Kommentar zur Corona-Krise in Deutschland

Ein Ritt auf der Rasierklinge

Verspielt Deutschland leichtfertig die vergleichsweise moderate Corona-Situation? Norbert Holst analysiert die Lage und beurteilt sie nicht so skeptisch.
23.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ein Ritt auf der Rasierklinge
Von Norbert Holst

Annähernd 90 Corona-Infizierte nach einer mehrtägigen Hochzeitsfeier in Hamm, viele Besucher von zwei Hamburger Bars tragen momentan das Virus, illegale Großfeiern Hunderter junger Leute mit Festnahmen und Flaschenwürfen in Berlin-Mitte und Kreuzberg. Hinzu kam am Wochenende ein sinnvollerweise abgesagtes Münchner Oktoberfest, das dann auf Dutzenden von „Wirtshaus-Wiesn“ zünftig nachgeholt wurde. Zu allem Überfluss dann noch das Bild der Bayern-Bosse, die beim Bundesligaauftakt gegen Schalke 04 dicht an dicht und ohne Maske im Stadion saßen.

Aus den Fugen geratene Events und jede Menge ähnlicher Nachrichten aus den vergangenen Tagen lassen eigentlich nur noch eine Befürchtung zu: Deutschland wagt den Ritt auf der Rasenklinge und ist dabei, die insgesamt seit Monaten vergleichsweise moderate Corona-Situation zu verspielen. Ist das bereits die von manchen Virologen und Politikern so gern herbeigeredete zweite Welle?

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Natürlich ist die gegenwärtige Zunahme der Fallzahlen ein Alarmsignal – aber kein Grund zur Panik. Deutschland steht im Vergleich zu seinen Nachbarn immer noch ziemlich gut da. Es sterben kaum noch Menschen an Covid-19, die meisten Corona-Betten in den Kliniken sind leer. Das liegt auch an institutionellen Faktoren: Das Gesundheitssystem hat sich belastbar erwiesen, die Infektionswege können oft relativ genau zurückverfolgt werden, auch die behördlichen Reaktionen vor Ort auf das Infektionsgeschehen wirken häufig angemessen.

Doch das gilt nicht überall. Es irrlichtert ausgerechnet der bisherige Primus unter den politischen Corona-Bekämpfern, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Nachdem der Sieben-Tage-Inzidenzwert in München auf über 50 geklettert ist, hat Söder die Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen wie dem Marienplatz und dem Viktualienmarkt gefordert, sich aber gleichzeitig für abgespeckte Weihnachtsmärkte ausgesprochen. Wie passt das zusammen? Und ausgerechnet Kitas und Schulen in der bayerischen Landeshauptstadt wurden angehalten, die mehrstufigen Corona-Notfallpläne scharf zu stellen – obwohl die Kinder kaum etwas mit der gestiegenen Infektionszahl zu tun haben.

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In Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg und Berlin, den Länder mit der momentanen höchsten Sieben-Tage-Inzidenz, zeigen sich die Hauptverursacher des spätsommerlichen Corona-Problems. Es sind zu mehr als 40 Prozent Urlaubsrückkehrer. Ein weiterer hoher Anteil fällt auf lokale Hotspots wie erlaubte Großfeiern oder illegale Partys.

An diesen Punkten sollten Politik und Behörden ansetzen. So haben zwar viele Veranstalter Reisen nach Spanien und Frankreich ausgesetzt, doch Flüge und Hotelzimmer werden in den Buchungssystemen noch immer angeboten. Und mancher Spezialreiseanbieter brachte seine Gäste schon Anfang September wieder zur Safari nach Tansania – trotz Reisewarnung. Längst fordern manche Touristik-Experten verbindlichere Reisehinweise. Zu stark habe das sommerliche Hin und Her bei den Reisewarnungen viele Urlauber verunsichert.

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Auch Signale von politischer Seite sind in ihren möglichen Wirkungen unverantwortlich. Wenn etwa das Land Berlin private Feiern mit bis zu 750 Personen zulässt, fragt man sich nur noch: Muss das wirklich sein? Auch die Zulassung von Zuschauern in den Fußball-Profi-Ligen gehört in diese Kategorie. Am vergangenen Wochenende war in verschiedenen Stadien zu beobachten, wie sich Fans unter Missachtung der Abstandsregeln fröhlich abklatschten und umarmten.

Natürlich müssen Politiker und Behörden bei Entscheidungen über Reisefreiheit und Events auch wirtschaftliche Interessen berücksichtigen. Doch schaut man etwa auf Wiesn-Ersatz, Bremer Mini-Freimarkt oder Bundesliga-Spiele mit Zuschauern, gewinnt man den Eindruck, dass manche Entscheider ihre eigenen Corona-Warnungen ignorieren.

Doch bleibt es ja jedem selbst überlassen, ob man zu derlei Veranstaltungen geht. Und wenn ja, wie verantwortlich man sich dort verhält. In einer Pandemie geht es eben nicht nur um das eigene Risikoempfinden. Wer will, dass manche Freiheiten auch über den Herbst hinaus bestehen bleiben, muss sein Teil dazu beitragen.

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