Freiwillige gehören zur Risikogruppe

Weniger ehrenamtliche Helfer für Bedürftige in Bremen

Wenn Freiwillige von Corona betroffen sind oder das Kernteam aus Senioren besteht, müssen derzeit auch freiwillige Hilfsangebote für Obdachlose und bedürftige Menschen in Bremen eingeschränkt werden.
17.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Weniger ehrenamtliche Helfer für Bedürftige in Bremen
Von Ulrike Troue
Weniger ehrenamtliche Helfer für Bedürftige in Bremen

Hilfsprojekte für bedürftige und wohnungslose Menschen müssen wegen Corona ihre Dienste einschränken. Der Grund: Viele der ehrenamtlichen Helfer gehören zur Risikogruppe.

Frank Thomas Koch

In dieser Krisenzeit müssen Unterstützungsangebote für bedürftige Menschen notgedrungen reduziert, einige sogar ganz gestrichen werden, weil sie auf freiwilligem Engagement beruhen. Der Grund: Viele Helferinnen und Helfer gehören selbst zur Risikogruppe oder schränken ihr Ehrenamt ein.

„Es ist schrecklich“, sagt Heide Gerstenberger, wenn sie an ihre Gäste der „Tasse“ denkt. In der Waller Tagesstätte an der Fleetstraße 67a können sich wohnungslose Menschen aufhalten, kostenlos eine Tasse Kaffee oder Tee oder etwas zu essen bekommen. Darüber hinaus können sie dort duschen und ihre Wäsche waschen, sagt die Vorsitzende des 1993 gegründeten Vereins „Allwo – Hilfen für alleinstehende Wohnungslose“.

In der Regel finden sich nach ihrer Aussage an den drei Öffnungstagen unter der Woche und sonntags zum großen Frühstück zwischen 30 und manchmal sogar bis zu 90 wohnungslose Menschen in der Waller Tagesstätte ein. Auch immer mehr Jugendliche und Frauen nutzten das Angebot, fast alle seien alleinstehend, sagt Gerstenberger.

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Eigentlich sollte der Tagestreff Anfang des Monats wieder öffnen, erzählt die Hornerin. Der Trägerverein des Tagestreffs, der ausschließlich über private Spenden finanziert und ausschließlich mit Ehrenamtlichen betrieben wird, habe rund 5000 Euro in Hygiene- und Schutzmaßnahmen investiert. „Wir haben extra ein Lüftungsgerät und eine Desinfektionssäule angeschafft“, betont Gerstenberger. Zudem hätten Vereinsmitglieder im Freundes- und Bekanntenkreis weitere Unterstützer gefunden, sodass die neuen Ringfenster komplett über Spenden finanziert werden konnten.

Doch der Anstieg der Corona-Infektionszahlen und der Teil-Lockdown für den November habe ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zum einen, weil die 81-jährige Vereinsvorsitzende und das Gros der Freiwilligen selbst zur Risikogruppe gehörten. Gemeinhin würden von den rund 20 aktiven älteren Vereinsmitgliedern zehn bis zwölf Personen die regelmäßigen Öffnungszeiten sicherstellen, berichtet Gerstenberger. „Aber das Ansteckungsrisiko ist einfach zu groß.“ Zum anderen habe die Rücksprache mit dem Ordnungsamt ergeben, dass die Anlaufstelle derzeit gar nicht öffnen dürfe.

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Nachdem die Tagesstätte während des ersten Lockdowns im Frühjahr komplett geschlossen war, wurden ab Frühsommer dreimal pro Woche Lebensmittelpakete durch Fenster an Wohnungslose ausgegeben. „Wir haben jetzt beschlossen, dass wir dies ab dem 19. November donnerstags von 14 bis 15 Uhr wieder tun werden“, kündigt Gerstenberger an. Außerdem sei geplant, dass Obdachlose ab dem 1. Advent zusätzlich sonntags von 11 bis 12 Uhr auf diese Weise mit dem Nötigsten versorgt werden sollen.

