er haderte oft mit der SPD-Politik. Vor gut einem Jahr kritisierte er öffentlich die Entscheidung des rot-grünen Senats, die Gewerbesteuer zu erhöhen. Damit hatte er nicht nur in den Augen der eigenen Partei eine unsichtbare Grenze überschritten. Doch Zurückrudern war Webers Sache nicht. Er war nicht geschmeidig.

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Weber hatte Humor. Er konnte mitlachen, wenn er gefoppt wurde. Aber er kannte auch schwermütige Stunden. Dann ließ er Termine sausen und verschwand im Nichts, um ein paar Tage später wieder aufzutauchen, als wenn nichts gewesen wäre. Seiner Krankheit hat er tapfer die Stirn geboten. Er war häufig im Büro, wenn er hätte im Bett bleiben sollen. Seine Tätigkeit gab ihm Halt. Als er von seiner Partei nach vier Jahren an der Fraktionsspitze mit diesem Amt abgespeist worden war, war er zunächst unglücklich. Er wollte kein „Grüßaugust“ sein. Später ging er ganz in seiner neuen Rolle auf.

In den ersten Jahren schreckte er gelegentlich vor der eigenen Courage zurück oder wurde von Fraktionen in seinem Eifer gebremst, den Parlamentarismus zu vereidigen. In jüngster Zeit hatte er sich davon mehr gelöst, als manchem Abgeordneten lieb war. Doch Weber – schon vor vier Jahren im besten Pensionsalter – hatte sich ganz bewusst dazu entschieden, noch ein paar Jahre dranzuhängen. Er hatte noch viel vor.

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