Zwischen Sorge und Hoffnung

Neue Corona-Regeln: Wie es für betroffene Bremer ab Montag weitergeht

Neue Regeln in der Corona-Krise: Ab Montag greifen die neuen Beschränkungen und für vier Wochen ist alles dicht. Betroffene Bremerinnen und Bremer berichten, wie es für sie jetzt weitergeht.
30.10.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Neue Corona-Regeln: Wie es für betroffene Bremer ab Montag weitergeht
Von Pascal Faltermann

Geschlossen, dicht, zu – die Türen von zahlreichen Institutionen, Einrichtungen und Betrieben werden sich ab dem 2. November nicht mehr öffnen. Sämtliche Kultur-, Freizeit- und Sporteinrichtungen müssen schließen, die Gastronomie wird stark eingeschränkt. Eine riesige Branche hat große Existenzangst.

Bei einer Kundgebung auf dem Bremer Marktplatz äußerten Wirte, Clubbetreiber und Kulturschaffende Kritik an dem zweiten Lockdown, der durch Bund und Länder am Mittwoch beschlossen wurde. Zwar danke man der Bremer Landesregierung dafür, dass sie in den vergangenen Wochen gemeinsam mit den Gastronomen nach Lösungen gesucht habe, die wirtschaftlichen Katastrophen in der Branche zu reduzieren. Doch nach Angaben von Thorsten Lieder, Geschäftsführer der Bremer Gastro-Gemeinschaft (BGG), ist jede Bemühung für die Katz, wenn nicht umgehend eine hundertprozentige Entschädigung erfolge.

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Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) sagte den Wirten finanzielle Hilfe zu. Er verwies darauf, dass Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern ihre Umsatzausfälle im Umfang von 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019 ersetzt bekommen. Darauf hatten sich die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch geeinigt. Bovenschulte sagte zudem, dass es am kommenden Montag ein Gespräch geben werde unter anderem mit Vertretern des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sowie der Gastro-Gemeinschaft.

Schnelle Corona-Hilfen fordern auch die zahlreichen weiteren Betriebe, die ab kommender Woche schließen müssen. Im Bereich Gastronomie sind Restaurants, Bars, Clubs, Diskotheken und Kneipen betroffen. Was den Sport angeht, dürfen Fitnessstudios und Schwimmbäder keine Kunden und Gäste reinlassen. Im Kultur- und Freizeitbereich bleiben die Lichter in Theatern, Konzerthäusern, Messen, Kinos, Freizeitparks und Spielhallen aus.

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Doch damit nicht genug: Die Dienstleistungsbetriebe im Zusammenhang mit Körperpflege bleiben ebenfalls dicht. Das gilt dann für Kosmetikstudios, Massagepraxen, Saunen, Thermen und Tattoo-Studios. Nur medizinisch notwendige Behandlungen wie etwa Physiotherapie sind möglich. Betroffene Bremerinnen und Bremer berichten, wie es ab Montag für sie weitergeht.

„Das hat alles sehr viel Kraft gekostet“

„Ich betreibe den Vahrer Garten seit sechs Jahren, es ist mein Baby. Schon mit der Sperrstunde war die Situation für uns eine Katas­trophe. Wir betreiben die Kneipe mitten in einem Wohngebiet und hatten vor allem zahlreiche Gäste, die abends gegen 22 Uhr nach ihrer Schicht im Mercedes-Benz Werk bei uns vorbeigekommen sind. Das waren im Schnitt bestimmt immer so 15 Personen. Weil wir dann aber um 23 Uhr schließen mussten, blieben die Leute weg. Für ein schnelles Bier kommt keiner in die Kneipe. Die Gäste haben sich dann woanders im privaten Bereich getroffen.

Es war schon schwierig für uns, nach dem ersten Lockdown die Leute wieder in den Laden zu bekommen. Als kleinere Kneipe braucht man ein treues Stammpublikum, das ist wie ein kleines Dorf. Hier verirrt sich keiner in die Kneipe wie im Viertel, wo es Laufkundschaft gibt. Ich musste zwei Angestellte entlassen, weil ich sie nicht mehr bezahlen konnte. Momentan sind wir also nur zu zweit – das heißt, wir mussten sieben Tage die Woche arbeiten. Für den kommenden Monat musste ich nun die Zahlung der Miete vorerst aufschieben. Das hat alles sehr viel Kraft gekostet. Ich hoffe nun, dass die versprochenen finanziellen Hilfen schnell und unbürokratisch ausgezahlt werden.“

Lars Mecklenborg (34) betreibt die Gaststätte Vahrer Garten in der Schneverdinger Straße. Zuvor war er in der Steintor Schänke tätig.

