Zu Hause lernen in der Corona-Krise

Bedürftige Schulkinder in Bremen sollen leihweise Tablets erhalten

Mit mehr als 10.000 Tablets will Bremen sicherstellen, das sämtliche Schulkinder im Land digital mithalten können. Bei der Digitalisierung des Schulunterrichts sind aber auch die Lehrkräfte gefordert.
03.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Bedürftige Schulkinder in Bremen sollen leihweise Tablets erhalten
Von Frank Hethey
Bedürftige Schulkinder in Bremen sollen leihweise Tablets erhalten

So wichtig wie die Tafel oder das Schulheft: Jedes Schulkind soll ein Tablet benutzen können.

Wolfram Kastl /dpa

Das Land Bremen wird mehr als 10.000 Tablets leihweise an bedürftige Schulkinder verteilen. Diese Zahl hat die Bildungsbehörde genannt. Das nötige Geld für die Anschaffung der digitalen Geräte erhält Bremen aus dem Sofortprogramm, das der Bund Mitte Mai als Ergänzung zum Digitalpakt Schule aufgelegt hatte. Damit sollen gleiche Voraussetzungen unter allen Kindern für das digitale Lernen zu Hause geschaffen werden. Der Bremer Anteil beläuft sich auf 4,8 Millionen Euro. „Aber das ist natürlich nicht ausreichend“, sagt Ressortsprecherin Annette Kemp. Deshalb werde das Land die Anzahl der Tablets noch mit Mitteln aus dem neuen Bremen-Fonds aufstocken.

Verteilt werden die Leih-Tablets an alle Schulträger im Land, auch die Privatschulen profitieren davon. Das Land bestellt die Minicomputer zentral, ein Teil ist laut Kemp dank frühzeitiger Bestellung bereits eingetroffen. „Wir sind in engen Gesprächen mit den Schulleitungen, um die Geräte möglichst schnell an die Schulen zu bekommen.“ Zum neuen Schuljahr sollen dann möglichst sämtliche Schülerinnen und Schüler landesweit Zugriff auf ein digitales Endgerät haben.

Lesen Sie auch

Wer Anspruch auf ein Leihgerät hat, entscheidet sich nach dem schulischen Sozialindex. Dieser Index setzt sich aus individuellen Daten der einzelnen Schülerinnen und Schüler zusammen. Dabei spielen die finanziellen Möglichkeiten der Eltern ebenso eine Rolle wie die individuellen Bedürfnisse der Kinder. Wie viele digitale Endgeräte exakt vonnöten sind, ermitteln die einzelnen Schulen autonom. „Das kann man nicht zentral regeln“, sagt Kemp. Organisatorisch vorgelegt haben nach ihrer Kenntnis bereits die Oberschule Habenhausen und die Oberschule an der Koblenzer Straße in Osterholz-Tenever. „Diese Schulen haben schon ein Leihsystem aufgebaut.“

Über die digitale Kompetenz der Schülerinnen und Schüler macht sich Kemp keine Sorgen. „Von den Schülern können 98 Prozent mit einem Smartphone umgehen“, sagt sie, „mit einem Tablet ist das nicht viel anders.“ Weniger locker sieht Barbara Schüll die Angelegenheit. „Es reicht nicht, einfach nur Geräte anzuschaffen und die dann zu verleihen“, sagt die Sprecherin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Ein Leihgerät ersetzt nicht die Lehrkraft.“ Der Umgang mit den Geräten müsse geübt werden, dafür brauche es eine kompetente Anleitung. Ungeklärt sei auch, was im Schadens- oder Verlustfall passiere.

Kein vollwertiger Ersatz für den Schulunterricht

Unstrittig ist, dass Lernen zu Hause – fälschlich gern auch Homeschooling genannt, womit aber vollständiger Unterricht durch die Eltern gemeint ist – kein vollwertiger Ersatz für den Schulunterricht ist. Es müsse das Primat der Pädagogik gelten, fordert Arne Hendrik Ruhe, Referatsleiter Medienpädagogische Beratung und Unterstützung am Zentrum für Medien im Landesinstitut für Schule (Lis). „Die Technik muss den Unterricht sinnvoll ergänzen.“ Denn: Durch das Tablet würden die Kinder nicht automatisch intelligenter.

Gefordert sind beim digitalen Lernen auch die Lehrerinnen und Lehrer. Das Lis verzeichnet nach eigenen Angaben seit den Schulschließungen Mitte März eine gestiegene Nachfrage nach Online-Fortbildungen. Bisher sind fünf Webinare zur Nutzung der Lernplattform Itslearning mit mehr als 1000 Teilnehmern abgehalten worden. Hinzu kommen 15 vertiefende Online-Fortbildungen mit mehr als 250 Teilnehmern. Dabei ging es um kreative Medienarbeit, die pädagogisch sinnvolle Nutzung von Software für Videokonferenzen und die Handhabung von Lernsoftware unter den Bedingungen der Schulschließungen. Weitere Fortbildungen sind Ruhe zufolge in Planung.

Lesen Sie auch

Seit den Schulschließungen sind die Zugriffe auf Itslearning rasant angestiegen. Verpflichtend ist die Nutzung aber nicht. „Das ist den Schulen relativ freigestellt“, sagt Ruhe. Von „sehr guten Nutzerzahlen“ spricht Oliver Bouwer, beim Zentrum für Medien zuständig für die Lernplattform. Im Wochenschnitt tummelten sich 55.000 bis 60.000 Nutzer auf dem Portal, vorher seien es nur 18 000 gewesen. Dieser Anstieg spiegelt sich auch in der Anzahl der Zugriffe wider: Vor der Corona-Krise zählte das Bildungsressort 40.000 Logins pro Tag, jetzt sind es 220.000 bis 240.000.

Die Schule der Zukunft

Eine Rückkehr zu den bisherigen Unterrichtskonzepten wird es nach Einschätzung der Bildungsbehörde nicht geben. „Die Schule der Zukunft wird digitaler sein als vor der Corona-Krise“, betonte Kemp. Der konkrete Unterrichtsalltag werde eine Mischform aus digitalem Lernen zu Hause und Präsenzunterricht an der Schule sein. Bis zu den Sommerferien rechnet Kemp nicht mehr mit einem lückenlosen Präsenzunterricht. Und auch danach seien kaum Verhältnisse wie vor der Corona-Krise zu erwarten. „Wir rechnen schon damit, dass es mit auszubauendem Präsenzunterricht weitergeht.“ Soll heißen: Der Unterricht wird aller Voraussicht nach nicht ausschließlich an der Schule stattfinden, Lernen zu Hause wird auch nach Ende der Ferien am 26. August fester Bestandteil des Schulalltags bleiben.

Was jetzt als Reaktion auf den Lockdown geschieht, kommt Bremen im Grunde entgegen. Bremen sei bei der Digitalisierung der Schulen auf einem guten Weg, sagt Kemp. Als erstes Bundesland hatte Bremen 2014 die Lernplattform Itslearning eingeführt. Kemp: „Tatsächlich gucken die anderen Bundesländer auf Bremen.“ Auch der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) hatte am Montag gegenüber NDR Info einen beschleunigten Ausbau des digitalen Schulunterrichts angekündigt.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+