Lange Wartezeiten für Frauen

Engpässe bei Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbrüche

Beratungsstellen und medizinische Ambulanzen für Schwangerschaftsabbrüche haben wegen der Corona-Krise offenbar mit Einschränkungen zu kämpfen. Frauen müssen mitunter mehrere Wochen auf Termine warten.
19.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Engpässe bei Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbrüche
Von Lisa-Maria Röhling

Die Corona-Krise hat in den vergangenen Wochen zu einer Einschränkung der Beratungs- und ärztlichen Angebote für Schwangerschaftsabbrüche geführt. Das geht aus einer Antwort auf eine Grünen-Anfrage hervor, die am Dienstag im Senat diskutiert werden soll und die dem WESER-KURIER vorliegt. So müssen Frauen mitunter in andere Bundesländer verwiesen werden, damit ein fristgerechter Abbruch überhaupt noch möglich ist.

Bereits Ende März hatte das Gesundheitsressort die Beratungsregelungen für Betroffene an die aktuelle Situation angepasst: Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch erwägen, können seitdem die für den Eingriff verpflichtende Beratung auch telefonisch oder per Videochat durchführen. Das ist beispielsweise bei den drei Beratungsstellen von Pro Familia in Bremen und Bremerhaven möglich. Die Bescheinigung kann im Anschluss auch per E-Mail oder Fax an die notwendigen Stellen übermittelt werden. „Diese Hinweise sind nicht als Anordnung der Schließung oder teilweisen Schließung von Beratungsstellen zu verstehen“, hieß es in der Verfügung.

Lesen Sie auch

Laut der Senatsantwort haben Beratungsgespräche in den vergangenen Wochen meist telefonisch oder persönlich stattgefunden. Videogespräche habe es wegen der fehlenden technischen Ausrüstung sowohl bei den Frauen als auch bei den Beratungsstellen nicht gegeben. Grundsätzlich gebe es aber keine Engpässe bei den Beratung. Allerdings zeigt ein Blick auf die Internetseiten verschiedener Anlaufstellen, dass die Erreichbarkeit bei vielen wegen der Krise deutlich eingeschränkt ist.

Besonders schwierig ist es in diesen Tagen aber für Schwangere, einen Termin in einer der ambulanten Anlaufstellen in Bremen und Bremerhaven zu bekommen, um mit dem entsprechenden Beratungsschein einen straffreien Abbruch durchzuführen. „Obwohl Frauenärztinnen und Frauenärzte sowie die ambulanten OP-Zentren die Arbeitsabläufe angepasst und entsprechend priorisiert haben, mussten Kapazitäten aufgrund der Einschränkungen durch Corona reduziert werden“, heißt es in dem Senatspapier. Das habe auch damit zu tun, dass die Versorgungslage in Bremen ohnehin als „eng einzuschätzen“ sei. Neben den Kliniken Links der Weser, Mitte und Nord der Gesundheit Nord (Geno) ist ein Abbruch auch im medizinischen Zentrum von Pro Familia möglich, in Bremerhaven gibt es eine Anlaufstelle im Klinikum Reinkenheide.

Lesen Sie auch

Nun wird es auch dort knapp: Besonders schlecht ist demnach die Versorgungslage in Bremerhaven, von wo Frauen sogar in andere Bundesländer ausweichen müssen, um überhaupt einen fristgerechten Eingriff zu schaffen. Auch in Bremen sei ein ambulantes Zentrum wegen der Coronakapazitäten vorerst „umgewidmet“ worden, dort sind also keine Abbrüche möglich.

Wie es in den übrigen Bremer Kliniken aussieht, geht aus dem Bericht nicht hervor. Eine Nachfrage bei der Geno ergibt aber, dass es dort keine Einschränkungen gibt: „Schwangerschaftsabbrüche bedeuten für die betroffenen Frauen eine Notsituation und sind nicht verschiebbar“, betont Sprecherin Karen Matiszick.

Der Landesfrauenbeauftragten Bettina Wilhelm macht die Entwicklung sorgen. „Die Krise hat eine große Problemlage noch weiter verschärft“, sagte sie auf Nachfrage. Besonders ernst sei die Lage für die Beratungsstellen, die laut Wilhelm nur zu 80 Prozent staatlich finanziert werden und zusehends in finanzielle Nöte gerieten – auch, weil sie in der Krise weiterhin geöffnet sind, um die Pflichtberatungen abzusichern.

Die Krise sei somit existenzbedrohend für die ohnehin wenigen Anlaufstellen für Frauen. Wilhelm lobt deshalb auch die schnellen Anpassungen des Bremer Gesundheitsressorts, mit dem Beratungsscheine nach einer telefonisches Beratung auch digital an die Betroffenen verschickt werden können. Das sei notwendig: „Es geht hier um einen Eingriff, der nicht verschoben werden kann“, erklärt Wilhelm.

Wegen der Abstandsregeln, aber auch wegen fehlender Ärztinnen und Ärzte seien die Kapazitäten für Schwangerschaftsabbrüche stark reduziert, sagt Wilhelm. Deshalb findet sie es auch erschreckend, dass besonders Frauen in Bremerhaven aktuell bis Mitte Juni auf einen Termin im Klinikum Reinkenheide warten müssen. Für sie bedeute das: Im schlimmsten Fall können Frauen nicht rechtzeitig behandelt werden.

Ein zusätzliches Problem aus Sicht der Frauenbeauftragten: Das Gesundheitsministerium habe den Kliniken bundesweit freigestellt, Schwangerschaftsabbrüche als sogenannte elektive, also nicht zwingend notwendige Eingriffe zu bewerten. Und die sollen während der Pandemie weitestgehend verschoben werden. „Das ist richtig paradox“, so Wilhelm. Bremer Kliniken, die deshalb Eingriffe aussetzen, sind allerdings nicht bekannt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+