Arbeiten von zu Hause

Homeoffice: So läuft es im öffentlichen Dienst in Bremen

Auch in der öffentlichen Verwaltung Bremens hat die Pandemie den Trend zum Homeoffice enorm beschleunigt. Manche Ressorts sind schon sehr gut darauf vorbereitet, andere haben noch Nachholbedarf.
22.11.2020, 06:00
Lesedauer: 8 Min
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Homeoffice: So läuft es im öffentlichen Dienst in Bremen
Von Joerg Helge Wagner
Homeoffice: So läuft es im öffentlichen Dienst in Bremen

Im Finanzressort sind die Treppenhäuser und Flure derzeit deutlich leerer als vor der Pandemie.

Christina Kuhaupt

Nach der Dienstvereinbarung „Mobile Arbeit“, abgeschlossen von Senat und Gesamtpersonalrat, soll nicht mehr als 20 Prozent der monatlichen Arbeitszeit im Homeoffice verbracht werden. Doch das gilt für normale Umstände, jetzt dürfen es gerne auch bis zu 100 Prozent sein. Und im Zwei-Städte-Staat wird davon reger Gebrauch gemacht, wie unsere Abfrage bei den Ressorts zeigt.

Personal

Federführend in allen Personalangelegenheiten des öffentlichen Dienstes ist das Finanzressort. Dort heißt es, in diesem Jahr habe sich die Zahl der Beschäftigten, die ganz oder teilweise zu Hause arbeiten, „sprunghaft gesteigert“. Das gilt auch für das Haus von Senator Dietmar Strehl (Grüne) selbst: Von den 423 Beschäftigten können 307 Beschäftigte im Homeoffice arbeiten. „Weitere 30 Anträge werden gerade bearbeitet und voraussichtlich bald dazukommen“, sagt Sprecherin Dagmar Bleiker. Und in dieser Rechnung sind die Finanzämter, Immobilien Bremen oder das Aus- und Fortbildungszentrum nicht enthalten.

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Im Ressort für Klima- und Umweltschutz, Mobilität und Stadtentwicklung (SKUMS) arbeiten inklusive nachgeordneter Dienststellen fast 1000 Menschen. Wie viele von ihnen gerade im Homeoffice sind, kann Sprecherin Linda Neddermann allerdings nicht sagen: „Das entscheiden die einzelnen Abteilungsleiter, und das wechselt von Tag zu Tag.“ So ist es auch beim Innen- und bei Sozialressort. Etwa die Hälfte der Beschäftigten bei SKUMS sei so ausgestattet, dass sie auch von zu Hause aus arbeiten kann. Ebenso ist es in der Senatskanzlei.

Bei der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz variieren die Zahlen der im Homeoffice Beschäftigten auch täglich. Dafür hat man eine genaue Übersicht über die VPN-Freischaltungen der Laptops, welche die Arbeit im Homeoffice ermöglichen. In der Senatorischen Dienststelle sind 73 Prozent der Rechner freigeschaltet, im Eichamt sind es 69 Prozent, bei der Gewerbeaufsicht 77 Prozent und im Veterinäramt erst 20 Prozent.

90 Prozent im Wirtschaftsressort können im Homeoffice arbeiten

Noch höher ist die Fähigkeit zur Arbeit von zu Hause aus im Wirtschaftsressort mit seinen 305 Beschäftigten: „90 Prozent sind technisch in der Lage, im Homeoffice zu arbeiten“, sagt Sprecherin Kristin Viezens. Bei der Senatorin für Kinder und Bildung sind hingegen immer noch zwei von drei Arbeitsplätzen nur mit stationären Rechnern ausgestattet. Für die mobile Arbeit gibt es 116 geeignete Notebooks. Doch nun werden es rasch mehr: „Nach der neuen Dienstvereinbarung zu mobilem Arbeiten liegen 130 Anträge vor, die teilweise schon entsprechend ausgestattet sind oder noch werden“, sagt Behördensprecherin Annette Kemp.

