Interview mit Gesundheitssenatorin Bernhard

„Mehr in die Gesundheit investieren“

Bei der Bekämpfung des Coronavirus hat sich laut Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) gezeigt, wie wichtig die Gesundheitsämter sind. Das soll sich jetzt auch im Personalbestand niederschlagen.
22.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Mehr in die Gesundheit investieren“
Von Frank Hethey
Frau Bernhard, die Corona-Pandemie macht es möglich: Plötzlich liegt der öffentliche Fokus wieder auf dem öffentlichen Gesundheitsdienst, nicht zuletzt auf dem Gesundheitsamt.

Claudia Bernhard: Allerdings, die Gesundheitsämter waren ja die Super-Stiefkinder der letzten Jahre. Wir haben extrem viele Vakanzen und Nachbesetzungsschwierigkeiten, das hängt auch damit zusammen, dass die öffentlichen Tarife nicht attraktiv sind für Mediziner und Medizinerinnen. Alles, was jetzt Nachverfolgungen und Testungen anbelangt, das wuppt das Gesundheitsamt. Wir haben aus dem Stand 80 Leute aus anderen Zusammenhängen dahin organisiert, damit sie das auffangen können...

... Blutauffrischung fürs Gesundheitsamt sozusagen.

Und die muss nachhaltig sein. Es kann nicht sein, dass man sagt: Prima, jetzt ist die Pandemie zu Ende, jetzt ziehen wir die alle wieder ab. Sondern es ist deutlich geworden, dass wir auf so schmalem Fuß nicht überleben können.

Ist das im Gesundheitsamt eine reine Personalfrage oder auch eine Strukturfrage?

Beides. Das ist natürlich eine Personalfrage, weil die Arbeitsplätze nicht so attraktiv sind, gerade was Ärzte und Ärztinnen anbelangt. Die brauchen attraktive Arbeitsbedingungen. Aber auch die Struktur muss nachhaltig besser aufgestellt werden. Das Gesundheitsamt insgesamt hat bislang blendende Arbeit geleistet, deshalb sind wir in der Pandemie auch ganz gut davongekommen. Aber inzwischen gehen sie auf dem Zahnfleisch.

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Schwebt Ihnen denn eine konkrete Zahl vor? Wenn man die Aufstockung prozentual ausdrücken wollte?

Die sind momentan bei etwa 250 Personen. Die bräuchten 20 bis 30 Prozent mehr, also 50 bis 60 Personen zusätzlich.

Und Sie sind zuversichtlich, dafür die Mittel zu bekommen?

Dafür werde ich kämpfen. Nun wird es jedenfalls anerkannt, dass dem öffentlichen Gesundheitsdienst eine hohe Bedeutung zukommt. Es wird mit Sicherheit nicht die letzte Pandemie gewesen sein. Das haben wir in den letzten drei, vier Monaten durchgehalten, aber mit diesem geringen Personalbestand ist das für die Zukunft undenkbar. Wir werden uns darum kümmern müssen, was über das Bundeskonjunkturpaket abzubilden ist und was über die Landesebene finanziert werden muss.

Bei einer Pandemie sollte die Behörde einen Plan haben über all die Maßnahmen, die in Gang zu bringen sind...

Den hatten wir auch, genauso wie die Krankenhäuser einen haben. Es gab schon vorher Ausbrüche, die Pandemie hat uns nicht ganz unvorbereitet getroffen. Aber ich war am Anfang ganz erstaunt, der letzte Pandemieplan auf der Homepage war von 2011.

Der wurde dann in Windeseile aktualisiert?

Klar, das mussten wir ja auch. Es gab und gibt selbstverständlich Kompetenzen in den einzelnen Referaten. Aber der Plan als solcher war nicht mehr angefasst worden. Und das geht natürlich nicht. Das sollte alle ein bis zwei Jahre überarbeitet werden.

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Hat sich denn der kranke Riese in Corona-Zeiten bewährt, die Gesundheit Nord?

Wenn so eine Pandemie um die Ecke kommt, dann sind wir wirklich heilfroh, wenn wir einen kommunalen Klinikverbund haben, wo der staatliche Zugriff hoch ist und der flexibel reagieren kann. Diese Pandemie hat die Geno im Wesentlichen abgefedert. Ich erinnere nur an die erste Corona-Ambulanz, die bis heute existiert unter der Ägide der Geno.

Das wird die Gesundheit Nord aber gern ­hören.