„Wir haben gerade 50 Gänse für den November bestellt“

"Seit 1871 gibt es unseren Familienbetrieb mittlerweile. Damit sind wir der wohl älteste von einer Familie geführte Betrieb in Bremen. Doch ob und wie wir unser Jubiläum des 150-jährigen Bestehens im kommenden Jahr feiern können, wissen wir derzeit nicht.

Wir haben große Räume, Tresen mit Plexiglas, einen Saal und die notwendigen Kapazitäten, um Veranstaltungen mit Hygiene- und Abstandsregeln durchzuführen. In unseren Saal passen normalerweise 350 Personen rein, darin halten wir uns an die Regeln. Das kann im Privaten niemand einhalten. Zudem zeigen die Zahlen und Berichte der Fachleute doch deutlich, dass es nicht die gastronomischen Betriebe sind, die die Infektionszahlen steigen lassen. Uns fehlen für den Lockdown echt die Worte.

Wir haben gerade 50 Gänse für die traditionellen Gänseessen im November bestellt. Noch wissen wir nicht, was wir damit machen. Unser Lager ist voll, Donnerstagmorgen kam gerade eine Lieferung. Wir denken nun auch über einen Lieferdienst oder einen Außer-Haus-Verkauf nach. Wir hatten in der Corona-Zeit Einbußen von gut 90 Prozent unseres Umsatzes, allein in der Spargelzeit haben wir 1000 Menschen abgesagt. Hinzu kommt das Aus für Weihnachts- und Adventsfeiern. Uns erwarten leider düstere Aussichten."

Emilia Seekamp (47) bildet gemeinsam mit ihrem Mann Friedrich die Geschäftsführung von Seekamp’s Gasthaus im Bremer Stadtteil Hemelingen.

„Ich werde versuchen, einen Lieferservice anzubieten“

"Es war ein Schock, als am Wochenende die ersten Nachrichten durchsickerten, dass es zu einem zweiten Lockdown kommen könnte. Meine Mitarbeiter gehen bei mir über alles. Ich habe Angst, dass ich die Jungs und Mädels – darunter viele Studenten auf 450-Euro-Basis – nicht mehr beschäftigen kann. Das macht mir Angst und bereitet mir Bauchschmerzen. Ich mache mir zudem extreme Sorgen um die Deckung meiner Fixkosten. Da mein Vermieter auf die volle Zahlung der Miete besteht und null Gesprächsbereitschaft zeigt, stellt sich die Situation als sehr schwierig dar. Zusätzlich muss ich Kosten decken wie den Sky-Vertrag oder meine Versicherungen.

Während des ersten Lockdowns hatte ich das Problem, dass die Haltbarkeit von Getränken ablief. Ich musste Ware im Wert von 500 Euro wegwerfen. Jetzt kaufe ich nur für das letzte Wochenende ein. Ich werde wieder versuchen, einen Lieferservice anzubieten, allerdings war die Nachfrage Anfang des Jahres nur gering. Im Sommer konnte ich einigermaßen kostendeckend arbeiten, Gewinn für mich selbst gab es aber nicht. Wenn jetzt keine finanziellen Hilfen kommen, mache ich mir auch Sorgen um den Laden. Aber ich bleibe optimistisch: Wenn es die Entschädigungen von 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019 gibt, kriegen wir das hin."

Jan Kehlenbeck (39) ist Inhaber des Café-Baguette-Bar-Ladens „La Vie“ in Walle. Zuvor arbeitete er als Betriebsleiter vom Beluga, dem Studio und dem Beach Club White Pearl.

