Mit dem Ordnungsdienst in der Innenstadt

Was der Bremer Ordnungsdienst auf Corona-Streife erlebt

Manch einer nimmt es stoisch hin, wenn er als Maskenmuffel zu einem Bußgeld von 50 Euro verdonnert wird. Doch es gibt auch Menschen, bei denen die Nerven blank liegen.
24.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Was der Bremer Ordnungsdienst auf Corona-Streife erlebt
Von Frank Hethey
Was der Bremer Ordnungsdienst auf Corona-Streife erlebt

Der Ordnungsdienst fährt mit: Auch in den Bussen und Straßenbahnen der BSAG ist die Coronastreife unterwegs.

Frank Thomas Koch

Plötzlich wird es laut an der Haltestelle Domsheide. Ein Mann von vielleicht 60 Jahren brüllt „Entschuldigung“, er bebt vor Wut. Eine Maske trägt er nicht, nur ein Tuch, das er sich eilig über die untere Gesichtshälfte gezogen hat. Sein Gegenüber vom Ordnungsdienst ist zwei Köpfe größer als er und eigentlich nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Doch diesmal wird auch er ein bisschen lauter, ein bisschen schärfer als sonst. „Wir haben doch gerade erst miteinander zu tun gehabt – und jetzt schon wieder!?“ Er habe es eben vergessen, kreischt der abermals ertappte Maskensünder. „Entschuldigung!“

Kopfschüttelnd kehrt der Mann vom Ordnungsdienst zu seinen Kollegen zurück. Erst vor einer halben Stunde hat er die Personalien des Wüterichs aufgenommen, um das obligatorische Bußgeld in Höhe von 50 Euro wird er kaum herumkommen. Und nun erwischt er ihn schon wieder in flagranti, der Lerneffekt scheint ziemlich schnell verpufft zu sein. Wäre es streng nach den Buchstaben des Gesetzes gegangen, hätte er dem Maskensünder erneut ein Bußgeld aufbrummen können, aber er winkt ab. „Eine zweite Maßnahme wäre möglich gewesen, aber das ersparen wir ihm.“

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Eine „Maßnahme“ – so nennt sich im Jargon des Ordnungsdienstes das, was zu tun ist, um den Verordnungen zum Durchbruch zu verhelfen. „Wir haben gerade eine Maßnahme“, sagt Kim Jana Willner, als es nicht so zügig vorwärtsgeht wie gedacht. Die Maßnahme muss ein Mann an der Haltestelle Schüsselkorb über sich ergehen lassen. Auch er hat keine Maske getragen, zwei von Willners Kollegen nehmen sich seiner an. Ein Wortgefecht bleibt aus, stoisch fügt sich der Mann in sein Schicksal. „Einer von den ruhigen Kandidaten“, sagt der Routinier vom Ordnungsdienst, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, aber sein Alter preisgibt: 41 Jahre hat er auf dem Buckel, ein athletischer Typ.

An diesem sonnigen Vormittag fahren vier Kräfte des Ordnungsdienstes mit der Straßenbahn durch die Innenstadt, drei Männer und eine Frau. Ihr Augenmerk gilt der Einhaltung der Maskenpflicht an den Haltestellen und in den Bahnen, so lautet der Auftrag der Leitstelle. Auf der Schiene gibt es nichts zu meckern, alle Fahrgäste halten sich an die Maskenpflicht. Nur einmal muss ein junger Mann sein Maske zurechtzupfen, lediglich der Mund war bedeckt, nicht die Nase. „Es heißt Mund-Nasen-Bedeckung“, belehrt der 41-Jährige den Brillenträger, „einmal bitte hochziehen!“

50 Euro Strafe bei Missachtung der Maskenpflicht

Auch mal ein gutes Wort verlieren, aufklären über Details der Regeln – das gehört ebenfalls zum Spektrum der Aufgaben des Ordnungsdienstes. Was ist zum Beispiel mit der Maskenpflicht, wenn man sich eine Zigarette anzünden oder etwas essen will? „Dann muss man stehen bleiben und auf Abstand achten“, sagt Kerim Zengin, der seit Januar beim Ordnungsdienst arbeitet. „Und beim Weitergehen heißt es dann wieder: Maske aufsetzen.“

Ohne Maske droht eine saftige Strafe, es werden 50 Euro fällig. Nicht nur 25 Euro, wie der Stoiker an der Haltestelle irrtümlich meint. Die kann man direkt vor Ort bezahlen, dann ist die Sache ohne Anzeige vom Tisch. „Das empfehlen wir auch“, sagt der 41-Jährige. Doch nicht jeder erklärt sich dazu bereit. „Manche wollen sich rechtfertigen, das ist ihr gutes Recht. Das geht oft über den Stolz.“ Der Nachteil der schriftlichen Variante: Es wird noch teurer, weil Bearbeitungsgebühren hinzukommen.

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Dass die beiden Maskenmuffel an Haltestellen und nicht in der Bahn ertappt werden, spricht für sich und findet in der jüngsten Pressemitteilung des Innenressorts auch ausdrücklich Erwähnung. Auffällig sei es, wie viele Menschen sich weiterhin ohne Mund-Nase-Bedeckung an BSAG-Haltestellen aufhielten. „Die vergessen einfach, ihre Maske aufzusetzen“, sagt der Ordnungsdienstler.

Dabei läuft auf den Displays die Aufforderung zum Maskentragen in Bussen, Bahnen und im Bereich der Haltestellen in Endlosschleife. Wirklich begreifen kann der 25-Jährige die Nachlässigkeit nicht. „Wenn einem 100 Leute mit Maske entgegenkommen, sollte es einem doch komisch vorkommen, selber keine zu tragen.“

Allgemeine Verstöße bleiben trotzdem relevant

Nicht immer geht es ohne harte Bandagen aus, wenn der Ordnungsdienst auf Corona­streife ist. Erst am Freitag sorgte ein 32-jähriger Maskenverweigerer für einen Polizeieinsatz auf dem Bahnhofsplatz (wir berichteten). „So ein Gespräch kann auch mal kippen“, sagt der Mann vom Ordnungsdienst. Um die Situation zu entschärfen, überlässt er schon mal einem Kollegen das Feld. „Wenn so ein Mensch etwas angesäuert ist, hilft es manchmal, wenn er mit einem anderen spricht und nicht demjenigen, der ihn erwischt hat.“

Fast seit den ersten Anfängen des Ordnungsdienstes vor zwei Jahren ist Kim Jana Willner schon dabei. Keine Frage, dass sich die Aufgaben seither sehr verändert haben. Dennoch sind die täglichen Corona-Kontrollen nur ein Teil der anfallenden Arbeit. „Allgemeine Verstöße bleiben trotzdem relevant“, sagt die 33-Jährige. „Fahrradfahren in der Fußgängerzone ahnden wir genauso wie vorher.“

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