Kommentar zur Obduktion von Corona-Toten Vergebene Chancen in Bremen

Wenn weltweit fieberhaft versucht wird, die Wirkungsweise des Virus zu verstehen und Therapien für Erkrankte zu verbessern, kann der Aufwand häufiger Obduktionen kaum übertrieben sein, meint Joerg Helge Wagner.
23.09.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Vergebene Chancen in Bremen
Von Joerg Helge Wagner

Erstaunen wäre eine Untertreibung: Man kann es kaum fassen, dass die Leichen von Menschen, die ganz offiziell an Corona gestorben sind, behandelt werden wie jene von Krebs- oder Herzinfarkt-Opfern. Dabei ist doch Bremen Vorreiter, wenn es darum geht, möglichst nichts bei den Todesursachen zu übersehen. Als erstes Bundesland führte man hier vor drei Jahren die obligatorische qualifizierte Leichenschau ein: Seitdem wird ausnahmslos jede und jeder Verstorbene von Rechtsmedizinern untersucht. So weit, so vorbildlich, aber: In Zeiten einer beispiellosen globalen Pandemie reicht die rein äußerliche Begutachtung ihrer Todesopfer nicht, und seien die Fachärzte noch so qualifiziert.

Das wissen sie selbst natürlich am besten. Folgerichtig forderten Deutschlands Pathologen schon im Mai, so viele Corona-Tote wie möglich zu obduzieren – also die Leichen zu öffnen und Organ für Organ zu untersuchen. Wenn weltweit fieberhaft versucht wird, die Wirkungsweise des Virus zu verstehen, Therapien für Erkrankte zu verbessern und nicht zuletzt endlich einen Impfstoff zu finden, kann der Aufwand routinemäßiger Obduktionen ja wohl kaum übertrieben sein.

Doch sowohl in Bremen als auch in Niedersachsen macht man lieber weiter nach Schema F. Brutal ausgedrückt: Wenn ein verstorbenes Corona-Opfer nicht wenigstens noch ein Würgemal am Hals oder eine Stichwunde im Rücken hat, spart man sich die Obduktion – und das im Wortsinn. Dabei geht es um vergleichsweise kleine Summen: Wäre nur jedes dritte Corona-Todesopfer in Bremen und Niedersachsen obduziert worden – das ist die Quote, die Pathologen fordern, um zu belastbaren Ergebnissen zu kommen – hätte das wenige Hunderttausend Euro gekostet. Angesichts der Milliardenbeträge, mit denen man die Folgen der Pandemie lindern will, ein Witz.

Lesen Sie auch

Nicht überzeugend sind auch die offiziellen Begründungen für die Zurückhaltung bei den Obduktionen: Die machten nur Sinn, wenn man sie wissenschaftlich begleite. Genau darum bemüht man sich seit Monaten in Aachen, wo mit Förderung des Bundesgesundheitsministeriums ein deutsches Zentralregister entsteht. Aber das muss eben auch mit genügend Obduktionsergebnissen aus den Ländern versorgt werden. Ein Kooperationspartner ist übrigens das Institut für Pathologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Worauf wartet man denn noch?

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+