Fünf Monate Corona

Bremer Helden des Alltags – so geht es ihnen heute

Zu Beginn der Corona-Pandemie haben wir 14 Bremer vorgestellt, die unbeeindruckt ihren Job gemacht haben, Helden des Alltags sozusagen. Jetzt, fast fünf Monate später, haben wir einige von ihnen erneut besucht.
16.08.2020, 05:00
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Bremer Helden des Alltags – so geht es ihnen heute
Von Marc Hagedorn
Bremer Helden des Alltags – so geht es ihnen heute

Auch in Corona-Zeiten sitzt Martina Bohlken an der Supermarktkasse.

Christina Kuhaupt

Als Corona ab Mitte März große Teile des öffentlichen Lebens in Deutschland lahmlegte, gab es Menschen, die trotzdem weitermachen mussten wie bisher. Menschen, für die es kein Homeoffice gab, keine Rückzugsmöglichkeit in die eigenen vier Wände. Menschen, die versorgen, pflegen, helfen. „Helden des Alltags“ hatte der WESER-­KURIER sie damals genannt und 14 von ihnen stellvertretend für die vielen anderen porträtiert. Das war Ende März. Jetzt, Mitte August, haben wir bei einigen von ihnen noch einmal nachgefragt. Wie geht es ihnen heute? Was bedeutet Corona jetzt für ihren Alltag?

Jasmin Burkhardt - Pflegekraft Stiftungsresidenz Marcusallee - „Helden des Alltags“
Foto: Christina Kuhaupt

Pflegefachkraft Jasmin Burkhardt

Jasmin Burkhardt macht nicht den Eindruck, als ließe sie sich so leicht unterkriegen. Dabei herrscht bei ihr im Job seit fast einem halben Jahr Ausnahmezustand. Burkhardt ist Pflegekraft und Bereichsleiterin in der Stiftungsresidenz Marcusallee. Seit Monaten sorgt Corona dafür, dass sie und ihre Kollegen noch mehr Arbeit haben als sowieso schon. Trotzdem schafft sie es immer noch, jeden Tag motiviert zur Arbeit zu kommen.

Sie lobt den Teamgeist unter den Kollegen. Sie freut sich über das Eis, das die Heimleitung an heißen Tagen spendiert. Sie ist froh, dass es ihr gelingt, zu Hause auf der Terrasse abschalten zu können. Am Anfang hatten sie und ihre Kollegen die große Sorge gehabt, Überträger des Virus zu sein. Jetzt ist sie auch ein bisschen stolz darauf, dass die Stiftungsresidenz Marcusallee bisher komplett coronafrei durch die Krise gekommen ist.

Lesen Sie auch

Aber man sollte deshalb nicht annehmen, dass Corona gar nicht so schlimm sei. Es ist schlimm. „Corona nervt“, sagt Burkhardt, „ich kann es nicht mehr hören.“ Corona heißt für sie und ihre Kollegen: immer neue Verordnungen, immer neue Aufgaben. Die Mitarbeiter in den Wohnbereichen waren während der Besuchssperre eine Art Ersatzangehörige. Jetzt, da Kontaktregeln gelockert werden, sind sie Organisatoren der Besuchszeiten. „Wir laufen uns die Füße rund“, sagt Burkhardt. Machen Termine. Holen Angehörige an der Pforte ab. Bringen Bewohner zur Pforte. Müssen immer wieder Angehörige überreden, doch spazieren zu gehen statt in die Zimmer zu drängen.

Zu Beginn der Corona-Krise gab es buchstäblich Applaus von den Menschen, die Beifall klatschten für jeden, der in einem der sogenannten systemrelevanten Berufe arbeitet. Auch die Politik sparte nicht mit Lob. Aber Burkhardt ist ganz ehrlich: „Vom Applaus können wir uns nichts kaufen.“ Zwar freut sie sich über Prämie, die je nach Bundesland bis zu 1500 Euro hoch sein kann. Aber erstens, sagt sie, ändere das nichts am grundsätzlichen Problem: „Die Pflegeberufe müssen dauerhaft besser bezahlt werden.“ Und zweitens hätten längst noch nicht alle Kollegen den von der Politik versprochenen Bonus bisher bekommen. Etwa diejenigen, die in Krankenhäusern arbeiten. „Das finde ich total unfair“, sagt Burkhardt.

