Verbrechen in der Vahr in Bremen Chronik eines angekündigten Todes

Ende Juni wurde in der neuen Vahr eine 46-jährige Frau in ihrer Wohnung umgebracht. Der Vater des Tatverdächtigen hatte Ärzte und Juristen mehrfach vor der Gewalttätigkeit seines Sohnes gewarnt.
25.07.2015, 00:00
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Von Sara Sundermann und Ralf Michel

Am 27. Juni wurde in der neuen Vahr eine 46-jährige Frau in ihrer Wohnung umgebracht. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie von ihrem Sohn erwürgt wurde. Der 22-Jährige wurde kurz nach der Tat festgenommen und in die Psychiatrie des Klinikums Bremen-Ost eingewiesen.

Der 22-Jährige ist kein unbeschriebenes Blatt. Beleidigungen, Bedrohungen, Körperverletzungen – die Polizei spricht von Vorfällen, die sich seit 2013 wie ein roter Faden durch das Leben des jungen Mannes ziehen. Mehrfach wird die Polizei zu Hilfe gerufen, meist von der Mutter des Mannes oder von Nachbarn.

Die Beamten leiten verschiedene Strafverfahren ein, unter anderem wegen Körperverletzung. Und sie informieren andere Behörden wie das Gesundheits- und das Sozialressort über psychische Auffälligkeiten und soziale Krisen des 22-Jährigen. Auch der Sozialpsychiatrische Dienst und das Amtsgericht sind laut Polizei eingeschaltet.

Im Frühling dieses Jahres war der Sohn bereits im Klinikum Bremen-Ost. In welchem Zeitraum er dort war und wie Ärzte seinen Zustand einstuften, als er entlassen wurde, lässt sich weder beim Klinikverbund noch bei der Gesundheitsbehörde erfahren. Sprecher beider Stellen verweisen auf den Patientenschutz. „Wir können uns zu diesem konkreten Fall nicht äußern, weil wir als behandelndes Klinikum an die ärztliche Schweigepflicht gebunden sind“, sagt Geno-Sprecherin Karen Matiszick. „Grundsätzlich gilt natürlich, dass ein Patient nur entlassen wird, wenn nach Einschätzung der behandelnden Ärzte keine akute Gefahr besteht, dass er sich selbst oder andere gefährdet.“

„Mein Sohn hat Stimmen gehört und sich verfolgt gefühlt“, sagt Faruk A. „Seine Mutter und ich haben mehrmals um Hilfe gebeten.“ Der 49-Jährige erzählt von Gewaltausbrüchen: „Als seine Mutter ihm Essen vorbeibringen wollte, hat er ihr das Essen ins Gesicht geworfen, ihr Handy kaputt gemacht und sie ins Gesicht geschlagen, bis sie geblutet hat.“

Am 2. April flüchtet er aus der Klinik. Das Amtsgericht verfügt einen Einweisungsbeschluss, tatsächlich nimmt ihn die Polizei in seiner Wohnung fest und bringt ihn zurück in die Klinik. Was dort mit ihm geschieht, weiß die Polizei nicht.

Nach seiner Entlassung soll der 22-Jährige über die ambulante sozialpsychiatrische Beratungsstelle des Klinikums Bremen Ost betreut worden sein.

Zehn Tage vor der Tat wird die Polizei erneut zu Hilfe gerufen. Nachbarn melden sich – der junge Mann würde wie ein Irrsinniger schreien. Er wird der Polizei zufolge im Klinikum Ost einer Ärztin vorgeführt, die ihn begutachten soll.

Faruk A. kann nicht nachvollziehen, dass sein Sohn nicht zwangsweise eingeliefert wird. Er hat schon im Juli 2014 vor seinem Sohn gewarnt. Seine Haupt-Ansprechpartnerin ist eine Bremer Anwältin, die vom Amtsgericht als Betreuerin des jungen Mannes eingesetzt worden war. Sein Sohn werde zunehmend aggressiver, schreibt er der Anwältin per SMS. Und dass er sie deshalb dringend sprechen möchte. Einen Tag später weist er die Anwältin – ebenfalls per SMS – darauf hin, dass sein Sohn seine Medikamente nicht mehr nehme. Am selben Abend erhält er eine Antwort-SMS: „Die Ärztin ist informiert.“

Eine Zeit lang beruhigt sich die Situation, doch dann eskaliert sie. Am 26. Mai dieses Jahres wendet sich der Vater erneut mit einer Kurzmitteilung an die Anwältin. „Ich hatte auch die Polizei informiert, aber da hieß es immer, es hinge alles von der Betreuerin ab, ob er in eine Klinik eingewiesen wird.“ Seine SMS ist unmissverständlich: Es müsse etwas geschehen. Der Sohn habe seine Mutter und seine Schwester geschlagen, und auch ihn selbst angegriffen.