Die Pandemie bremst auch die Ehrenamtlichen in der in einem Nebengebäude des Roland-Centers ansässigen Kleiderkammer in Huchting aus. „Wir haben bis 20. November geschlossen, weil wir einen Coronafall in der Freiwilligen-Belegschaft haben“, berichtet Carsten Doyen. Der Neustädter ist der einzige Festangestellte des Ende 2015 gestarteten Projekts der Initiative „Huchting hilft“. Er hält mit Projektkoordinator Uwe Martin die Annahme von Kleidungs-, Geschirr-, Besteck-, Spielzeug- und Bettwäschespenden dienstags und donnerstags aufrecht. Die Abgabe muss unter der Handynummer 0176/20 49 36 93 angemeldet werden.

Senioren bilden das Kernteam

Ob das „Kleine Kaufhaus“ ab nächster Woche wieder dienstags und donnerstags jeweils von 15 bis 17 Uhr für Obdachlose und bedürftige Bewohner im Quartier geöffnet werden kann, hängt laut Doyen von der Entwicklung der Infektionszahlen ab. Schwierig bleibe die Situation darüber hinaus, weil „die Gruppe sich coronabedingt verkleinert hat“.

Zum festen freiwilligen Helferstab gehören nach seinen Worten rund 20 Personen. „Alle sind um die 70 Jahre alt“, sagt der 38-Jährige und damit jüngste Helfer. Etwa 20 Prozent der Ehrenamtlichen hätten sich ganz zurückgezogen, andere hätten ihre Dienste eingeschränkt und Sorge vor einer möglichen Ansteckung geäußert. Dennoch hofft er, dass das „Kleine Kaufhaus“, das bis zu 80 Kunden am Tag zählt, ab nächster Woche mit einer kleinen Kerngruppe wieder öffnen kann. Zwei Personen kalkuliert Doyen für die Sicherstellung der Spendenannahme – vier Helfer sollen sich nach aktuellem Stand bei der Ausgabe abwechseln.

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„Wir sind froh, dass wir wieder geöffnet haben“, kann indes Christian Claus als kommissarischer Leiter des „Bremer Treffs“ vermelden. Der Verein befinde sich in einer „relativ glücklichen Lage“, in der Krise genügend Helfer zu haben.

Als die kirchliche Begegnungsstätte nach dem ersten Lockdown Anfang August mit einem neuen Hygienekonzept wieder eröffnet wurde, hat der Verein einen Aufruf gestartet, um jüngere ehrenamtliche Helfer zu finden. Mit Erfolg: „Es sind einige dazugekommen“, betont Claus. „Von unseren rund 50 Ehrenamtlichen bleiben nur wenige aufgrund der aktuellen Situation außen vor, sodass wir einen aktiven Pool von 30 Helfern haben“, sagt der kommissarische Leiter des Treffs. Zum persönlichen Schutz würden alle Helfer FFP2-Masken tragen.

Während der Öffnungszeiten der Begegnungsstätte am Altenwall – Dienstag bis Freitag von 14 bis 21 Uhr und Sonnabend von 15 bis 20 Uhr – könnten die Ehrenamtlichen dreimal jeweils zur vollen Stunde 15 Essen am Tisch servieren, betont Claus. Der Großteil werde an wohnungslose Menschen ausgegeben. Ärzte des Vereins zur Förderung der medizinischen Versorgung Obdachloser im Land Bremen bieten darüber hinaus zweimal im Monat eine medizinische Sprechstunde an.

Weitere Informationen

Eine Übersicht über bestehende Hilfsangebote für bedürftige und wohnungslose Menschen bietet der Sozialstadtplan Bremen. Er steht im Internet unter https://www.diakonie-bremen.de/corona/sozialstadtplan.html oder https://www.gesundheit.bremen.de/gesundheit/corona/sonderausgabe_des_sozialstadtplans-33216.

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