Auch Kollegen aus ihrem Haus warten noch auf Geld. Um die Prämie zu erhalten, so will es die Politik, muss ein Mitarbeiter belegen, drei Monate im Prinzip durchgearbeitet zu haben. Wer zwischendurch nur kurz krank war, hat noch keine Prämie erhalten. Bis Jahresende kann der 90-Tage-Nachweis noch erbracht werden, aber irgendwie hatten Burkhardt und ihre Kollegen das mit der Belohnung anders verstanden. Sie wünscht sich jetzt, dass Corona ihren Alltag demnächst nicht mehr so sehr bestimmt, wie es jetzt der Fall ist. „Aber“, sagt sie, „ich befürchte, Corona wird uns dauerhaft beschäftigen.“

Martina Bohlken - Edeka am Dobben - „Helden der Arbeit“
Foto: Christina Kuhaupt

Supermarktkassiererin Martina Bohlken

Martina Bohlken muss seit fünf Monaten ein Kunststück vollbringen. Sie darf sich keine Gedanken machen in einer Zeit, die dazu drängt, dass man sich pausenlos Gedanken macht. Bohlken muss Kontakte zu Menschen vermeiden in einem Beruf, der ohne Kontakte nicht auskommt. Sie sitzt im Edeka am Dobben an der Kasse. „Ich muss vieles einfach ausblenden“, sagt sie.

Das ist gar nicht so leicht. Es geht schon morgens los. Um von ihrer Wohnung in Delmenhorst in die Bremer City zu kommen, muss sie Bus, Bahn und Straßenbahn benutzen. Da kann einem schon mulmig werden mit so vielen fremden Menschen auf engem Raum. „Zumal es solche und solche gibt“, sagt Bohlken. Sie kennt ihre Pappenheimer aus dem Laden: Menschen, die sich nicht darum scheren, dass es eine Maskenpflicht gibt. Menschen, die auf Abstandsregeln pfeifen.

Lesen Sie auch

Sie weist diejenigen dann darauf hin, und meistens ist es dann auch gut. „Zu Anfang war es schlimmer“, sagt sie, „inzwischen sind Maske und Abstand für viele zur Routine geworden. Obwohl das eine Routine ist, die ich nicht will. Mich nervt Corona, ich würde mir wünschen, es wäre vorbei.“

Fürs Erste hat sie zumindest im Job eine Pause von Corona. Der Edeka am Dobben hat noch bis Anfang September geschlossen, er wird solange renoviert. Bis zur Wiedereröffnung hat sie frei. „Eine Pause tut mal gut“, sagt sie. Auf ihren geplanten Finnland-Urlaub muss sie allerdings verzichten. Es war kein Zimmer mehr zu kriegen.

Judith Wolter - Taxifahrerin - „Helden der Arbeit“
Foto: Christina Kuhaupt

Taxifahrerin Judith Wolter

Judith Wolter erzählt jetzt die Geschichte von einem Mädchen, das vor ein paar Wochen aus Australien zurück nach Bremen gekommen ist. Mit dem Flieger von Melbourne nach Senegal, von dort weiter nach Berlin und von Berlin schließlich mit dem Flixbus nach Bremen. „Australien“, sagt Wolter, „Risikogebiet.“ Da schrillen bei ihr automatisch die Alarmglocken. Melbourne hatte zu der Zeit gerade den zweiten Lockdown hinter sich. „Und glauben Sie, die Passagiere wären irgendwo unterwegs getestet worden? Nicht in Australien, nicht in Dakar, nicht in Berlin. Und wir fahren die Leute dann vom Breitenweg nach Hause.“

Judith Wolter ist kein ausgesprochen ängstlicher Mensch. Sie fährt seit 30 Jahren Taxi, da hat sie die dollsten Sachen erlebt. Aber wenn sie daran denkt, dass das Coronavirus keine Ländergrenzen kennt, wird ihr jedes mal bewusst, auf was für heikle Situationen sie sich in ihrem Job einlassen muss. Wie soll sie wissen, woher ihre Fahrgäste kommen? Mit wem sie Kontakt hatten? Ob sie nicht vielleicht das Coronavirus mit sich herumtragen?

