Uni und Hochschulen

Wintersemester in Bremen mit Mischung aus Präsenz- und Onlineveranstaltungen

Das Wintersemester an den staatlichen Hochschulen in Bremen soll in einer hybriden Form stattfinden. Das bedeutet die Lehre wird in einer Mischung von Präsenzveranstaltungen und digitaler Form abgehalten.
11.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Mario Nagel
Wintersemester in Bremen mit Mischung aus Präsenz- und Onlineveranstaltungen

In normalen Zeiten büffeln an der Universität Bremen tausende Studierende - das will das Rektorat jetzt unbedingt vermeiden.

Christian Walter

Das kommende Wintersemester an den staatlichen Hochschulen soll in einer so genannten hybriden Form stattfinden. Nachdem große Teile des Sommersemesters 2020 in digitaler Form abgehalten wurden, soll es nun eine Mischung aus Präsenz- und digitaler Lehre geben. Fächer, bei denen die Anwesenheit der Studierenden notwendig ist, sollen in den Hochschulen unterrichtet werden. Das teilte das Wissenschaftsressort nach Gesprächen mit den Leitungen der Universität Bremen, der Hochschule Bremen, der Hochschule Bremerhaven sowie der Hochschule für Künste mit.

„Aufgrund der zu erwartenden Entwicklungen in der Corona-Pandemie wird es ein ‚hybrides Semester‘ aus Präsenzangeboten und digitalen Angeboten geben“, sagt Claudia Schilling (SPD), Senatorin für Wissenschaft und Häfen. Zudem sollen Studierende im ersten Semester für einzelne Vor-Ort Veranstaltungen an die Hochschulen kommen, um einen guten Einstieg ins Hochschulleben zu finden, teilte das Wissenschaftsressort mit.

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Biologie-Professor Thomas Hoffmeister, Konrektor für Lehre und Studium an der Universität Bremen, sieht die Hybrid-Lösung als richtigen Weg. „Wir werden die Präsenzlehre vor allem da anbieten, wo es wirklich nötig ist.“ Eine vollständige Rückkehr der Studenten an die Universität sei unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregelungen nicht möglich. „Die Uni Bremen ist räumlich sowieso schon unterausgestattet. Mit den Abstandsregelungen passt es dann vorne und hinten nicht. Wir brauchen die digitale Welt“, betont Hoffmeister.

Annemarie Krebs, Vorstandsmitglied des Allgemeinen Studierenausschusses (Asta) an der Uni Bremen, ist von einer digitalen Lehre dagegen nicht überzeugt. „Dadurch wird die soziale Ungleichheit zwischen den Studieren nur noch verschärft.“ Wenn im Wohnheim oder in einer Wohngemeinschaft mehrere Studierende zugleich eine Vorlesung verfolgten, breche die Internetverbindung oft zusammen.

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Nach den Erfahrungen im Sommersemester fordert die Germanistik-Studentin zudem Verbesserungen für das Wintersemester. „Die Studis haben uns eine Reihe von Problemen mitgeteilt. Hier werden wir das Gespräch mit dem Rektorat suchen“, sagt Krebs. Vor allem die von vielen Dozenten gewählte Nutzung der Video-Kommunikationsplattform Zoom, die wegen möglicher Verletzungen des Datenschutzes in der Kritik steht, stoße vielen Studierenden sauer auf. „Einige Studis weigern sich, Zoom zu benutzen, und die Dozenten weigern sich, auf andere Plattformen auszuweichen. Hier muss eine Lösung her“, fordert Krebs.

Studierende, die im letzten Semester sind, stünden zudem vor großen Problemen, weil Labore, Schulen oder Einrichtungen, in denen ein Praktikum absolviert werden soll, geschlossen sind. Dazu sei der Zeitaufwand für Seminare unverhältnismäßig gestiegen, die Qualität der Lehre gesunken und eine Barrierefreiheit in vielen digitalen Angeboten nicht gegeben. „Wenn ein Dozent eine PDF-Datei zur Verfügung stellt, muss diese von einem Computer vorgelesen werden können. Aber blinde Studis haben kritisiert, dass hier keine Rücksicht auf sie genommen wird.“

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Konrektor Hoffmeister weiß um die Belastung für Dozenten und Studierende sowie um die mit der digitalen Lehre einhergehenden Probleme. Er sagt aber auch: „Es ist uns gelungen, in kürzester Zeit 90 Prozent unserer Lehr-Angebote digital umzusetzen.“ Auch er habe viel Feedback erhalten, von „es läuft toll“ bis „das ist noch entwicklungsfähig“ sei die ganze Palette dabei gewesen. „Wir machen gerade eine Abfrage und erstellen dann eine Rangliste, welche Dinge am dringendsten angegangen werden müssen“, sagt der Professor.

Dazu zählt sicherlich, die Digitalisierung der Uni Bremen weiter auszubauen. Die Politik hatte ein Sofortprogramm in Höhe von 2,1 Millionen Euro verabschiedet, um die Infrastruktur für die digitale Lehre an der Uni Bremen nachzubessern. „Dafür bin ich sehr dankbar, denn wir waren nicht auf eine so stark ausgeprägte digitale Lehre ausgelegt“, sagt Thomas Hoffmeister. Annemarie Krebs sieht genau hier den Fehler: „Die Digitalisierung wurde in den letzten Jahren verpennt und immer aufgeschoben. Jetzt geht sie zu langsam voran“, sagt das Asta-Vorstandsmitglied.

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Dem widerspricht Sebastian Rösener, Sprecher des Wissenschaftsressorts: „Unsere Hochschulen haben sich bereits lange vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie intensiv mit Digitalisierungskonzepten sowie mit dem Forschen und Lehren in der Zukunft auseinandergesetzt.“ Diese Konzepte seien in hohem Tempo weiterentwickelt worden, sodass die digitale Herausforderung keine Hochschule komplett unvorbereitet getroffen habe. Zudem habe der Bremer Senat schnell reagiert und die Hochschulen mit dem „Sofortprogramm für digitale Lehre und Studierendenservice“ unterstützt – mit einem Volumen von vier Millionen Euro.

Von einer raschen und vollständigen Rückkehr zur Präsenzlehre halten weder die Universität noch der Asta etwas. Mehr als 3000 Dozenten und Professoren, darunter gut 30 aus Bremen, hatten dies in einem offenen Brief gefordert. „Ich rege mich über diesen Brief wahnsinnig auf. Es wird völlig vergessen, dass wir eine Pandemie haben und was passieren kann, wenn wir 20 000 Studierende auf engstem Raum zusammenkommen lassen“, kritisiert Konrektor Hoffmeister. Annemarie Krebs sieht das ähnlich. „Eine schnelle Rückkehr würde Menschen unnötig gefährden, außerdem droht ein zweiter Lockdown.“

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