Spielraum bei den Grenzwerten

Zahl der Corona-Neuinfektionen ist kein alleiniger Entscheidungsfaktor

Mehrere Landesregierungen betrachten die jüngst beschlossene Obergrenze bei Neuinfektionen als einen von mehreren Entscheidungsfaktoren bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Das gilt auch für Bremen.
13.05.2020, 05:00
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Von Von Timo Thalmann und Peter Mlodoch
Zahl der Corona-Neuinfektionen ist kein alleiniger Entscheidungsfaktor

Unter Auflagen wieder zum Friseur. Mit Überschreitung der Grenzwerte von 50 Neuinfektionen in sieben Tagen, droht jedoch wieder eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen. Jedoch ist diese Obergrenze nur ein Entscheidungsfaktor von mehreren.

Robert Michael /dpa

Die Bremer Landesregierung wird laut Senatssprecher Christian Dohle keine strengeren Obergrenzen bei den Corona-Infektionen festlegen, als es die Bund-Länder-Vereinbarung aus der Vorwoche vorsieht. Danach müssen Landkreise oder kreisfreie Städte ein konsequentes Beschränkungskonzept umsetzen, wenn mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gezählt werden. Zuletzt lag diese Zahl für Bremen laut Robert-Koch-Institut bei einem Wert von 22,3.

Niedersachsen Sozialministerin Carola Reimann (SPD) erklärte die Zahl hingegen zu einem Richtwert. „Wir behalten uns vor, deutlich früher einzugreifen.“ Im Gespräch ist für das Land eine Rate von 30 bis 35 Neuinfektionen. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte eine strengere Auslegung schon vergangene Woche angekündigt, allerdings ohne einen neuen Grenzwert zu nennen. Ein konkreter Wert ist auch jetzt nicht per Verordnung geregelt.

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Die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen ist in Niedersachsen im Landkreis Cuxhaven mit 20,6 derzeit am höchsten. In den an Bremen grenzenden Landkreisen ist sie deutlich niedriger. Dort schwankt sie zwischen 6,4 in Delmenhorst und null im Landkreis Wesermarsch.

Einen anderen Weg schlägt der Stadtstaat Berlin ein, der am Dienstag ein eigenes Warnsystem beschlossen hat. Dabei sollen die Reproduktionsrate, die Zahl der Neuinfektionen und die Belegung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten eine Rolle spielen. Für jeden Indikator gebe es Grenzwerte, die in Form einer Ampel dargestellt werden. Bei den Neuinfektionen geht die Ampel bei der Marke von 20 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen auf Gelb. Bei 30 Neuinfektionen leuchtet sie rot.

Wenn die Ampel von gelb auf rot springt

Dasselbe System greift bei der sogenannten Reproduktionsrate: Liegt diese an mindestens drei Tagen hintereinander bei 1,1, steckt also ein Infizierter im Durchschnitt 1,1 andere Menschen mit dem Coronavirus an, leuchtet die Ampel gelb. Bei einer Rate von 1,3 leuchtet sie rot. Bei den Intensivbetten kommt die Ampel ebenfalls zum Tragen. Sind 15 Prozent aller Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt, springt sie von Grün auf Gelb, bei 25 Prozent auf Rot. Spätestens wenn zwei der drei Indikatoren auf Rot stehen, wird in Berlin beraten, ob Lockerungen zurückgenommen werden müssen.

Derartige Beschlüsse sind aus Sicht des Bremer Senats offenbar Politik für die Galerie. „Niemand wird uns davon abhalten, das Infektionsgeschehen aufmerksam zu verfolgen und frühzeitig zu reagieren, wenn wir eine neue Dynamik sehen“, sagt Dohle auf Anfrage des WESER-KURIER. Dafür brauche es keine formalen Beschlüsse. Auch Lukas Fuhrmann als Sprecher des Gesundheitsressorts ließ durchblicken, dass Bremen die beschlossene Obergrenze der Infektionsrate ähnlich wie Berlin nur als einen von mehren Indikatoren betrachtet. Zu den entscheidenden Faktoren zählen demnach neben der absoluten Zahl der Neuinfektionen auch die Kapazitäten der Bremer Intensivstationen. „Das ist deshalb von Bedeutung, weil Bremen das niedersächsische Umland mitversorgt.“

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Keine Rolle spielt die Zahl der Coronatests. Das ist jedoch eine wichtige Einflussgröße für die Rate der Neuinfektionen. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) hatte nach eigenem Bekunden schon in den Beratungen der Bund-Länder-Konferenz befürchtet, dass weniger Menschen auf Corona getestet werden, wenn eine starre Obergrenze bei den Neuinfektionen zwangsläufig zu neuen Einschränkungen führt.

Mit Blick auf diesen Zusammenhang schlagen die Grünen im Bundestag daher fünf Corona-Warnstufen mit entsprechenden Testpflichten vor. Damit solle der jeweiligen regionalen Dynamik Rechnung getragen werden. Die fünf Stufen reichen von sogenannten Hotspots bis zu Regionen, in denen es so gut wie keine Fälle gibt. In den Regionen mit besonders vielen Infektionen sollten alle Menschen vorsorglich getestet werden. Nur in Regionen mit der niedrigsten Corona-Warnstufe sollten entlang der bisherigen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts lediglich Menschen mit Symptomen getestet werden.

Kein großer Unterschied zwischen Bremen und Niedersachsen

Dohle sieht unabhängig von Beschlüssen in der realen Politik keinen großen Unterschied zwischen Bremen und Niedersachsen. Die tatsächliche Reaktion hänge stets vom konkreten Geschehen ab, insbesondere davon, ob die Gesundheitsämter die Ansteckungswege klar identifizieren und die Krankheitsfälle auf einen bestimmten Bereich wie eine Schule oder ein Pflegeheim eingrenzen könnten.

„In einem solchen Fall ist eine höhere Quote weniger dramatisch als ein niedrigerer Wert bei einer diffusen Verteilung über den gesamten Landkreis“, sagt auch Carola Reimann. Und ebenso wie die Verantwortlichen in Bremen und Berlin führt die niedersächsische Sozialministerin die jeweiligen Klinik-Kapazitäten als einen weiteren Entscheidungsfaktor an.

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