Leiter der Mosaic-Expedition im Interview

„Mit einer Pandemie hat niemand gerechnet“

Forscher des Alfred-Wegener-Institutes verbringen ein Jahr auf dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ am Nordpol. Der Leiter, Markus Rex, erklärt im Interview, für welche Schwierigkeiten das Coronavirus sorgt.
02.06.2020, 07:32
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„Mit einer Pandemie hat niemand gerechnet“
Von Katharina Frohne
„Mit einer Pandemie hat niemand gerechnet“

Professor Markus Rex an Bord der "Polarstern", die im September vergangenen Jahres zu einer 350-tägigen Expedition in die Arktis aufbrach. Durchgeführt wird die über elf Jahre geplante Forschungsfahrt vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut.

Esther Horvath

Herr Rex, ein Jahr soll das Forschungsschiff „Polarstern“ durch die Arktis driften, um das dortige Klima und somit letztlich auch den Klimawandel besser zu verstehen. Die Planungen dauerten elf Jahre, trotzdem stand die Expedition vor wenigen Wochen – und nach sechs Monaten Fahrt – kurz vor dem Aus.

Markus Rex: Tatsächlich gehört es bei einem derart groß angelegten Vorhaben dazu, alle Eventualitäten mitzudenken. Vielen Problemen haben wir direkt vorgebeugt, indem wir Alternativszenarien entworfen haben. Hätte sich beispielsweise nicht wie geplant eine Landebahn auf dem Meereis errichten lassen, über die Flugzeuge unser Forschungscamp erreichen können, hätten wir das Schiff stattdessen mit Helikoptern angeflogen. Entsprechende Treibstoffvorräte haben wir vorab auf Spitzbergen und einer russischen Inselgruppe deponiert.

Welche Notfälle haben Sie noch mitgedacht?

Medizinische beispielsweise. Auf der „Polarstern“ gibt es einen kleinen OP-Saal, außerdem sind immer eine Krankenschwester und ein Arzt an Bord. Die Mediziner sind dabei Chirurgen, die vor ihrem Einsatz verschiedene Schulungen durchlaufen, um Krankheiten außerhalb ihres Spezialgebiets behandeln zu können. Zahnschmerzen zum Beispiel.

Wurden die Ärzte schon gebraucht?

In den ersten Wochen hat sich einer der Forscher ein Bein gebrochen, das an Bord geröntgt und eingegipst wurde. Kleinere Verletzungen müssen des Öfteren versorgt werden, ich selbst habe mir einen Finger geklemmt. Größere gab es auf dieser Expedition glücklicherweise noch nicht.

Sie waren also auf sehr vieles vorbereitet. Dann kam Corona.

Mit einer Pandemie, wie wir sie gerade erleben, hat niemand gerechnet. Natürlich nicht. Umso angespannter war die Stimmung im März, als die Lage sich täglich änderte. Kaum hatten wir einen Alternativplan entwickelt, war der schon wieder hinfällig.

Vor welchen Problemen genau standen Sie dabei?

Das Personal an Bord des Schiffes – Wissenschaftler und Besatzung aus aller Welt – werden im Laufe des Jahres mehrfach ausgetauscht, außerdem bringen Zubringerschiffe Lebensmittel und Treibstoff an Bord. Das hat auch mehrfach gut geklappt – aber jetzt konnten wegen der Corona-Pandemie weder Flieger noch Schiffe kommen. Die Flughäfen waren geschlossen, auch die schwedischen und chinesischen Eisbrecher durften nicht ablegen beziehungsweise in fremde Häfen einlaufen.

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Stand die Option im Raum, die Forschungsfahrt abzubrechen?

Kurzzeitig haben wir befürchtet, dass wir keine andere Wahl haben werden, ja. Man muss ja auch bedenken: An dieser Expedition sind Menschen aus aller Herren Länder beteiligt. Die bei weltweiten Reisebeschränkungen alle an einen Ort zu bekommen, um sie gemeinsam an Bord der „Polarstern“ zu bringen, schien zwischenzeitlich beinahe unmöglich.

Und dann?

Haben wir alles darangesetzt, Lösungen zu finden, und zwar schnell. Dabei, alle Menschen nach Bremerhaven zu bringen, haben wir Hilfe der Bundespolizei und der deutschen Gesundheitsbehörden erhalten. Und dann wurden mit großartiger Unterstützung der Leitstelle deutscher Forschungsschiffe, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Ministeriums für Bildung und Forschung sehr kurzfristig die zwei deutschen Forschungsschiffe „Maria S. Merian“ und „Sonne“ zur Verfügung gestellt. Normalerweise werden solche Einsätze mindestens zwei Jahre im Voraus geplant, diesmal reichten drei bis vier Wochen. Wir sind dankbar und sehr froh, dass das geklappt hat.

Gerade befinden Sie sich an Bord der „Maria S. Merian“ vor der Küste Spitzbergens und warten darauf, auf die „Polarstern“ wechseln zu können. Mussten Sie sich zuvor in Quarantäne begeben?

Ja, alle etwa 100 Menschen, die jetzt das Schiff wechseln, haben eine strenge zweiwöchige Quarantäne hinter sich. Zusätzlich sind wir alle dreimal auf Covid-19 getestet worden.

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Im Oktober hatte sich das Schiff im Packeis einfrieren lassen. Eigentlich sollte es diese Position erst im Spätsommer verlassen. Jetzt aber muss es den Zubringerschiffen ein ganzes Stück entgegenkommen. Wird das die Forschung beeinträchtigen?

Schön ist es natürlich nicht, dass wir viele unserer Messungen unterbrechen mussten. Andere ebenso wichtige Messreihen laufen allerdings autonom weiter. Ziel unserer Drift ist ja, die Klimaprozesse, die sich in der Arktis abspielen, über ein Jahr hinweg zu beobachten. Das ist wichtig, weil es diese Daten bislang nicht gibt. Wir brauchen sie aber, um unsere Klimamodelle genauer zu machen – und dadurch exaktere Prognosen über das arktische Klima, aber auch unseres treffen zu können. Jetzt fehlen uns einige Daten über wenige Wochen. Die Alternative wäre ein Abbruch der Expedition gewesen. Da ist diese vergleichsweise geringe Lücke zu verschmerzen.

Das Gespräch führte Katharina Frohne.

Info

Zur Person

Markus Rex

ist Wissenschaftler am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und Leiter der seit September 2019 laufenden Arktis-Expedition Mosaic. Der Polarforscher, Klimaforscher und Physiker untersucht unter anderem, wie sich das Klima in den Polargebieten verändert.

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