Corona-Tagebuch - Tag 16

Stufig oder Fasson?

Warum der gute alte Topfschnitt in Familien gerade wieder eine Renaissance erlebt - und weshalb unser Fußball-Bundestrainer dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden kann.
31.03.2020, 18:12
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Stufig oder Fasson?
Von Philipp Jaklin
Stufig oder Fasson?

Unser Autor Philipp Jaklin erzählt in seinem "Corona-Tagebuch" davon, wie seine Familie den Alltag in Zeiten der Pandemie-Krise zu meistern versucht.

WESER-KURIER

Schulen und Kitas sind geschlossen, Eltern ins Homeoffice verbannt – über den Härtetest des Pandemie-Alltags in der Großfamilie mit vier Kindern (6, 10, 13 und 15 Jahre).

Nun, wo die ganze Familie täglich zu den Hauptmahlzeiten versammelt ist, gilt es die Gesprächsthemen besonders sorgsam auszuwählen. Psychologen empfehlen, möglichst nicht über Viren zu reden. Aber worüber sonst? Zum Beispiel über Frisuren. Ich weiß, mittelbar ist auch das ein Virenthema, aber wir wollen mal nicht zu streng sein. Ein kleines Brainstorming zur häuslichen Gestaltung der Haartracht brachte so konstruktive Vorschläge wie: Knastfrisur, Mönchstonsur, Topfschnitt. Letzterer geistert als hartnäckige Legende durch die Familie, aus den Zeiten, „als Papa uns noch immer die Haare geschnitten hat“. Jetzt ist es wieder soweit.

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Als Vater dreier Töchter kann ich berichten: Jungshaarschnitte sind ohne bestandene Friseurgesellenprüfung viel schwieriger hinzubekommen. Irgendwann habe ich eingesehen, dass unserem Sohn solche elterlichen Verunstaltungen nicht mehr zuzumuten sind. Unsere wichtige Männerbeziehung soll nicht von ein paar verhunzten Schnippeleien belastet werden. Dummerweise fand sein letzter Besuch bei einem professionellen Friseur weit vor Corona-Tagen statt. Die Ponyfransen schießen inzwischen tolldreist Richtung Nasenspitze, das geht auch nicht mehr als Jogi-Löw-Look durch. Der Erwartungsdruck auf den beiden männlichen Mitgliedern des Haushalts ist enorm. Man möge doch bitte an die Videokonferenzen mit der Klasse denken!

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Auch die Ausrede, dass im Haushalt nicht mal eine Ausdünnschere vorhanden ist, zieht nicht. Immerhin gibt es ein Gerät, dass intern als „Hoorafsnieder“ firmiert, eine kleine Verneigung vor dem Niederdeutschen. Damit lassen sich prima Knastfrisuren schneiden. Die Apparatur ist auch zum Trimmen des Gesichtshaars geeignet. Teile der Familie plädieren neuerdings dafür, der Ernährer solle sich eine Schifferfräse zulegen. Das ist der Hans-Werner-Sinn-Bart, Sie wissen schon. In unserer Küche hängt – warum auch immer – ein Bild des Hanseaten Johann Gustav Heckscher, googeln Sie ihn ruhig mal, auch er trug eine sehr schöne Schifferfräse. Genau so wünschen sich die Töchter in der Krise ihren Vater, worüber ich noch eine Weile nachdenken muss. Und als erstes, fürchte ich, ist der Jungshaarschnitt dran.

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