Bremer Forscher für Transparenz

Mit der Warn-App gegen das Coronavirus

Ein Forscherteam der Uni Bremen ist der Frage nachgegangen, wie eine hohe Akzeptanz der Corona-Warn-App erreicht werden kann. Es plädiert für Transparenz und ein hohes Datenschutzniveau.
15.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Helke Diers
Mit der Warn-App gegen das Coronavirus

Tina Jahnel von der Uni Bremen hat sich mit der Frage befasst, unter welchen Voraussetzungen die Warn-App genutzt wird.

Christina Kuhaupt

Sie ist fertig und soll diesen Dienstag vorgestellt werden – die Corona-Warn-App. Was in anderen Länder bereits eingeführt wurde, kommt jetzt mit einiger Verzögerung auch in Deutschland. Die von den Unternehmen SAP und Telekom entwickelte App soll helfen, Infektionsketten zu durchbrechen. Was es braucht, damit möglichst viele Menschen die digitale Nachverfolgung unterstützen, haben Forscher und Forscherinnen der Universität Bremen in einem Hintergrundpapier zusammengestellt.

Mit der für Deutschland entwickelten Contact-Tracing-App sollen Kontakte von positiv auf Corona getesteten Menschen über ein mögliches Infektionsrisiko informiert werden. Das englische Wort „Tracing“ bedeutet übersetzt „Nachverfolgen“. Es geht also um die Kontakte, die momentan manuell von Mitarbeitern der Gesundheitsämter und sogenannten „Containment Scouts“ informiert werden. Die App soll sich mittels der Technik Bluetooth-Low-Energy (BLE) mit anderen Smartphones in der Nähe des Nutzers verbinden, wenn dort ebenfalls die App installiert ist. Dabei tauschen die Smartphones anonym sogenannte Identifikationsnummern aus. Wer positiv getestet wird, kann seine kritischen Kontakte warnen lassen. Die persönliche Identität bleibe dabei unbekannt, ist es auf den Seiten der Bundesregierung nachzulesen.

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„Wir haben uns die Frage gestellt: Wenn es die App geben wird, unter welchen Voraussetzungen wird sie auch genutzt?“, beschreibt Tina Jahnel, Wissenschaftlerin am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, das Anliegen der Forschergruppe. Die Wissenschaftler werteten rund 30 wissenschaftliche Arbeiten, Stellungnahmen und Berichte rund um die neuartigen Apps aus. Das Papier erschien im Rahmen des neu gegründeten „Kompetenznetz Public Health zu Covid-19“, einem Zusammenschluss von ehr als 25 wissenschaftlichen Fachgesellschaften aus dem Bereich der Öffentlichen Gesundheitspflege.

Das Ergebnis der Untersuchung fasst Jahnel so zusammen: „Die App kann dazu beitragen, Corona in Deutschland besser in den Griff zu bekommen, vor allem im Zuge der Lockerungen.“ Die Forscher aus verschiedenen Disziplinen ermittelten Faktoren für eine möglichst breite Nutzung.

Corona Warn-App soll kommen

So soll er aussehen: Der vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung herausgegebene Startschirm einer Corona Warn-App.

Foto: Stefan Jaitner /dpa

Quellcode veröffentlicht

Dazu gehört Transparenz und ein hohes Datenschutzniveau. „Die Menschen müssen sehr gut informiert werden, was die App macht, was sie nicht kann und wie ihre Daten geschützt werden“ erläutert Jahnel. Zu mehr Transparenz dürfte beitragen, dass die Entwickler den Quellcode im Mai auf der Plattform Gifhub veröffentlichten. Die Funktionsweise der App ist damit für alle interessierten Menschen einsehbar und – mit dem nötigen Fachwissen – überprüfbar.

Außerdem hatte sich die Bundesregierung Ende April entschieden, von der zunächst geplanten zentralen Speicherung der Daten abzurücken. Netzpolitische Gruppen wie der Chaos Computer Club (CCC) hatten vor einer zentralen Speicherung und den möglichen Folgen für das Vertrauen der Bevölkerung gewarnt.

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Je mehr Menschen die App installieren und nutzen, je mehr mögliche kritische Kontakte können gewarnt werden. Diese Annahme wurde in den letzten Wochen oft um Ergebnisse einer Studie der Universität Oxford ergänzt, wonach 60 Prozent der Bevölkerung die App nutzen müssten, damit sie wirken könne. Von einer solchen Interpretation ihrer Zahlen haben sich die Macher der Studie gegenüber Heise online distanziert. „In Bezug auf Wirksamkeit und Akzeptanz wurde viel falsch berichtet… und angedeutet, dass die App nur bei 60 Prozent funktioniert – was nicht der Fall ist“, wird Andrea Stewart als Sprecherin des Oxford-Teams zitiert.

„Die App kann auch mit weniger als 60 Prozent nützlich sein“, sagt auch Jahnel von der Universität Bremen. „Das ist eher ein Optimalwert.“ Zudem warnt sie vor einer vorschnellen Fokussierung auf eine einzelne Maßnahme: „Die App wird kein Allheilmittel sein.“ Es käme vielmehr auf das Zusammenwirken verschiedener Eindämmungsstrategien an.

Zeit ist ein entscheidender Faktor

Als Vorteil der Warn-App nennt das Team rund um Jahnel außerdem, dass sich die App auch unbekannte Smartphones merkt. „Die Menschen müssen sich nicht erinnern, wen sie getroffen haben.“ Bei Familie und Freunden möge das noch funktionieren, in der Straßenbahn oder beim Einkaufen aber nicht. Solche Kontakte seien einem möglichen Infizierten gar nicht bekannt. Die digitale Benachrichtigung sei zudem schneller als die rein manuelle Kontaktverfolgung. Und Zeit ist bei der Pandemiebekämpfung ein entscheidender Faktor. Studien gehen momentan von der Infektiosität bereits vor Symptombeginn aus.

Eine App, die von vielen Menschen genutzt wird, sollte nach Ansicht der Forscher zudem technisch einfach zu handhaben sein. Trotzdem müssten die Nutzer mitmachen: Die Aktivierung von Bluetooth, das kontinuierliche Mitführen des Smartphones, das Verhalten nach der Infektion und die Benachrichtigung von Kontakten sowie das Einhalten von Quarantäne-Maßnahmen seien Voraussetzung für einen Erfolg. „Die Verantwortung liegt beim Individuum“, sagt Jahnel dazu.

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In ihrem Hintergrundpapier sprechen sich die Forscher für eine unabhängige wissenschaftliche Begleitforschung aus. „Es gibt noch wenig Studien und wissenschaftliche Informationen zu den Tracing-Apps. Es ist wichtig, dass wir begleitende Studien durchführen und lernen können, wie Menschen die App nutzen“, sagt Jahnel.

Ab dieser Woche soll die Corona-Warn-App allen Interessierten zur Verfügung stehen. Die Nutzung ist freiwillig, die App und soll auf allen neueren Android-Geräten und iPhones funktionieren.

Info

Zur Sache

Zusätzliche Telefonstelle

Am Dienstag startet die offizielle Corona-Warn-App des Bundes, die ihren (freiwilligen) Nutzern anzeigt, ob sie mit einem Menschen in Kontakt standen, die sich mit dem Virus infiziert haben. Die Bremer Gesundheitsbehörde rechnet in diesem Zusammenhang mit einem erheblichen Anstieg telefonischer Nachfragen besorgter Bürger und wird deshalb eine zusätzliche Telefonstelle einrichten. Die Nummer und weitere Informationen zu deren Sinn und Zweck werden nach dem Startschuss der Warn-App bekannt gegeben.

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