Wolter trifft so viel Vorsorge wie möglich. Sie trägt Mundschutz. Sie hat vorne im Fenster ein Schild aufgehängt mit dem Hinweis, bitte hinten einzusteigen. Und sie hat in ihrem Großraumtaxi, einem Vito, eine Plexiglasscheibe, die die Fahrerkabine vom hinteren Bereich abtrennt. Das macht das Unterhalten zwar so gut wie unmöglich, aber lieber so, sagt sie, als zu wenig Abstand.

Lesen Sie auch

Vor vier, fünf Monaten war das Taxigeschäft fast komplett am Boden. Nur Krankenfahrten habe sie zu der Zeit gemacht, sagt Wolter, drei, vier Fahrten insgesamt pro Tag. Heute sind es im Schnitt um die zehn Touren täglich, und es sind ab und an auch schon wieder Geschäftsreisende und Touristen dabei. Aber kein Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. „Die Ausfälle holen wir nicht wieder rein“, sagt sie.

Dass es Leute gibt, die bestreiten, dass es Corona gibt oder das Virus verharmlosen, „erschreckt mich“, sagt Wolter. Sie kennt Menschen, die positiv getestet worden sind, und weil eine ihrer Töchter Kontakt zu einer infizierten Person hatte, musste das Mädchen für zwei Wochen in Quarantäne. Dass nun die Urlauber nach und nach aus dem Urlaub zurückkommen, sieht Wolter mit gemischten Gefühlen. Natürlich, die Rückkehrer sind potenzielle Kunden, aber auch eine Gefahr. „Deshalb“, sagt Wolter, „wünsche ich mir Zwangstests noch am Flughafen.“

Hans Michael Mühlenfeld (Hausarzt) 
 Ein großer Teil meiner täglichen Arbeit ist inzwischen, den Patienten ihre Sorgen wegen des Corona-Virus zu nehmen. Ihnen zu erklären, dass dies für die allermeisten nicht schlimm ist. Das ist oft nicht einfach, weil viele denken, dass sie selber vom Tode bedroht sind. Ein anderer Teil meiner Arbeit ist es, die Risiko-Gruppe zu informieren, unter anderem durch schriftliche Patienteninformationen des Hausärzteverbandes. Um infektiöse Patienten von den anderen zu trennen, dürfen Patienten mit grippalen Symptomen unsere Praxis nicht mehr betreten. Wir beraten über das Telefon, was gut funktioniert. Für den Krankheitsverlauf des Patienten spielt es erst keine Rolle, welches Virus, ob Corona oder Influenza, sie in sich tragen. Die Anweisungen sind gleich: "Bleiben Sie zuhause, hören Sie auf Ihren Körper. Nehmen Sie gegebenenfalls Paracetamol". Erst wenn der Patient dann Probleme bekommt, wie beispielsweise eine Lungenentzündung, würde ich ihn ins Krankenhaus überweisen. Dort wird erst der Abstrichtest gemacht. Ich bin, und auch Hausärzte allgemein, eher zurückhaltend mit der Abstrich-Diagnostik. Ich habe mit den richtigen Verdachtsfällen bisher wenig zu tun. Aber das ist nur noch eine Frage der Zeit, die Zahlen steigen ja jeden Tag.
Foto: Karsten Klama

Hausarzt Hans Michael Mühlenfeld

Hans Michael Mühlenfeld hat in den vergangenen Monaten eine ganze Menge gelernt über das Leben, über die Menschen, die Politik und seine Patienten. Seit 27 Jahren führt der Mediziner eine eigene Praxis. Zu Beginn der Corona-Pandemie war seine größte Sorge, dass seine Patienten nicht mit der Situation klar kommen könnten. Heute sagt er: „Meine Patienten haben das super gemacht.“ Was ihn dabei ein wenig überrascht hat: „Je älter und je kranker die Leute, desto besser sind sie durch die vergangenen Monate gekommen.“ Woran das liegt? Der Mediziner überlegt einen Moment. „Vielleicht liegt es an der Lebenserfahrung: Wer einen Krieg und Bombenangriffe überlebt hat, kann die Dinge vermutlich besser einordnen, jedenfalls besser als manch Jüngere, die geradezu hysterisch darauf reagieren, dass sie jetzt eine Maske tragen müssen. Mein Gott, eine Maske, als ob das unzumutbar wäre.“

So positiv ihn seine Patienten überrascht haben, so enttäuscht ist Mühlenfeld von der Politik. „Dass sie anfangs unsicher war, na gut, das konnte man vielleicht noch verstehen“, sagt er, „aber dass sie anhaltend inkompetent auftritt, kann ich nicht begreifen.“ Ein Beispiel: „Das Problem der Urlaubsrückkehrer war monatelang absehbar“, sagt er, „und was macht die Politik? Bastelt übers Wochenende eine Notverordnung.“