Doch in der Zwischenzeit muss etwas im Verhältnis zwischen Vater und Betreuerin passiert sein. Keine halbe Stunde nach seiner SMS kommt eine harsche Antwort: „Herr A., ich untersage Ihnen hiermit erneut, mich über mein Mobiltelefon zu kontaktieren. Wenn Sie mir noch einmal eine SMS schicken, werde ich einen Gerichtsbeschluss beantragen, der Ihnen das unter Androhung von Ordnungsgeld untersagt.“ Der WESER-KURIER hat die Anwältin mehrfach um Rückruf gebeten – ohne Erfolg. Was es mit der Antwort der Betreuerin auf sich hat, kann Faruk A. sich nicht erklären. Im Gespräch erzählt er allerdings von anderen Stellen, mit denen er Ärger hatte, etwa mit einer Ärztin aus dem Klinikum Ost, die sich von ihm bedroht gefühlt habe. Zumindest die Frage, warum die Betreuerin den jungen Mann nicht längst in eine Klinik eingewiesen hat, kann das Amtsgericht beantworten. Einer Betreuung werden genau definierte Aufgaben zugewiesen. Bestimmte Angelegenheiten, die der Betroffene nicht mehr selbst regeln kann, erklärt Gerichtssprecherin Karin Gellinger. In diesem Fall seien dies die Gesundheits-, Wohnungs- und Behördenangelegenheiten gewesen – nicht aber das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Anders ausgedrückt: Die Betreuerin hätte den Mann nicht in eine Klinik einweisen können.

Allerdings, so Gellinger weiter, sei bereits diskutiert worden, ob der Aufgabenkreis der Betreuerin entsprechend erweitert werden sollte. Dafür aber bedürfe es eines medizinischen Gutachtens. Dies sei Ende Mai in Auftrag gegeben worden, habe zum Zeitpunkt der Tat aber noch nicht vorgelegen. „Eine tragische Überschneidung der Ereignisse.“

Zu hören ist, dass zwei Termine mit medizinischen Gutachtern platzten, weil der Patient zu dem mit ihm verabredeten Termin nicht anzutreffen war. Ohne einen Haftbefehl gibt es aber keine juristische Handhabe, einen Patienten zu solchen Terminen zu verpflichten. Auch der sozialpsychiatrische Dienst soll sich dafür eingesetzt haben, dass die Zuständigkeit der Rechtsbetreuerin vom Gericht erweitert wird.

Die volle Tragweite der Tragik dokumentiert vor allem ein Schreiben, das Faruk A. im Juni an das Amtsgericht geschickt hatte. „Meinem Sohn geht es sehr schlecht“, schreibt der Vater. Sein Zustand nehme sehr aggressive Züge an, er habe seine Schwester und seine Mutter geschlagen, sie mit einem Messer bedroht und stelle auch für Dritte eine Bedrohung dar.

Auch über seine vergeblichen Versuche, die Betreuerin dazu zu bewegen, Maßnahmen zu ergreifen, informiert der Vater das Gericht. Seinem Sohn müsse umgehend durch eine Zwangsmaßnahme geholfen werden, sonst würde er sich oder dritten Personen körperlichen Schaden zufügen. „Es ist eine Frage der Zeit, wann etwas Schlimmes passieren wird“, schreibt Faruk A. am 8. Juni 2015 an das Gericht. Keine drei Wochen später ist seine Ex-Frau tot.

Zwangseinweisung

„Die Unterbringung eines psychisch kranken Menschen gegen seinen Willen ist nur zulässig, wenn von ihm eine erhebliche Gefährdung des eigenen Lebens oder des Lebens einer anderen Person ausgeht“, sagt Christina Selzer, Sprecherin der Gesundheitsbehörde. „Unterbringungen stellen einen erheblichen Eingriff in die Selbstbestimmung eines Menschen dar. Deshalb ist der gesetzliche Rahmen eng gesteckt.“

Die Einweisung in eine psychiatrische Klinik gegen den Willen des Patienten müsse gerichtlich angeordnet werden, und es müsse dafür ein psychiatrisches Gutachten vorliegen.

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