Improvisierte Beschaffungsstelle

Wie Bremen Schutzausrüstung gegen Corona organisiert

Eigentlich sollte die Verteilung von Schutzausrüstung gegen das Corona-Virus von Berlin aus geregelt werden. Doch weil das nicht klappte, nahm Bremen die Sache in die eigene Hand.
31.05.2020, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie Bremen Schutzausrüstung gegen Corona organisiert
Von Frank Hethey
Wie Bremen Schutzausrüstung gegen Corona organisiert

Im zentralen Lager für Schutzausrüstung in Bremen stapeln sich die Kartons zu ansehnlichen Türmen. Es ist reichlich Material vorhanden.

Frank Thomas Koch

Meterhoch türmen sich die Kartons in der Lagerhalle, die eigentlich gar keine ist. Reifenspuren auf dem grauen Betonboden zeigen an, wozu das Gebäude in normalen Zeiten dient. Doch von Fahrzeugen fehlt jetzt jede Spur. Stattdessen die Pakettürme. Chinesische Schriftzeichen verraten, woher die Ware in den Kartons kommt. Der Inhalt: Schutzausrüstungen gegen das Coronavirus – darunter Masken für Mund und Nase, Handschuhe, Visiere, Overalls.

In aller Eile wurde dieses Lager in den letzten Märztagen eingerichtet. Wie schnell es damals gehen musste, merkt man an Kleinigkeiten. An einem Hinweisschild, auf dem „Deinfektion“ statt Desinfektion steht. Darauf angesprochen, zuckt Anna Hanke mit den Achseln. Vor zwei Monaten hatte man andere Sorgen als korrekte Rechtschreibung. Damals ging es darum, innerhalb weniger Tage die Beschaffung von Schutzausrüstung für das Land Bremen zu organisieren.

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Die promovierte Mikrobiologin ist im Gesundheitsressort beschäftigt. Als sich die Corona-Krise zuspitzte, erkundigte sich ihr Vorgesetzter, ob sie die Neigung hätte, die Leitung einer Beschaffungsstelle zu übernehmen. Sonderlich lange musste Hanke nicht grübeln. „In manchen Zeiten bekommt man die Chance, solche Erfahrungen zu machen“, sagt die 38-Jährige.

Wirklich vorgesehen war diese Erfahrung nicht. Eigentlich sollten die Länder ihren Bedarf dem Bundesgesundheitsministerium melden, sollte die Verteilung dann zentral vorgenommen werden. So richtig gut habe das aber nicht funktioniert, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher der Gesundheitsbehörde. „In den ersten Wochen ist nicht viel bei uns angekommen.“ Viel zu wenig für die, die persönliche Schutzausrüstung dringend brauchten: Kliniken, niedergelassene Ärzte, der öffentliche Gesundheitsdienst, Polizei und Feuerwehr, Pflegeheime.

Zentrales Lager für Schutzausrüstung des Landes Bremen in der Scharnhorst Kaserne

Das Lagezentrum der Beschaffungsstelle: Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise im April ging es in diesem Raum zu wie an der Börse.

Foto: Frank Thomas Koch

Spontane Spendenfreudigkeit

Da war auch die spontane Spendenfreudigkeit großer Firmen wie Daimler und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wobei dem Erfindungsgeist keine Grenzen gesetzt waren. Beim DLR seien mithilfe von 3D-Druckern im Akkord Halterungen für Schutzmasken-Visiere angefertigt worden, sagt Alexander Zawidzki von der Feuerwehr. Das Theater Bremen und zahlreiche Privathaushalte steuerten selbstgenähte Stoffmasken bei. „Zwei bis drei Wochen sind wir quer durch Bremen unterwegs gewesen, um alles einzusammeln.“

Es wurde aber noch viel mehr gebraucht. Also schritt Bremen zur Selbsthilfe. Federführend dabei: der Corona-Krisenstab im Gesundheitsressort. Aus verschiedenen Behörden und der Feuerwehr wurden 21 Mitarbeiter zusammengetrommelt, um die Bestellung von Schutzausrüstung in die eigene Hand zu nehmen. Binnen einer Woche entstand die zentrale Beschaffungsstelle für das Land Bremen an einem Standort, der aus Sicherheitsgründen geheim bleiben soll. „Kein Scherz: Am 1. April haben wir unsere Arbeit aufgenommen“, sagt Anna Hanke.

