Corona-Tagebuch - Tag 7

Seid umschlungen, Millionen!

Wie Balkonmusik gegen die Pandemie wirkt - und warum Beethoven die ganze Familie an ihre Instrumente bringt.
23.03.2020, 06:00
Lesedauer: 1 Min
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Seid umschlungen, Millionen!
Von Philipp Jaklin
Seid umschlungen, Millionen!

Unser Autor Philipp Jaklin erzählt in seinem "Corona-Tagebuch" davon, wie seine Familie den Alltag in Zeiten der Coronakrise meistert.

Schulen und Kitas sind geschlossen, Eltern ins Homeoffice verbannt – über den Härtetest des Pandemie-Alltags in der Großfamilie mit vier Kindern (6, 10, 13 und 15 Jahre).

Seit einigen Tagen stimmt unsere Straße jeden Tag Balkonmusik an. Die Nachbarn von gegenüber haben damit angefangen. Eines Abends war draußen plötzlich die „Ode an die Freude“ zu hören, gespielt von einem Duett aus Klarinette und Kontrabass. Die Nachbarschaft reagierte mit spontaner Begeisterung, verlangte lautstark Zugaben vom Balkonensemble im ersten Stock.

Immer um sechs Uhr erklingen jetzt außerdem „Don't worry, be happy“ und zum Schluss das Sandmann-Lied. Man muss sagen, die Akustik in unserer Straße ist wirklich hervorragend, sie kann nach meinem laienhaften Urteil mit jedem Konzertsaal in bewährter Schuhkarton-Bauweise locker mithalten. „Freude schöner Götterfunken“ ist natürlich in vielerlei Hinsicht die optimale Wahl für das nachbarschaftliche Musizieren in Zeiten von „Social Distancing“. Als Beethoven diese Musik 1824 in seiner Wohnung in der Ungargasse in Wien komponierte, erlitt er die vielleicht krasseste Form der sozialen Isolation: Er war bereits komplett taub.

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In unserer Straße ist inzwischen ein hübsches kleines Kammerorchester zusammengekommen. Wir können immerhin mehrere Blockflöten, eine Geige, ein Cello und ein Fagott beisteuern. Das Klavier im Wohnzimmer stellt uns noch vor gewisse logistische Probleme. Außerdem verteilen wir auf dem Balkon Liedzettel, solange sich der Text unserer Europahymne noch nicht bei jedem im Gedächtnis eingenistet hat. Aber das wird bald wahrscheinlich nicht mehr nötig sein. Ich kann das nur empfehlen: Gegen die Pandemie anzusingen und anzuspielen, wirkt spontan und garantiert. Und ich hätte überhaupt nichts dagegen, unser neues Straßenritual beizubehalten, wenn diese verrückte Zeit vorbei ist.

onlineredaktion@weser-kurier.de

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