Pandemie belastet Partnerschaften Bremer Paarberatungsstellen erwarten erhöhten Bedarf

Bremer Beratungsstellen registrieren keine erhöhte Nachfrage nach Paarberatung, gehen aber von mehr Bedarfen aus, wenn die Corona-Krise überstanden ist. Denn mehr Zeit miteinander macht Probleme deutlicher.
06.02.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremer Paarberatungsstellen erwarten erhöhten Bedarf
Von Ulrike Troue

Ein erhöhter Bedarf in Paarberatungsstellen ist nach Einschätzung von Psychologen und Sozialpädagogen absehbar. Denn mehr gemeinsame Zeit wirkt nicht nur bestärkend und stabilisierend, sondern offenbart auch Probleme und Schwächen.

Ob sich wirklich mehr oder weniger Klientinnen oder Klienten anmelden, kann die Psychologische Psychotherapeutin Alix Schröder, die seit Jahren als Paar- und Sexualberaterin bei „pro familia“ arbeitet und in eigener Praxis tätig ist, nicht repräsentativ sagen. Aber: „Grundsätzlich sind die Gründe der Anmeldungen nicht anders als sonst. Nur in dieser Krisensituation dringender.“

Sie hat ebenso wie Berater Winfried Herzog von der Beratungsstelle „Offene Tür“ des katholischen Gemeindeverbandes den Eindruck, dass sich eher etwas weniger Paare melden. Denn es gilt als „oberste, solidarische Priorität, Kontakte zu vermeiden.“ Außerdem ist Angst gegenwärtig ein dominantes Gefühl, was unter anderem zu Rückzug führen kann. Bei manchen könnten sich die Probleme deshalb verstetigen, glaubt Alix Schröder. „Damit werden wir später in der Beratung zu tun haben.“

Lesen Sie auch

Corona erschwert auch laufende Trennungsprozesse

„In der Praxis gestalten sich die Probleme sehr vielfältig, weil jede Paarkonstellation anders ist“, erklärt Pastor Ulrich Leube. Er leitet seit zehn Jahren die Familien- und Lebensberatungsstelle der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK). Während des Lockdown kann Ulrich Leube nur Telefon-, Online- oder Videoberatungen anbieten. Die Akzeptanz und der Erfolg der Videoberatungen „sind erstaunlicherweise positiv“, stellt er fest. Sie sollen als Standardangebot fortgeführt werden, weil sich somit die Flexibilität der BEK-Beratungsstelle erhöht.

Die Kostenbeteiligung an der psychologischen Beratung der BEK beträgt in der Regel ein Prozent des Nettoeinkommens pro Sitzung. „Wer nichts zahlen kann, kann trotzdem zur Beratung kommen“, sagt der Leiter. „Sie soll offen für alle sein.“ Gleiches gilt für die Beratungsstelle „Offene Tür“ des katholischen Gemeindeverbandes. Dort ist das erste Gespräch kostenfrei. Danach wird eine Kostenbeteiligung entsprechend der Einkommensverhältnisse erbeten.

Winfried Herzog zufolge ist die Zahl der „wirklich neuen Anfragen eher runtergegangen“. Viele hielten sich ob der gesetzlichen Vorgaben und aus Angst zurück, andere, weil existenzielle Sorgen in den Vordergrund getreten seien, vermutet er. Nach Herzogs Worten hat es in dieser „zwiespältigen Situation“ Ausstiege aus Beratungsprozessen gegeben, zudem erschwert die zusätzliche Belastung durch Corona laufende Trennungsprozesse.

Beratungsstelle „Offene Tür“ kann „sehr flexibel“ reagieren

Die Beratungsstelle „Offene Tür“ kann nach Winfried Herzogs Auskunft derzeit „sehr flexibel“ auf Anfragen reagieren und innerhalb von zwei Wochen einen Termin anbieten. Sie bereitet ein Online-Angebot vor und hat von Montag bis Freitag (10 bis 13 und 15 bis 17 Uhr) offene Sprechstunde.

Die Konfrontation mit dieser existenziellen Corona-Krise, bei der es um Leben und Tod geht, führt bei manchen dazu, sich die Partnerschaft genauer anzuschauen: Wie will ich leben? Diesen generellen Eindruck hat Alix Schröder von „pro familia“. Weil es weniger Ablenkung durch Freizeitaktivitäten und andere soziale Kontakte gibt, erhöht sich aus ihrer Sicht natürlich der Erwartungsdruck auf das eigene und das partnerschaftliche Glück, was zu mehr Streit und Trennungsabsichten führt.

„Nicht zu unterschätzen ist, dass gerade das Geld zusammengehalten werden muss und viele sich überlegen müssen, was sie als dringend notwendig erachten, was nicht“, spricht Alix Schröder einen weiteren Aspekt an. Die Beratungsstelle „pro familia“ hat die Auflage, Einnahmen zu verlangen, um das Personal mitzufinanzieren. Der reguläre Stundensatz schrecke sicher manchen erst einmal ab, weiß die Therapeutin. Bei der Anmeldung oder im Erstgespräch könne aber auf Sachebene besprochen werden, wie viel die Beratung aktuell kosten darf, damit sie nicht zu Zusatzproblemen führt. „Lösungen finden wir eigentlich immer.“

Weitere Informationen

Die Familien- und Lebensberatungsstelle der Bremischen Evangelischen Kirche ist telefonisch unter 33 35 63 und online unter https://www.kirche-bremen.de/rat/ful/familien_lebensberatung_start.php zu erreichen.

Die Beratungsstelle „Offene Tür“ des Katholischen Gemeindeverbands Bremen hat die Telefonnummer 32 42 72 und E-Mail-Adresse: offene-tuer.bremen@t-online.de.

Die „pro familia“-Beratungsstelle Bremen hat die Telefonnummer 340 60 30 und die E-Mail-Adresse bremen@profamilia.de.

Kontakt zur Telefonseelsorge Bremen kann unter der bundesweit einheitlichen Rufnummer 08 00 / 111 0 111 oder per E-Mail an telefonseelsorge@kirche-bremen.de aufgenommen werden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+