Bremens Justiz ermöglicht Homeoffice rein technisch in der Verwaltung und in Bereichen, in denen die E-Akte bereits eingeführt ist. „Alle Richterinnen und Richter können ebenfalls im Homeoffice arbeiten“, sagt Ressortsprecher Matthias Koch. „Gerichtsverhandlungen werden aber weiterhin in Präsenz durchgeführt.“ Auch bei Videovernehmungen oder -verhandlungen seien die Richter im Gerichtssaal. Zudem werde sichergestellt, dass Termine wie Antragstellungen und Ausschlagungen im Nachlassgericht oder Anhörungen in Familien und Betreuungssachen stattfinden.

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Vor besonderen Herausforderungen steht das kleine 35-köpfige Kulturressort: „Die Pandemie bedeutet im Kulturressort einen entsprechend hohen Arbeitsanfall, um die Kultureinrichtungen, Künstler und Künstlerinnen sicher durch die Corona-Krise zu begleiten“, sagt Ressortsprecher Heiner Stahn. In Absprache mit dem Personalrat habe man eine flexible Handhabung von Präsenzdienst und Home-Office eingeführt, um einerseits den Gesundheitsschutz zu gewährleisten und gleichzeitig die Mittelausreichung für Kulturakteure, die dringend darauf angewiesen sind, sicherzustellen.

Kosten

Der Wandel zum mobileren Arbeiten erfordert auch finanziellen Einsatz, allerdings lassen sich die corona-bedingten Kosten nicht ganz exakt ermitteln. „In der Kernverwaltung gibt es rund 8000 Basis-Arbeitsplätze mit einer IT-Standardausrüstung“, sagt Finanz-Sprecherin Bleiker. „Zu Beginn gab es nur PCs, der Anteil von Laptops stieg aber in den vergangenen Jahren kontinuierlich an.“ Allein in diesem Jahr sei der Anteil von Notebooks von rund 30 auf 50 Prozent geschnellt. „Dieser große Anstieg ist sicher coronabedingt erfolgt“, meint Bleiker. Geräte müssten aber auch ohne Pandemie regelmäßig ersetzt werden.

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Fakt ist: Für 1600 neue Laptops werden dieses Jahr vom Finanzressort rund 560.000 Euro mehr ausgegeben, denn die Ausgaben für die zentrale Beschaffung werden zentral aus einem Haushaltstopf bei Finanzen bestritten. Das wird mit den einzelnen Ressorts abgestimmt. Offen ist noch, wie viele dieser Mittel aus dem sogenannten Bremen-Fonds bezahlt werden – dieser kreditfinanzierte, mit 1,2 Milliarden Euro gefüllte Topf soll die Corona-Folgen mildern. Bei SKUMS etwa geht man schon davon aus, dass die 140.000 Euro, die man seit März für neue Notebooks ausgegeben hat, aus dieser Quelle erstattet werden.

Auch die Sozialbehörde hat 108.000 Euro fürs Corona-Homeoffice ausgegeben: „Außerhalb der normalen Ersatz-Beschaffungen für Geräte, also eigens um die Arbeit zu Hause in der Pandemie zu ermöglichen, haben wir 135 Notebooks zu je 800 Euro angefordert“, sagt Sprecher Bernd Schneider.

Siemens-Hochhaus - Behörden-Serie

Im Siemens-Hochhaus hat unter anderem die Senatorin für Stadtentwicklung ihr Büro.

Foto: Christina Kuhaupt

Gesamtsumme lässt sich aktuell nicht darstellen

„In der ersten Phase im Frühjahr wurde eine erhebliche Menge an zusätzlichen Geräten in allen Dienststellen des Innenressorts beschafft. Auch jetzt steuern wir noch weitere Geräte nach“, berichtet Sprecherin Karen Stroink. Eine Gesamtsumme der Notebooks, die bereits vorher zur Verfügung standen, und der zusätzlichen und noch laufenden Anschaffungen lasse sich aktuell nicht darstellen. Aber auch im Haus von Joachim Mäurer (SPD) setzt man auf den Bremen-Fonds.