Lesen Sie auch

Weil die Unsicherheit bei vielen Rückkehrern groß war, mussten Mühlenfeld und Kollegen das ausbaden. Viele Urlauber steuerten schnurstracks die nächste Praxis an, um einen Test machen zu lassen. „Gesunde Reiserückkehrer in Praxen zu schicken – wie kann die Politik auf so etwas kommen?“ Mühlenfeld testet in seiner Praxis nur Patienten mit Symptomen, alle anderen verweist er ans Gesundheitsamt. „Ich muss das machen, um meine Praxis clean zu halten“, sagt er. Noch besser wäre es, jeder Rückkehrer ließe sich gleich am Flughafen testen.

In die nächsten Monate blickt Mühlenfeld verhalten optimistisch. „Wir lernen dazu“, sagt er, „von den Verhaltensregeln her, an Mundschutz, Hygiene und Abstand haben wir uns immer mehr gewöhnt. Aber auch medizinisch und in der Forschung gibt es Fortschritte. Es wird viel Geld investiert, und über kurz oder lang werden wir einen Impfstoff haben.“ Nur eine Sorge lässt ihn nicht los. „Ich hoffe wirklich, dass die Politik dazu lernt und keinen Murks mehr macht.“

Helden des Alltags - Kim Willner vom Ordungsamt
Foto: Frank Thomas Koch

Kim Jana Willner vom Ordnungsdienst

Es gab eine Zeit, da haben Kim Jana Willner und ihre Kollegen vom Ordnungsdienst Radfahrer verwarnt, wenn diese verbotenerweise durch die Fußgängerzone gebrettert sind. Sie haben Raucher angesprochen, die achtlos ihre Kippe in die Gegend geschnippt haben. Oder sie haben Herrchen darauf hingewiesen, den Hund doch bitteschön vorschriftsgemäß anzuleinen. Das alles macht der Ordnungsdienst auch jetzt noch. „Aber gefühlt haben 80 Prozent unserer Einsätze inzwischen mit Corona zu tun“, sagt Willner.

Viele Bürger geben Hinweise zu vermeintlichen Corona-Verstößen: Hinweise auf Geschäfte, die es angeblich mit der Maskenpflicht nicht so eng sehen. Hinweise auf Wirte, die geltende Abstandsregelungen mutmaßlich zu lax handhaben. „Wir überprüfen das dann“, sagt Willner. Nicht selten müssen sie und ihre Kollegen feststellen, dass es sich um Einzelfälle handelt. Ein einziger Kunde, der die Maske unterhalb der Nase trägt.

Ein einziger Gast, der einem anderen zu nahe kommt. „Manchmal wünsche ich mir, dass die Leute sich ein genaueres Bild von der Situation machen, bevor sie uns rufen“, sagt Willner. Sie will nicht missverstanden werden: „Ich habe absolut kein Verständnis für Verweigerer. So wie man im Dunkeln an seinem Fahrrad das Licht anmacht, so trägt man während Corona eine Maske. So einfach ist das. Aber man sollte genau beobachten, ob tatsächlich immer gleich systematische Verstöße vorliegen oder ob es sich vielleicht nur um eine Ausnahme handelt.“

Lesen Sie auch

Willner ist mit einem oder zwei Kollegen vor allem in Bremen-Mitte im Einsatz. Auf ihren Touren durch die City hat sie den Eindruck gewonnen, dass bei den meisten Menschen ein angemessenes Bewusstsein für Corona und die erforderlichen Maßnahmen vorhanden ist.

Etwas anders sieht es an Wochenenden aus, wenn die Leute in den Straßen feiern und trinken. Und die Straßenbahn ist auch so ein kritischer Ort. Dort trifft der Ordnungsdienst immer wieder auf Maskenverweigerer. „Aber wenn wir die Leute ansprechen, setzen sie die Maske fast immer sofort auf“, sagt Willner. Manchmal behaupten Fahrgäste auch, ihre Maske leider vergessen zu haben. Als Ausrede taugt das bei Willner und ihren Kollegen aber nicht. Sie haben meist Ersatzmasken dabei und helfen gern mit einem Exemplar aus.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+