Corona-Regeln für Schüler

Bremer Epidemiologe für Maskenpflicht auf dem Schulweg

Die neuen Corona-Regeln von Bund und Ländern hält der Epidemiologe Hajo Zeeb nicht für ausreichend. Einige Sorgen bereitet ihm vor allem das Schülerverhalten außerhalb der Schule.
30.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Epidemiologe für Maskenpflicht auf dem Schulweg
Von Frank Hethey
Bremer Epidemiologe für Maskenpflicht auf dem Schulweg

Sorgen bereitet dem Epidemiologen Hajo Zeeb das Schülerverhalten außerhalb der Schule, im ÖPNV wünscht er sich mehr Aufsichtspersonal.

Frank Thomas Koch

Für nicht weitreichend genug hält der Epidemiologe Hajo Zeeb die neuen Corona-Bestimmungen, auf die sich Bund und Länder für Schülerinnen und Schüler verständigt haben. „Da müssen bessere Lösungen gefunden werden“, sagt der Uni-Professor vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS. Dabei beunruhigt ihn weniger die Situation in den Schulen, vielmehr geht es ihm um das Verhalten von Kindern und Jugendlichen außerhalb der Schule. Mehr Aufsichtspersonal in den öffentlichen Verkehrsmitteln wie auch eine Maskenpflicht auf dem Schulweg könnte aus seiner Sicht das Infektionsrisiko reduzieren.

In einer Sondersitzung der Bürgerschaft will Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) an diesem Montag den neuen Corona-Fahrplan von Bund und Ländern erläutern. Einfließen werden die Bestimmungen in die 22. Corona-Verordnung, die am Montagnachmittag veröffentlicht werden soll. Bislang gebe es für ihn nicht den geringsten Zweifel, dass die Bürgerschaft den Beschlüssen mehrheitlich zustimmt, sagt Senatssprecher Christian Dohle.

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Infiziert sich ein Schüler, soll künftig die gesamte Klasse für fünf Tage in Quarantäne gehen. Damit wäre die vorherige Regelung vom 19. November wieder aufgehoben. Gegen die neuen Quarantäne-Vorgaben ist in den Augen des Epidemiologen Zeeb nichts einzuwenden, als „ganz pragmatische Regelung“ seien sie „jetzt eher umsetzbar“. Als „unglücklich“ bezeichnet er jedoch die erneute Änderung nach kaum zwei Wochen. „Das hätte man sich vielleicht sparen können.“

Weitaus mehr fällt für Zeeb das Schülerverhalten außerhalb der Schule ins Gewicht. Aus eigener Anschauung kennt der Epidemiologe die Neigung junger Menschen, sich in größeren oder kleineren Gruppen zu bewegen. Dadurch entstehe eine Situation wie in belebten Fußgängerzonen. „Sobald man eng zusammen ist, ist Virus-Zeit“, mahnt Zeeb. Deshalb sei es sinnvoll, die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung auszuweiten. „Es würde die Konzepte für die Schule glaubhafter machen, wenn es eine Maskenpflicht auf dem Schulweg gäbe.“ Im Pulk mit dem Fahrrad zu fahren, hält Zeeb dagegen für einigermaßen unbedenklich. „Das ist jedenfalls besser, als in der Straßenbahn zu sitzen.“

Appell an Lehrkräfte und Eltern

In den Bahnen sei es vor allem morgens sehr voll, die Abstände würden häufig nicht eingehalten. Wenigstens in solchen Stoßzeiten sei mehr Aufsichtspersonal angemessen. „Morgens im Bahnverkehr würde ich mir wünschen, dass mehr auf Abstände geachtet wird.“ Seine Mahnung verknüpft er mit einem Appell an Lehrkräfte und Eltern. „Wir müssen mehr mit den Schülern reden. Auf sie einwirken, um ihnen die Gefahren vor Augen zu führen.“

Allerdings sieht sich die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) nicht in der Lage, die Abstandsregeln durch eigenes Personal zu überwachen. Dafür seien allein Ordnungsamt und Polizei zuständig. Schon aus Platzgründen könne die Einhaltung der Abstandsregel „nicht immer gelingen“, so die BSAG. Würde man den richtigen Abstand einhalten, dürften in einem Gelenkbus nicht mehr als 17 Personen und in einem Solobus nicht mehr als zwölf Personen mitfahren.

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Die Auflockerung der Schulpflicht kurz vor Weihnachten hält Zeeb für ein probates Mittel, um die Ansteckungsgefahr zu senken. Wie berichtet, stellt Bremen den Eltern frei, ob sie ihre Kinder am 21. und 22. Dezember in die Schule schicken oder nicht. „Vorgezogene Ferien haben einen Vorteil – dann passiert nichts mehr“, sagt Zeeb. Wobei er darauf setzt, dass viele Eltern ihre Kinder tatsächlich zu Hause behalten. „Das ist der Effekt, den wir brauchen.“

Weniger Übertragungen in der Schule

Grundsätzlich hält der Epidemiologe es für völlig legitim, Quarantäne-Regelungen an die jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. „Es kann schon gute Gründe geben, solche Regeln zu überdenken“, sagt Zeeb. „Wie es scheint, gibt es in der Schule nicht so viele Übertragungen.“ Das ungelöste Problem: In der Schule verbrächten die Kinder und Jugendlichen eben nur einen Teil ihrer Zeit miteinander.

Und was hält der Fachmann vom Halbgruppen-Unterricht, auch bekannt als Wechsel- oder Hybridunterricht? Unter rein physikalischen Gesichtspunkten fällt ihm die Antwort nicht schwer. „Weniger Leute heißt weniger Kontakt“, sagt Zeeb. Grundsätzlich müssten geteilte Klassen zu den Optionen zählen, um angemessen auf die Pandemie zu reagieren, dabei sei eine bundeseinheitliche Regelung zu bevorzugen. Die Frage sei nur, ob damit das Infektionsrisiko substanziell gesenkt werde. Als entscheidend betrachtet der Epidemiologe den Gesichtspunkt der Effektivität. Und die sei nicht unbedingt gegeben, wenn Schulen nicht als Ansteckungsherde identifiziert seien.

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Deshalb steht Zeeb dem Halbgruppen-Unterricht „ein bisschen skeptisch“ gegenüber. Solange der Virus eher von außen in die Schule getragen werde, sei es „vielleicht nicht nötig, den Schulbetrieb weiter durcheinanderzubringen“ als ohnehin schon. Allen anders lautenden Forderungen aus Lehrer- und Gewerkschaftskreisen zum Trotz bringt Zeeb Verständnis auf für die zurückhaltende Linie der Bildungsbehörde.

„Mit Halbgruppen-Unterricht wird auch manches schwieriger“, gibt Zeeb zu bedenken. „Halbgruppen sind nur dann kein Problem, wenn die digitale Versorgung gesichert ist.“ Im Prinzip ist das der Fall, die Bildungsbehörde hat zugesichert, bis Weihnachten sämtliche Schülerinnen und Schüler mit iPads auszustatten.

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