Flickenteppich an Corona-Vorschriften

Bremer Wirte leicht im Vorteil

Die Vorschriften für private Feiern variieren von Bundesland zu Bundesland, das gilt auch für Bremen und Niedersachsen: Manche Gastronomen beklagen als Resultat einen Feier-Tourismus.
25.08.2020, 05:00
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Bremer Wirte leicht im Vorteil
Von Joerg Helge Wagner
Bremer Wirte leicht im Vorteil

Symbolbild.

Sebastian Gollnow/dpa

Manche Gaststätten in Bremen profitieren offenbar davon, dass die Corona-Verordnung in Niedersachsen wesentlich strenger ist: Während dort höchstens 50 Gäste in geschlossenen Räumen feiern dürfen, sind in Bremen bis zu 250 erlaubt – und unter freiem Himmel 400. „Auch die Gründe für eine Feier sind in Bremen weiter gefasst, sodass durchaus Gäste aus Niedersachsen nach Bremen ausweichen, um hier ihre Feiern zu feiern“, bestätigt Nathalie Rübsteck, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Bremen.

Dennoch verzichten auch Gastronomen in Bremen darauf, Hochzeiten und andere Familienfeiern auszurichten. Die Angst, einen Corona-Fall im eigenen Lokal zu haben, ist dabei ausschlaggebend. „Es ist mir allerdings nicht bekannt, dass die bisherige Obergrenze in Bremen zu einem erhöhten Infektionsgeschehen geführt hat“, sagt Rüb­steck. Die Gesundheitsbehörde bestätigt dies: „In Bremen spielen große Feiern aktuell keine Rolle beim Infektionsgeschehen. Wir mussten bislang auch nur in einem Fall Gästelisten anfordern“, sagt Sprecher Lukas Fuhrmann.

Anscheinend finden die meisten Infektionen mittlerweile auf Feiern in privaten Räumlichkeiten statt. Deshalb werde in einigen Bundesländern über ein Party-Verbot nachgedacht, meldete die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ – etwa in Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein.

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Auf die Risiken dieser kaum kontrollierten Feten weist auch der Dehoga in Bremen hin: „Während private Feiern weitestgehend im rechtsfreien Raum stattfinden, keine Abstände eingehalten werden, es keine zusätzlichen Desinfektionsmaßnahmen gibt, ist das Feiern in der Gastronomie immer – unabhängig von der Personenanzahl – strengen Regelungen unterworfen“, betont Rübsteck. Das gelte für die Hygienekonzepte, den Umgang mit Buffets und die Abstandsregelungen. So hätten jüngste Zahlen aus Nordrhein-Westfalen einen kleinen Prozentsatz von Ansteckungen in der Gastronomie ausgemacht, während ein Vielfaches an Ansteckungsgeschehen bei privaten Feiern registriert worden sei.

Grundsätzlich wünscht sich Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) bundeseinheitliche Corona-Regelungen „für öffentliche und private Veranstaltungen“. Darüber verhandelten am Montag die Gesundheitsministerinnen und -minister in einer Telefonkonferenz. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert bei steigenden Fallzahlen einen bundesweit einheitlichen Mechanismus: Das könne eine bundesweit einheitliche Untergrenze bei Bußgeldern sein oder eine Obergrenze für die Teilnehmerzahl privater Feiern.

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Niedersachsens Regierung signalisierte bereits, dass ihre Regeln nicht aufgeweicht werden dürften. Aus dem Bremer Gesundheitsressort heißt es dazu: „Wichtig ist für uns kein Wettbewerb um die Frage, wer die lockersten Regeln hat, sondern eine Regelung, die den Infektionsschutz in den Fokus nimmt. Eine Verschärfung würden wir dabei gegebenenfalls auch hinnehmen.“ Der Bremer Gastronomieverband trägt eine Harmonisierung mit – aber eben nur, „soweit eine bundeseinheitliche Regelung für Bremen zu einer Verbesserung der Situation führt“. Keinesfalls will man dahinter zurückfallen, denn: „Wir stellen fest, dass die Betriebe weitestgehend mit der Reglung in Bremen gut zurechtkommen.“

Im Gegensatz zu jenen in Niedersachsen: Carsten Rohdenburg, Vorsitzender der Dehoga-Fachgruppe Gaststätte, berichtet, dass etwa in der Region Braunschweig die Gäste „busseweise nach Thüringen“ abwanderten. Der Inhaber des Landgut-Hotels Rohdenburg in Lilienthal bekommt den Wettbewerbsvorteil der Bremer Kollegen aus nächster Nähe zu spüren. Das betrifft nicht nur die Obergrenze für Gäste: „Warum sind Hochzeiten erlaubt, Geburtstage und Einschulungsfeiern aber nicht?“ Eine bundesweit einheitliche Regelung befürwortet er: „Die blockt wenigstens den Ländertourismus ab.“ Für mindestens zwölf Landgasthöfe im Weser-Elbe-Gebiet komme das allerdings zu spät: „Die öffnen nicht mehr.“

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Rohdenburg wünscht sich: „Wir möchten gerne planen können, möglichst schon bis zur Grünkohl-Saison.“ Der Dehoga empfehle seinen Mitgliedern, Weihnachtsfeiern, Silvesterfeten und Kohlfahrten grundsätzlich anzunehmen – unter Vorbehalt. 80 Prozent seien Kleinbetriebe, sagt Rohdenburg. „Bei einem Umsatzeinbruch von zehn Prozent ist der komplette Gewinn weg.“

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