Corona-Pandemie

Ab wann gilt Herdenimmunität?

Die Herdenimmunität soll die Corona-Pandemie unter Kontrolle bringen: Das ist realistisch, sagt der Bremer Forscher Hajo Zeeb. Entscheidend sei eine noch höhere Impfbereitschaft, als Befragungen zeigen.
03.05.2021, 20:17
Lesedauer: 3 Min
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Ab wann gilt Herdenimmunität?
Von Sabine Doll

Mehr als jeder vierte Deutsche (28,2 Prozent) hat die erste Impfung gegen Covid-19 erhalten, Bremen zählt mit einer Quote von fast 30 Prozent bei den Erstimpfungen zu den Spitzenreitern der Länder. In den Arztpraxen wird seit einem Monat geimpft, ab Juni sollen die Betriebsärzte dazu kommen – und die Zahl der Impfstofflieferungen soll laut der Bundesregierung in den nächsten Wochen deutlich gesteigert werden. Ist das Ende der Pandemie in Sicht?

Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie BIPS in Bremen warnt vor übereilten Hoffnungen – vor allem, was Herdenimmunität betrifft: „Auch wenn die Richtung stimmt, sind wir davon noch weit entfernt. Aktuell sind acht Prozent der deutschen Bevölkerung vollständig gegen Corona geimpft.“

Was ist die Herdenimmunität?

Herdenimmunität bedeutet, dass so viele Menschen geimpft oder gegen das Virus immun sind, dass es sich nur noch langsam verbreiten kann. Immunität entsteht etwa durch eine durchgemachte Infektion – vor allem durch die vollständige Impfung. Das Prinzip der Herdenimmunität: Sie ist ein Gemeinschaftsschutz, der auch Menschen vor Infektion und Erkrankung bewahren soll, die nicht oder noch nicht geimpft werden können. Bei Corona sind dies derzeit Schwangere, stillende Mütter, Kinder und Jugendliche.

Bis zu Beginn des Jahres ist das Robert Koch-Institut von einer Durchseuchungs- oder Impfquote von 60 bis 65 Prozent für Herdenimmunität ausgegangen. Die Virusmutationen haben diese Schwelle erhöht. „Wir müssen jetzt von 75 bis an die 80 Prozent ausgehen. So viele Menschen müssen immun sein, um die weitere Ausbreitung im Sinne der Herdenimmunität zu vermindern“, so Zeeb.

Grund sei, dass insbesondere die verbreitete britische Variante B.1.1.7 deutlich ansteckender sei. „Diese hat einen höheren Reproduktionswert, eine Person steckt im Schnitt vier weitere an, sofern keine Maßnahmen getroffen werden.“ Damit sich das Virus nicht weiterverbreitet, müssten Berechnungen zufolge nun 75 Prozent der Bevölkerung immun sein – vorausgesetzt die Impfungen wirkten zu 100 Prozent. Bei dem ursprünglichen Coronavirus lag der Reproduktionswert bei drei.

Herdenimmunität, um die vierte Welle zu verhindern

Forscher wie Lars Dölken, Virologe an der Universität Würzburg, gehen von einer noch höheren Schwelle zur Herdenimmunität aus: „Das Problem ist: Sobald wir alles wieder aufmachen, haben wir bei geöffneten Schulen zwölf Millionen Kinder und Jugendliche, die derzeit nicht geimpft werden können. Das sind 15 Prozent der Bevölkerung, die sich infizieren und das Virus weitertragen können. Somit müssen von den Erwachsenen etwa 90 Prozent geimpft sein, um Herdenimmunität zu erreichen. Ansonsten droht uns, mit noch fieseren Mutanten in der kälteren Jahreszeit, die vierte Welle wieder in einen Lockdown zu drücken“, sagte er dem Nachrichtenportal T-Online an diesem Montag.

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Entscheidend ist laut Zeeb die Impfbereitschaft. „Ich bin zuversichtlich, dass wir im Sommer die 70 Prozent und auch mehr erreichen können. Wir wissen aber auch, dass es dann problematischer wird. Der Bauch der Impfwilligen ist groß, schwierig wird es an den Rändern. Dies zeigen auch Studien aus Ländern wie Israel. Diese zehn bis 15 Prozent zu erreichen, wird mit einem größeren Aufwand verbunden sein“, sagt Zeeb. Diese Gruppe könne aber entscheidend für den gesamten Impferfolg und eine Herdenimmunität sein.

Laut Cosmo-Studie der Universität Erfurt sind etwa zwei Drittel der Befragten bereit, sich impfen zu lassen. Auf die Frage „Würden Sie sich impfen lassen?“ antworteten etwa 16 Prozent „auf keinen Fall“. Die Werte bewegten sich seit mehreren Wochen auf diesem Niveau.

Nicht zu früh freuen

Die Forscherin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen warnte im „Deutschlandfunk“ vor einer abnehmenden Impfbereitschaft. Ein solches Szenario könne sich über den Sommer entwickeln, wenn die Fallzahlen zurückgingen und es mehr Lockerungen gebe. Je geringer die Gefahr eingeschätzt werde, sich zu infizieren, desto mehr sinke womöglich auch die Bereitschaft, sich impfen zu lassen.

„Umso wichtiger ist es, die Hürden zum Impfen zu senken, es so unkompliziert wie möglich zu machen, Impfungen in Wohnortnähe und am Arbeitsplatz anzubieten“, fordert Zeeb. Davon hänge ab, ob und wann Herdenimmunität erreicht werden könne. „Aber auch dann wird das Virus nicht verschwunden sein, es wird Menschen geben, die keinen Schutz haben. Eine Kombination aus Testen und Impfen ist daher von erheblicher Bedeutung.“

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