Bremen

Cornelia Drees: „Manchmal geht noch Witz“

Bremen. Otto kommt angetrottet, soll „Guten Tag“ sagen und bellt. Tiertherapeutin Cornelia Drees gibt dem braunen Mischling ein Leckerli und baut in der Stiftungsresidenz Riensberg eine kleine Zoolandschaft auf – mit Decken, Bonsais und kleinen Zelten.
16.02.2014, 00:00
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Von Rainer Kabbert
Cornelia Drees: „Manchmal geht noch Witz“

Zum Mini-Zoo von Cornelia Drees gehört auch ein Huhn.

Roland Scheitz

Otto kommt angetrottet, soll „Guten Tag“ sagen und bellt. Tiertherapeutin Cornelia Drees gibt dem braunen Mischling ein Leckerli und baut in der Stiftungsresidenz Riensberg eine kleine Zoolandschaft auf – mit Decken, Bonsais und kleinen Zelten. Mischling Willy kommt hinzu, das braungefiederte amerikanische Huhn Daisy, ein Kaninchen und einige Meerschweinchen. Sie sollen helfen, vor allem Menschen mit Demenz das Interesse an der Umwelt zu bewahren.

Rund 20 Heimbewohner haben sich um den Mini-Zoo versammelt, im Rollstuhl, mit Rollator. Manche wirken sehr interessiert, andere blicken wie entrückt in die Ferne. Biologin Cornelia Drees kommt mit einem Meerschweinchen zu Annette Dülcke (Name von der Redaktion geändert), fragt, ob Stella sich auf ihren Schoß setzen dürfe. Annette Dülcke lächelt in ihrem Rollstuhl zustimmend und füttert Stella mit einem Salatblatt.

Demente Menschen, weiß Cornelia Drees, leiden oft an ihrer Unsicherheit. Zuallererst sollen sie sich entspannen. Und Tiere wirken wie Türöffner der Seele. „Dann kann ich auch die Ordner im Kopf der alten Menschen aufmachen, soweit sie noch vorhanden sind.“ Luise Markwart (Name von der Redaktion geändert) hat Daisy im Arm, schreit freudig-erschrocken auf, als das Huhn kraftvoll mit den Flügeln schlägt. Sie lächelt, streichelt genüsslich über das Federkleid. Cornelia Drees will die Menschen erreichen, indem sie an Ereignisse aus emotional bewegter Zeit anknüpft. Dazu gehören besonders Kindheit und Jugend, als die Begegnung mit Tieren zu den beglückenden Momenten gehörte.

Und diese Glücksmomente sind verbunden mit Hormonen. Cornelia Drees weiß von Oxytocin, das zuerst beim Geburtsprozess entdeckt und später auf alle sozialen Interaktionen bezogen wurde. In der neurobiologischen Forschung gilt Oxytocin als Hormon für emotionale Bindung, ebenso wie für seelische Zustände wie Ruhe und Vertrauen. Luise Markwart streichelt zärtlich das Huhn und fühlt sich offenbar verbunden mit der Welt.

In Altenheimen oder in der Psychiatrie hat Cornelia Drees auch schon lustige Runden erlebt: „Manchmal geht noch Witz.“ Aber das gelinge eher Frauen als Männern, sie können sich während ihrer Touren durch die Orte des Vergessens eher auf die Begegnung mit Tieren einlassen. Versorgen, füttern, festhalten sind für Drees Verhaltensmuster, die eben mehr Frauen zugeschrieben werden.

Drees unternimmt diese Touren seit über zwölf Jahren, auch in den AWO-Altenheimen im Gröpelinger Ella-Ehlers-Haus und im Waller Haus Reuterstraße. Die therapeutische Idee, erläutert sie, gibt es schon seit Ende des Ersten Weltkrieges, als in Belgien Tiere zur Behandlung psychisch Kranker genutzt wurden. Später haben auch die Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel auf dieses Konzept gebaut. Im niedersächsischen Lindwedel setzt das Institut für soziales Lernen mit Tieren seit 1994 Vierbeiner in Ergo- und Kurzzeittherapie ein.

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