„Die Kosten für die Verwaltung von Arbeitsplätzen, wozu auch der Austausch von Desktops-PCs zu Laptops zählt, werden pro Arbeitsplatz pauschal mit dem Finanzressort abgerechnet“, sagt Lukas Fuhrmann vom Gesundheitsressort. An der Spitze der Landesregierung ist man ohnehin gelassen: „Es entstehen auf der einen Seite geringfügige Mehrkosten durch vorgezogene Investitionen und Ersatzbeschaffungen. Auf der anderen Seite steht eine deutlich höhere Effizienz der Arbeit“, bilanziert Senatssprecher Christian Dohle. Die Senatskanzlei setze schon seit einiger Zeit auf eine möglichst hohe Ausstattungsquote mit Notebooks, was auch ihrer Digitalisierungsstrategie entspreche. Die Pandemie habe diesen Prozess allerdings beschleunigt.

Serie Behörde, Behörde - Jugendamt -  Sozialbehörde -

Im Tivoli-Hochhaus am Hauptbahnhof hat die Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport ihren Sitz.

Foto: Frank Thomas Koch

Bescheiden war man dabei in der Justiz: Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wurden „außer der Reihe“ bisher 43 Desktop-PC gegen Laptops ausgetauscht, für gerade einmal 13.000 Euro.

Im Wirtschaftsressort hat man unterdessen nicht nur in Rechner investiert: Um die Kommunikation mit Beschäftigten im Homeoffice, aber auch Unternehmen und Bundesministerien, aufrechthalten zu können, hat man schon im Frühjahr Lizenzen für eine Videokonferenz-Software und Headsets erworben. „Ebenfalls angeschafft wurde eine Lizenz für eine Webinar-Software, um hausinterne Fortbildungen weiterhin durchführen zu können“, berichtet Sprecherin Viezens. Die verschiedenen Standorte des Ressorts hätten mobile Webcams und Lautsprecher erhalten, um in den mit Beamern ausgestatteten Sitzungsräumen Veranstaltungen mit Präsenz und Zuschaltung durchführen zu können. Die 70 000 Euro dafür kommen jedoch nicht wie bei der zentralen Beschaffung von Rechnern aus dem Etat des Finanzressorts.

Ausnahmen

Es gibt natürlich auch Mitarbeiter, die keinesfalls ins Homeoffice können, weil sie von dort aus ihre Aufgaben schlicht nicht erledigen könnten. Im Gesundheitsbereich etwa liegt das auf der Hand, folglich arbeiten von den rund 8000 Beschäftigten der landeseigenen Krankenhausgesellschaft Gesundheit Nord (Geno) derzeit nur 250 von zu Hause aus. „Natürlich versuchen wir, im Sinne des Infektionsschutzes allen Beschäftigten, bei denen es die Arbeitsabläufe zulassen, die Arbeit von zu Hause aus zu ermöglichen“, sagt Geno-Sprecherin Karen Matiszick. Alle anderen hätten die Möglichkeit, sich FFP2-Masken aushändigen zu lassen. „Im Kontakt mit Patienten und bei Besprechungen in den Krankenhäusern sind FFP2-Masken verpflichtend.“

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Doch auch in anderen Ressorts sind manche an ihren Arbeitsplatz gebunden oder haben dort zumindest feste Anwesenheitstage. „Im Bauordnungsamt oder in der Wohngeldstelle arbeiten unsere Leute an und mit Akten, die können sie ja nicht alle mit nach Hause nehmen“, erklärt SKUMS-Sprecherin Neddermann. Man versuche, diese Präsenzteams möglichst klein zu halten.