„Dass es im Dezember besser wird, bezweifle ich doch stark“

"Was soll man sagen? Es ist natürlich alles andere als schön, es ist sogar sehr ärgerlich. Wir haben am Mittwoch die "Tagesschau" angeschaut und uns gratuliert, dass wir ab Montag unbezahlten Urlaub haben. Und unsere Mitarbeiter haben sich gefreut, dass sie jetzt wieder in Ruhe studieren können. Also alles wie im Frühjahr. Auch dass es dann im Dezember besser wird, bezweifle ich doch stark. Da beginnt hier in Bremen die Kohltour-Zeit, da kommen Weihnachten und Silvester. Und anders als in Kinosälen oder auch in der Gastronomie läuft das völlig unkontrolliert ab. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Infektionszahlen im Dezember noch einmal weit nach oben schießen werden. Das wird nach hinten losgehen.

Aber wenn der Wirtschaftsminister es ernst meint damit, dass wir 75 Prozent unseres Umsatzes des vergangenen Novembers erstattet bekommen, dann werden wir den Lockdown überleben und nicht pleite gehen. Und das ist schließlich das "A" und "O". Sollte das aber nicht passieren, haben wir natürlich ein Problem. Ob es dann im kommenden Jahr wieder einigermaßen anlaufen kann, liegt letztendlich auch an den Filmen, die dann angeboten werden. Da sind die Kinos angewiesen auf Blockbuster wie den neuen "James Bond", der schon mehrfach verschoben wurde."

Thomas Settje führt gemeinsam mit seiner Schwester das Cinema Ostertor.

„Das ist für uns eine gefährliche Situation“

"Ganz fatalistisch: Eigentlich hat sich für uns nicht viel verändert. Wir versuchen ja schon seit Monaten immer so zu reagieren, dass wir unseren Spielbetrieb einigermaßen aufrecht erhalten können. Jetzt spielen wir also wie geplant erst einmal das kommende Wochenende im Packhaustheater durch und bauen weiterhin das Spiegelzelt auf der Bürgerweide auf. Dann versuchen wir, diejenigen, die bereits für November gebucht hatten, im Dezember unterzubringen. Unsere Produktionen laufen ja weiter, die Schauspieler warten auf ihren Einsatz, und wir alle schauen jetzt einfach darauf, wie es im Dezember aussieht.

Als Geschäftsführer schaue ich natürlich mit einem Auge darauf, ob sich die Produktionskosten überhaupt noch rechnen. Aber meine Aufgabe ist vor allem auch darauf zu achten, dass ich meine Mitarbeiter in dieser Zeit so schadlos wie möglich halte. Sie sind diejenigen, die am stärksten betroffen sind, und für viele ist das Ganze ja auch eine Existenzfrage. Und sie überlegen sich immer öfter, und auch verständlicherweise, ob sie sich beruflich umorientieren. Das ist für uns eine gefährliche Situation, denn dann beginnt die gesamte Struktur zu bröckeln. Wir sind angewiesen auf unsere Arbeitskräfte, aber gute Leute wachsen nicht auf Bäumen."

Knut Schakinnis ist Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Theaterschiffs und des Packhaustheaters in Bremen.

„Ich habe ein sehr gutes Team, das ich behalten will“

„Wenn wir jetzt vier Wochen dicht machen müssen, werden wir starke Einnahmeverluste haben. Im März und April, als wir zehn Wochen schließen mussten, hatten wir gute 200.000 Euro weniger Umsatz. Für den November rechnen wir mit Einbußen von 100.000 bis 110.000 Euro. Im Frühjahr haben uns die Kunden durch die Zahlung ihrer Mitgliedsbeiträge einen Kredit gegeben. Die Rückzahlung haben wir mit den meisten Kunden bereits geregelt. Für den November wollen wir die Kunden nicht belasten.

Wir hatten vor der Corona-Pandemie und auch währenddessen keine einzige Infektion in unserem Fitnessstudio – weder bei den Mitgliedern noch bei den Mitarbeitern. Wir sind in einer Experten-Allianz, einem Zusammenschluss von Ärzten, Wissenschaftlern, Anwälten und Fachleuten, die uns versichern, dass es nichts Besseres für ein gesundes Immunsystem gibt als die sportliche Ertüchtigung. Wir haben Hygienekonzepte, halten Abstände ein und erfassen unsere Kunden sowieso beim Check-in. Ich kann also nicht verstehen, warum wir schließen müssen.

Jürgen Kohne (67) ist Geschäftsführer des Fitness- und Gesundheitsstudios Sport Lounge Munte in Schwachhausen.

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