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In der Lagerhalle mit den Kartontürmen ist das Ergebnis der Mühen zu sehen. An diesem Standort befindet sich die gesamte Schutzausrüstung, die bislang für Bremen beschafft wurde. Doch das Herz der Beschaffungsstelle schlägt im Lagezentrum: einem schmalen Raum mit hufeisenförmig angeordneten Tischen, auf denen sich eilends verkabelte Computer aneinander reihen. Hier wird der Markt für Schutzausstattungen beobachtet, hier laufen die Angebote aus aller Welt ein. „Von hier aus erfolgt die zentrale Verteilung“, sagt Ressortsprecher Fuhrmann. Und der Bedarf war groß, bis heute hat das Land Bremen einige Millionen Artikel verteilt.

Auf dem Höhepunkt der Corona-Krise im April ging es in diesem Raum zu wie an der Börse. Die begehrte Schutzausrüstung stand weltweit hoch im Kurs, um bis zu 3000 Prozent schossen die Preise in die Höhe. „Die Preise änderten sich täglich“, sagt Anna Hanke. Plötzlich waren von ihren Mitstreitern ganz andere Fähigkeiten gefragt als sonst im Behördenalltag. Ohne Überstunden auch am Wochenende hätte es laut Hanke nicht funktioniert, die Telefondrähte liefen heiß. „Wir wurden zu kaltblütigen Händlern.“

Mitarbeiter ließen sich nicht übers Ohr hauen

Keine Frage, etliche gewiefte Geschäftsleute haben prächtig verdient an der weltweiten Nachfrage nach Schutzausrüstung. Auch Bremen musste eine Menge Geld auf den Tisch legen. „Da haben einige Händler einen großen Reibach gemacht.“ Übers Ohr hauen ließen sich die Mitarbeiter der Beschaffungsstelle nach eigenen Angaben aber nicht. Hanke: „Wir haben weiß Gott nicht ins Blaue hinein bestellt.“ So manch ein Krisengewinnler habe sich verspekuliert und sei auf seiner Ware sitzen geblieben.

Nicht immer sind die Angebote seriös, auf dem Markt tummeln sich auch skrupellose Geschäftemacher. Da ist eine gehörige Portion Skepsis gefragt. Beim Warencheck hilft der gesunde Menschenverstand. „Wenn man etwas geliefert bekommt, durch das man hindurch gucken kann, ist es offensichtlich, dass etwas nicht stimmt“, sagt Hanke. Auf die Güte der Ware hatten ohnehin Tüv und Dekra ein Auge, in der Beschaffungsstelle überprüfte man die Zertifikate der Anbieter. Bei der gekauften Ware war alles in Ordnung. Keine halbleeren Container kamen in Bremen an, in den Kartons schlummern nur einwandfreie Produkte. „Es gab keinen Lieferausfall“, sagt Fuhrmann.

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Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Die Vorräte können sich sehen lassen, die Kartontürme schrumpfen nur noch unmerklich. Was auch daran liegt, dass die Gesundheit Nord (Geno) die Schutzausrüstung für ihre Kliniken mittlerweile in Eigenregie ordert. „Seit einigen Wochen bestellen wir nicht mehr“, so Fuhrmann.

Dass Bremen auf der Schutzausrüstung sitzen bleibt, ist indessen kaum zu befürchten. Restbestände aus den Tagen der Schweinegrippe von 2011 finden bis heute ihre Abnehmer. Gegen das Coronavirus sind die damals angeschafften Schutzmasken allerdings nur bedingt hilfreich. „Es gibt aber ja auch noch andere Infektionskrankheiten jenseits von Corona“, sagt Fuhrmann.

„Wir müssen mit einer zweiten Infektionswelle rechnen“

Kaum anders wird es mit der jetzt angeschafften Ausrüstung sein. Auch wenn sich die einzelnen Bundesländer derzeit mit Lockerungsübungen überbieten, so ist das Virus doch nach wie vor nicht aus der Welt. „Wir müssen mit einer zweiten Infektionswelle rechnen“, warnt Hanke.

Vielleicht profitiert Bremen dann auch wieder von internationaler Solidarität. Auf einem Karton im Lager ist zu lesen, die chinesische Provinz Guangdong habe diese Schutzmaterialien für Deutschland gespendet. Auf einem anderen umgarnen sich die Flaggen beider Staaten. Dazu der Sinnspruch: „Wahre Freunde erkennt man in der Not."

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