Ähnlich verfährt man im Finanzressort: „Bei Beschäftigten, die für den Dienstbetrieb systemrelevante Tätigkeiten ausüben, wurde eine Aufteilung in unterschiedliche Gruppen vorgenommen, die immer abwechselnd im Büro arbeiten“, erläutert Bleiker. „Bei einem Teil der Arbeitsplätze ist durchaus auch eine Mischung möglich“, sagt Senatssprecher Dohle. „Ein Teil der Arbeit muss im Rathaus erledigt werden, ein anderer Teil auch von zu Hause aus.“

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Im Bildungsbereich sieht man sich auch gegenüber anderen in der Pflicht: Vorrang hat die Garantie, dass alle Aufgaben wahrgenommen werden. „Dies gilt für die Verwaltung der Senatorin besonders, weil alle Regierungsvertreter in Bund und Ländern der Aufrechterhaltung des Unterrichtsbetriebs wie der Betreuung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Kitas und Schulen höchste Priorität beimessen“, betont Sprecherin Kemp.

Recht und Regeln

Die dienstrechtlichen Fragestellungen zur Arbeit unter Corona-Bedingungen sind generell für alle Beschäftigten durch ein Rundschreiben des Senators für Finanzen geregelt, das vom 6. November datiert. Zwischen Beamten und Angestellten wird dabei nicht unterschieden. „Insbesondere bei Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe trifft die Dienststelle Schutzmaßnahmen, wozu die Beschäftigung im Homeoffice oder kontaktloses Arbeiten in der Dienststelle gehören kann“, erläutert Sprecherin Bleiker. Dabei stehen die Dienststellen durchaus unter einem gewissen Druck, denn: Können diese beiden Möglichkeiten nicht realisiert werden, „kann zunächst auch befristet Sonderurlaub bis zur Herstellung der technischen und organisatorischen Voraussetzungen gewährt werden.“

Auf eine Besonderheit weist man im Innenressort hin: „Anders als sonst werden die Personalvertretungsgremien in der Corona-Zeit nicht mit Einzelfällen befasst. Sie werden jedoch einbezogen bei der Erarbeitung der jeweiligen Organisationsverfügungen zum Thema Corona.“ Das gelte auch für die Regeln zum Homeoffice.

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Info

Zur Sache

Nach Angaben des Finanzressorts arbeiten im Land Bremen rund 47.000 Beschäftigte aus über 300 verschiedenen Berufen in den Einrichtungen des Öffentlichen Dienstes. Hierzu gehören neben der „klassischen“ Kernverwaltung auch Sonderhaushalte, Eigenbetriebe, Stiftungen und Anstalten sowie eine Vielzahl an Gesellschaften. Rund 28.000 Menschen sind in den verschiedenen Aufgabenfeldern der Verwaltung und den öffentlichen Betrieben der Freien Hansestadt Bremen tätig.

In Bremens Öffentlichem Dienst gibt es grundsätzlich zwei Formen von Arbeiten außerhalb des Präsenzdienstes. Die „Alternierende Telearbeit“ findet an bis zu zwei festen Arbeitstagen pro Woche regelmäßig von einem bestimmten Ort aus statt, etwa in einem häuslichen Büro. Dort muss ein vollwertiger Arbeitsplatz eingerichtet sein, der sämtlichen ergonomischen und Arbeitsschutzanforderungen entspricht. Die Dienststelle trägt alle Kosten für Aufbau, Installation, Betrieb, Wartung und Reparatur sowie für Deinstallation und Abbau der gestellten Ausstattung.

Beim „mobilen Arbeiten“ sind Arbeitszeit und -ort flexibler. Ausdrücklich ist sie laut Dienstvereinbarung „nicht langfristig planbar, nicht auf Dauer angelegt und erfolgt nicht zu festen, wiederkehrenden Zeiten“. Die gestellte Ausstattung besteht in der Regel aus einem Notebook oder Tablet und gegebenenfalls einem Dienst-Handy.

Beide Arbeitsformen sind ausnahmslos freiwillig, es besteht andererseits aber auch kein Anspruch der Beschäftigten darauf. Sie müssen formal bei der jeweiligen Dienststelle beantragt werden.

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