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Gibt es eine Übersterblichkeit in Bremen?

Wie tödlich ist das Virus? Statistiken zur Übersterblichkeit können helfen, diese Frage zu beantworten. Bremen und Niedersachsen scheinen bislang gut durch die Pandemie gekommen zu sein.
02.02.2021, 20:48
Lesedauer: 4 Min
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Gibt es eine Übersterblichkeit in Bremen?
Von Patrick Reichelt
Gibt es eine Übersterblichkeit in Bremen?

Im Hinblick auf die Sterbezahlen ist Bremen bislang gut durch die Krise gekommen.

Frank Thomas Koch

Nach einer vorläufigen Auswertung des Statistischen Bundesamtes sind im vergangenen Jahr in Bremen 8085 Menschen gestorben – das sind 233 mehr als im Durchschnitt des Vergleichszeitraumes. Daraus ergibt sich eine theoretische Übersterblichkeit von knapp drei Prozent.

In Niedersachsen ist der Wert etwas geringer: Hier gab es 2,8 Prozent mehr Tote als in den Vorjahren, Schleswig-Holstein liegt unter einem Prozent. „Die Zahlen zeigen, dass wir hier in Bezug auf die Sterblichkeit keine starken Ausschläge haben“, sagt Hajo Zeeb, vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen (Bips). Das sei ein gutes Zeichen hinsichtlich der geleisteten medizinischen Versorgung.

Die sogenannte Übersterblichkeit ist ein Indikator für die Schwere einer Pandemie oder anderer Katastrophen. Dabei werden die Sterbefälle eines Jahres mit den durchschnittlichen Werten der vergangenen Jahre verglichen. Für 2020 bedeutet das, dass die Todeszahlen der Jahre 2016 bis 2019 herangezogen werden.

Anders als in Bremen und Niedersachsen sieht es in anderen Bundesländern aus: In Brandenburg liegt die Übersterblichkeit für 2020 bei mehr als zehn Prozent, in Sachsen sind 13 Prozent mehr Menschen gestorben als in den Vorjahren.

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Wie ist das zu erklären? Ein Forscherteam der Universität München ist der Frage nachgegangen. „Etwa die Hälfte der zurzeit beobachteten Übersterblichkeit in Sachsen kann nicht direkt mit einer registrierten Covid-19-Erkrankung in Verbindung gebracht werden“, heißt es in ihrem Bericht. Was vor allem geklärt werden müsse, sei die Dunkelziffer. „Wie viele Covid-19 Infektionen bleiben unentdeckt, weil die Infizierten keine Symptome zeigen oder aus anderem Grund nicht getestet werden? Nur wenn man die Dunkelziffer kennt, kann man valide die Anzahl der aktuell Infizierten bestimmen.“ Helfen könnten Antikörperstudien oder Massentests der Bevölkerung.

Deutschlandweit sind im vergangenen Jahr rund 48.000 Menschen mehr gestorben als im Durchschnitt der Vorjahre. Es liegt nahe, dass der Anstieg der Sterbezahlen mit dem Coronavirus zu tun hat. „Das läuft auch parallel mit den gemeldeten Covid-19-Fällen. Von einem ursächlichen Zusammenhang ist also auszugehen“, sagt Tim Friede, Leiter des Instituts für Medizinische Statistik der Universitätsmedizin Göttingen. In der ersten Welle sei der Zusammenhang nicht so stark ausgeprägt gewesen, in der zweiten sei er „nicht mehr wegzudiskutieren“, so der Experte.

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Die erhöhte Sterblichkeit ist laut einer Studie des Ifo-Instituts besonders auf mehr Todesfälle in der Altersgruppe ab 80 Jahren zurückzuführen. In der Kalenderwoche 50 (7. bis 13. Dezember) entfielen fast 70 Prozent aller Toten, die mit dem Virus in Zusammenhang gebracht wurden, auf diese Gruppe. Das Risiko an einer Corona-Infektion zu sterben, lag demnach bei Menschen über 80 Jahren bei mehr als 21 Prozent. „Für die jüngeren Altersgruppen dagegen haben die staatlichen Maßnahmen funktioniert. Ihre Sterblichkeitsrate war bis in den November nicht höher als üblich“, sagt Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden.

Zumindest ein Teil der Übersterblichkeit ist laut den Statistikern auf die Demografie zurückzuführen: Jedes Jahr wird die Altersgruppe der Über-65-Jährigen größer. Wenn es von Jahr zu Jahr mehr alte Menschen gibt, sterben auch mehr Angehörige dieser Altersgruppe. Das Ifo-Institut geht davon aus, dass rund die Hälfte der deutschlandweiten Übersterblichkeit darauf zurückzuführen ist.

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Der einfachste Weg, den Einfluss der Pandemie auf die Sterbezahlen zu messen, wäre ein aktueller Mortalitätsindex – also eine Datenbank, in der alle Gestorbenen und ihre Todesursachen aufgelistet sind. „In Bremen gibt es bereits einen Mortalitätsindex, der durchaus ein Vorbild für andere Bundesländer war und ist“, sagt Hajo Zeeb vom Bips. Generell komme die Entwicklung aber nur schleppend voran.

Mit einer flächendeckenden Todesursachenstatistik könnten etwa auch mögliche positive Effekte der Schutzmaßnahmen auf andere Infektionskrankheiten wie die Grippe untersucht werden. „Allerdings ist noch offen, ob nicht auch gegenläufige Bewegungen geschehen sind, weil etwa Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen weniger gut versorgt werden konnten“, sagt Zeeb. Bis diese Fragen abschließend geklärt werden können, wird es noch dauern: Für Deutschland wird Ende 2021 mit einer detaillierten Statistik gerechnet.

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