Die Geno ist ja immer so ein bisschen der Prügelknabe, wenn es um die Wirtschaftlichkeit geht. Aber wir sehen jetzt, wie sehr wir diese Struktur brauchen, wie sehr wir darauf angewiesen sind für die gesundheitliche Versorgung dieser Stadt.

Sie haben aber selbst keinen Zweifel daran gelassen, wie groß der finanzielle Reformbedarf bei der Geno ist.

Völlig richtig. Aber da ist die Frage: Was sind die Kriterien? Man muss sich die Finanzierungsgrundlage für Krankenhäuser ansehen. Der Krankenhaus-Strukturfonds zum Beispiel hat eine falsche Grundlage insofern, als dass er weitgehend auf Zentralisierung und Bettenabbau ausgerichtet ist.

Da verschieben sich die Prioritäten unter Pandemie-Bedingungen. Muss der Staat wieder präsenter sein in der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung?

Absolut. Wir sollten Lehren aus der Pandemie ziehen. Es geht eben auch darum, nicht immer nur die Optimierung der Krankenhauslandschaft im Blick zu haben. Im Grunde ist die aktuelle Förderkulisse für Krankenhäuser eine, die das Gesundheitswesen schwächt. Und nicht stärkt. Da müssen wir einen wirklichen Paradigmenwechsel vornehmen.

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Und der stellt sich wie dar?

Wir müssen uns fragen: Wollen wir wirklich nur die Bereiche am Leben lassen, die über die DRGs (kurz für: Diagnosis Related Groups, deutsch: diagnosebezogene Fallgruppen, bezeichnet ein pauschaliertes Abrechnungsverfahren, Anm. d. Red.) finanziert werden? Oder denken wir darüber nach, was eigentlich insgesamt notwendig ist?

Was ist denn eigentlich notwendig?

Nehmen Sie die Geburtshilfe. Die Geburtshilfe bringt nichts ein. Eine gute Geburtshilfe ist aber unverzichtbar. Auch an verschiedenen Standorten. Und die kann nicht nach Effizienzkriterien aufgestellt werden. Momentan ist die Denke: Je natürlicher die Geburt, desto weniger lohnt es sich fürs Krankenhaus. Das ist absurd.

Aber das dürfte kaum alles sein. Die Geno krankt doch auch an strukturellen Problemen, etwa einem Übermaß an Verwaltung, einem Verwaltungswasserkopf.

Man braucht Verwaltung, aber sie muss effektiver am jeweiligen Standort einbezogen sein. Da muss es kurze Wege geben.

Ist das ein Plädoyer für eine Dezentralisierung der Verwaltung?

Zum Teil ja. Letztendlich geht es um einen guten Mittelweg zwischen zentraler und dezentraler Verwaltung. Ein weiterer neuralgischer Punkt ist die IT, Digitalisierung im Krankenhaus. Auch da sind Krankenhaus-Investitionen unerlässlich.

Damit erschöpft sich Ihre Wunschliste wahrscheinlich nicht.

Wir müssen sehr viel mehr in die Ausbildung investieren. In mehr Plätze, in bessere Ausbildungsbedingungen. Das ist nicht nur eine quantitative Frage, sondern auch eine qualitative.

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Spielen in Ihren Überlegungen auch die privaten Krankenhäuser eine Rolle?

Die Krankenhauslandschaft in Bremen hat eigentlich eine gute Voraussetzung dafür, sehr gut zusammenarbeiten. Wir haben einen relativ kleinen Anteil von privaten Anbietern, das heißt: Per se ist die Profit-Trimmung nicht überall oberstes Gebot, trotzdem sollten wir sehen, wie Kooperationsprojekte mit den frei-gemeinnützigen Krankenhäusern vorangetrieben werden können. Es wäre mir jedenfalls ein Anliegen, dass wir auch da Synergieeffekte schaffen.

Das klingt nach einem großen Reformpaket. Haben Sie eine Zeitperspektive im Kopf?

Wir haben ja schon angefangen. Die Geno hatte im ersten Quartal mit diesem Maßnahmenpaket einen ganz guten Einstieg, leider kam dann Mitte März das Virus dazwischen und die elektiven Eingriffe (aufschiebbare Operationen, Anm. d. Red.) wurden dann runtergefahren, das hat es deutlich abgebremst. Trotzdem geht der Prozess weiter.

Das Gespräch führte Frank Hethey.

Info

Zur Person

Claudia Bernhard (59)

ist seit August 2019 Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz in Bremen. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaft. Die Linken-Politikerin war von 2011 bis 2019 Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft.

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