Mieterschutzbund erwartet Konflikte

Bremer Wohnungsmarkt erwartet Coronafolgen

Bislang haben nur wenige Mieter die Zahlungen ausgesetzt, aber wenn aus Kurzarbeit Arbeitslosigkeit wird, erwarten Experten wachsende Schwierigkeiten. Zudem endet am 30. Juni ein Moratorium für Kündigungen.
29.06.2020, 05:00
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Bremer Wohnungsmarkt erwartet Coronafolgen
Von Timo Thalmann
Bremer Wohnungsmarkt erwartet Coronafolgen

Gert Brauer, Geschäftsführer des Mieterschutzbundes, erwartet in der zweiten Jahreshälfte mehr Konflikte um Mietkündigungen.

Frank Thomas Koch

Mit aktuell rund einem Prozent geben die Wohnungsgesellschaften Gewoba und Brebau sowie kleinere Genossenschaften wie die WGS den Anteil ihrer Mieter an, bei denen aufgrund der Pandemie die Mietzahlungen gestundet werden. Das ist auch die Quote, die Vonovia bundesweit für ihre mehr als 350.000 Wohnungen nennt. Eine Sprecherin des Unternehmens verweist zwar darauf, dass für einzelne Regionen keine Zahlen veröffentlicht werden, sieht aber bei den rund 11.000 Bremer Wohnungen des Konzerns keine auffällige Abweichung. Auch Haus und Grund als Interessenverband der privaten Vermieter geht von dieser Größenordnung aus.

Für diese Haushalte – sowie für gewerbliche Mieter und Pächter – greift das von der Bundesregierung im März beschlossene Moratorium. Danach dürfen Mietrückstände aus dem Zeitraum von April bis Juni 2020 nicht als Grund für eine ordentliche oder fristlose Kündigung dienen, sofern sie durch die Pandemie begründet sind. Diese Regelung endet am 30. Juni. Über eine Verlängerung des Stillhalteabkommens bis Ende September, das neben Mietzahlungen auch für Verbraucherdarlehen sowie Energie-, Wasser- und Telefonrechnungen gilt, sind sich Union und SPD uneins.

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Die Gewoba berichtet von 870 der rund 42.000 Mieter, die wegen Corona im Zahlungsrückstand sind. Mit 650 konnten laut Manfred Corbach, Leiter Gewoba-Immobilienwirtschaft, Stundungen vereinbart werden, bei denen ein Teil der Miete bezahlt wird. Das soll verhindern, dass zu hohe Schulden anwachsen, die später schwer abzutragen sind. „Insgesamt liegt der Zahlungsausfall von April bis Juni rund eine halbe Million Euro höher als gewöhnlich“, so Corbach. Das entspreche 0,2 Prozent der Mieteinnahmen des Jahres.

Thomas Tietje vom Vorstand der Brebau sieht dennoch keinen Grund zur Entwarnung. „Der Wohnungsmarkt ist ein nachgelagerter Bereich, bei dem wirtschaftliche Abschwünge immer mit Verzögerung ankommen.“ Sollte etwa als Folge der Pandemie aus der momentan verbreiteten Kurzarbeit Arbeitslosigkeit erwachsen, werde das auf den Wohnungsmarkt durchschlagen. Tietje verweist als Beispiel auf die angekündigte Schließung von Galeria Kaufhof in der Bremer Innenstadt. „Da hängen Arbeitsplätze dran, und das gilt auch für jedes kleinere Geschäft, das vielleicht noch schließen muss.“

Frühzeitig das Gespräch suchen

Bernfried Hollmann, kaufmännischer Vorstand der WGS Genossenschaft, der in Bremen rund 1230 Wohnungen gehören, erläutert den typischen Ablauf. „Weil Wohnen ein Grundbedürfnis abdeckt, wird ein Haushalt bei finanziellen Einbußen zunächst an anderer Stelle Einsparungen suchen. Erst wenn es gar nicht anders geht, beginnt der Verzug der Mietzahlungen.“ Er rät Mietern in so einem Fall – wie alle Vertreter der Wohnungsgesellschaften –, frühzeitig das Gespräch zu suchen und mit offenen Karten zu spielen. „Wir wollen nach Möglichkeit jeden Mieter halten und suchen dann Lösungen. Kommentarlos zurückgehende Lastschriften und verweigerte Kontakte helfen dabei nicht.“

Dafür plädiert auch Ingmar Vergau, Geschäftsführer von Haus und Grund. „Dann kann man nicht nur Stundungen oder übergangsweise geminderte Zahlungen vereinbaren, sondern auch prüfen, ob etwa Anspruch auf Wohngeld besteht.“ Die meisten privaten Vermieter hätten Inte­resse daran, ihre Mieter zu halten, vor allem wenn sie gute Erfahrungen mit ihnen gemacht haben.

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Dennoch erwartet Gert Brauer, Geschäftsführer des Mieterschutzbundes, in der zweiten Jahreshälfte mehr Konflikte um Mietkündigungen. „Wenn die Frist der Bundesregierung endet, müssen Vermieter die Miete nicht mehr weiter stunden, sodass dann zeitnah Konsequenzen gezogen werden können.“ Gerade private Vermieter stünden schnell unter finanziellem Druck, wenn Mietzahlungen ausblieben. „Da wird nach unseren Erfahrungen sehr robust vorgegangen.“

Neuvermietung dauert länger

Der Mietmarkt sei in der Corona-Krise zu einer etwas „zähflüssigen Angelegenheit“ geworden, wie es Tietje formuliert. Zwar unterschiedlich in der Ausprägung, aber tendenziell übereinstimmend berichten die Wohnungsgesellschaften sowie Haus und Grund von einer abnehmenden Tendenz bei Kündigungen seitens der Mieter. Dadurch komme aktuell etwas weniger Wohnraum auf den Markt als gewöhnlich. Wegen der Einschränkungen durch coronabedingte Auflagen dauere die Neuvermietung länger. „Besichtigungstermine mit mehreren Interessenten sind nicht mehr möglich, dadurch verlängert sich unser Prozess um etwa zwei Wochen“, berichtet Corbach für die Gewoba.

Hollmann verzichtet bei der WGS derzeit auf Besuche von Mietinteressenten, wenn die Vormieter nicht mitspielen. „Dadurch nehmen wir etwas längeren Leerstand in Kauf.“ Einen Anspruch auf diesen Verzicht gebe es nicht. „Solange alle Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden und die Vermieter oder Verwalter nur Termine mit einzelnen Interessenten machen, ist der Mieter zur Mitwirkung verpflichtet“, bestätigt Brauer vom Mieterschutzbund.

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