Lebensgeschichten

Die Zuhörerin

Christiane Brunnée schreibt als Ghostwriterin Biografien über Privatpersonen und Firmen aus Bremen.
13.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Zuhörerin
Von Patricia Friedek
Die Zuhörerin

Christiane Brunée schreibt Biografien über Privatpersonen aus Bremen und Umgebung.

Christina Kuhaupt

Es ist nicht so leicht, Christiane Brunnée dazu zu bringen, über ihr eigenes Leben zu sprechen. Viel lieber redet sie über die Menschen, über die sie selbst geschrieben hat und wie diese gelebt haben. Normalerweise ist Brunnée nämlich diejenige, die Fragen stellt. Ihren Augen, die von einer runden Brille und ein paar Fältchen umrahmt sind, vertrauen die Menschen. Brunnée bezeichnet sich als Ghostwriterin – sie schreibt private Biografien über Menschen aus Bremen oder ihre Unternehmen.

Sie ist gerade Oma geworden, das erzählt die 1962 geborene Brunnée fast direkt am Anfang des Gesprächs. Und schlägt den Bogen bald zu ihren Kunden, die ihre Biografien ja auch vornehmlich für ihre Enkel oder Kinder aufschreiben wollen. Die Menschen, die zu ihr kommen, sind meist in einem höheren Alter. Manchmal sind es richtig dicke Schmöker von mehr als 500 Seiten, auf denen sie die Lebensgeschichte ihrer Kunden aus Bremen festhält. Sie illustriert diese mit Briefen, Fakten, Tagebucheinträgen oder Fotos und druckt sie im Privatdruck.

Fünf bis acht Mal trifft sie sich mit den Personen über die sie schreibt, zum Tee, meistens einmal im Monat. Und dann hört Brunnée vor allem zu. „Es ist erstaunlich, aber die Leute kommen meistens direkt zum Punkt und wissen, was die wesentlichen Knackpunkte in ihrem Leben waren – sei es der Bruder, der verunglückt ist, oder der Vater, der verschwunden ist.“ Eigentlich hat Brunnée keine richtigen Tricks, wie sie die Menschen zum Reden bringt. „Aufmerksam bleiben, aktiv zuhören, nicht unterbrechen – und vor allem nicht in Smalltalk verfallen. Dann entsteht etwas Zauberhaftes, das man durch eine eigene Recherche nie bekommen würde“. Einen richtigen Handwerkskasten habe sie nie gehabt. Aber das brauche Brunnée auch nicht, weil die Menschen, für die sie schreibe, so unterschiedlich seien.

Dennoch hat sie Vieles dazugelernt, seit sie ihr sogenanntes Textbüro vor etwa neun Jahren aufgemacht hat. Sprache war schon immer ein großer Teil ihres Lebens, das konnte die Bremerin in ihrem Germanistik- und Literaturstudium in Kiel vertiefen. Aber die Tonalität zu finden, in der eine Person spricht und diese dann niederzuschreiben, sodass es sich auch gut liest, das musste sie Schritt für Schritt lernen. Auch die Zielgruppe habe sie stets im Blick: Sind es sehr junge Menschen, die das Buch lesen werden? Wie viel Kontext muss sie geben, damit es die Leser verstehen?

Am Anfang habe Brunnée noch einige Rückschläge erlebt. Bei einem Mann, erinnert sie sich, habe das Gespräch so viel aufgewühlt, dass er nachts nicht mehr schlafen konnte. „Man lernt mit der Zeit, nicht vorzeitig über Menschen zu urteilen und immer den Respekt zu behalten“, sagt Brunnée. Auch über die Erinnerung als psychologisches Phänomen habe sie vieles gelernt, und würde auch heute noch gerne, nachdem sie studiert hat, eine Dissertation darüber schreiben wollen.

Mit ihrem Mann Frank ist Christiane Brunnée schon seit ihrer Jugend zusammen. Er führt eine Werbeagentur, für die sie nach ihrem Studium als Texterin anfing zu arbeiten. Auch heute, sagt Christiane Brunnée, sei das ihr „Brot und Butter.“ Die Biografien sind ihre Leidenschaft, mehr ein Hobby als Arbeit. „Das hat für mich so eine Kraft, wenn die Menschen wie du und ich aus ihrem Leben erzählen. Jeder ist Zeitzeuge.“ Deshalb sei sie gar nicht so sehr daran interessiert, berühmte Menschen abzubilden.

Dass Brunnée irgendwann emotionale Bindungen zu ihren Kunden aufbaut, lässt sich kaum vermeiden. Eine Frau begleite sie bereits seit zwei Jahren, sie habe weit fortgeschrittenen Krebs. Es ist nicht klar, was genau mit der Auflage passiert, ob die Frau es noch schafft, die Bücher selbst noch zu verteilen. „Es ist ein komisches Gefühl. Obwohl die Personen mir eigentlich fremd sind, habe ich das Gefühl, dass es mehr ist, als einfach nur ihre Geschichte aufzuschreiben.“

Aber wie ist Brunnée überhaupt darauf gekommen, private Biografien von Fremden aufzuschreiben? Angefangen habe das mit ihrem Großonkel, der Jurist und Bürgermeister war und eine große Chronik geschrieben hat. „Das hat uns schon als Kinder beeindruckt, weil er sehr gut schreiben konnte.“ Ihr Großvater war in russischer Kriegsgefangenschaft, da wollte Brunnées Vater ihn vor einem Tonaufnahmegerät dazu bringen, davon zu erzählen. Dabei sei zwar nur ein kurzer Text herumgekommen, „aber ein Gefühl dafür hatten wir schon immer in der Familie“. Irgendwann habe sie einem Pastor in Oberneuland davon erzählt und bald gab es die ersten kleinen Beiträge in der Gemeindezeitschrift. Inzwischen hat Brunnée einen ganzen Stapel von Biografien geschrieben, drei sind es meist im Jahr. Gerade schreibe sie an fünf gleichzeitig. „Ich bin aber jemand, den man suchen muss – ich kann niemanden dazu drängen, eine Biografie über sich schreiben zu lassen.“

Selbst liest Brunnée genauso gerne Biografien von anderen Menschen. Überhaupt kann sich sie für Literatur begeistern, das merkt man ihr an. Sie zitiert den Philosophen Kierkegaard mit den Worten „Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden“. Das ist gewissermaßen ihr Motto, wenn sie die Biografien schreibt. Auch Kunst und Musik waren schon immer Teile ihres Lebens. Wenn sie sich gerade nicht mit kreativen Dingen wie Schreiben oder Lesen befasst, geht Brunnée Laufen oder verbringt Zeit mit ihrer Hündin Cara, die ihr selbst im Büro nicht von der Seite weicht.

Ihre eigene Biografie möchte Brunnée aber erstmal noch nicht schreiben. „Jetzt, da wir Großeltern geworden sind, merkt man, da kommen noch Dinge im Leben.“ Aber ein paar Fragmente aus ihrer Familiengeschichte, die will sie zusammentragen. Ein bisschen habe sie damit schon angefangen.

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