Corona-Krise trifft Bauern hart

Wie freiwillige Helfer Landwirte unterstützen wollen

In diesen Tagen entscheidet sich, was die Bauern in dieser Saison säen und ernten können. Eine freiwillige Helferin erzählt, warum sie anpacken will. Derweil macht die eigene Partei Druck auf Angela Merkel.
01.04.2020, 22:22
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Wie freiwillige Helfer Landwirte unterstützen wollen
Von Marc Hagedorn
Wie freiwillige Helfer Landwirte unterstützen wollen

So soll es sein: Erntehelfer stechen Spargel auf einem Feld. Noch aber gibt es nicht genügend Saisonarbeiter für diese Aufgabe.

Julian Stratenschulte / dpa

Bis vor zwei Wochen ist Helga Heuer jeden Morgen in ihr Büro gefahren. Dort hat sich die Mittfünfzigerin, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, für einen Bildungsträger um Personalauswahl, Schulungen und Coachings gekümmert. Dann kam Corona, und seitdem ist der Berufsalltag der Frau aus Stuhr auf den Kopf gestellt. Erst arbeitete sie zwei Wochen im Homeoffice, jetzt hat ihre Firma Kurzarbeit angemeldet. Im Moment ist für sie dort nichts mehr zu tun.

„Ich muss aber etwas machen“, sagt Heuer im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Also hat sie sich im Internet auf der Seite „Das Land hilft“ in der dortigen Jobbörse registrieren lassen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat die Aktion vor gut zwei Wochen ins Leben gerufen. Potenzielle Erntehelfer stellen hier ihr Profil ein. Die Unternehmen können dann mit ihnen in Kontakt treten. Jetzt bietet Heuer bei „Das Land hilft“ erst einmal bis zum 15. Mai landwirtschaftlichen Betrieben ihre Arbeitskraft an. 30 Stunden pro Woche.

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Wie Helga Heuer machen es viele Menschen in Bremen und umzu. Eine gelernte Hotelfachfrau aus Mulmshorn etwa schreibt in ihrem Inserat, dass sie für den nächsten Monat jeweils acht Stunden pro Woche arbeiten könne; „aufgewachsen auf einem Hof“, hat sie in ihrer Selbstbeschreibung zusätzlich vermerkt. Oder dieses Angebot: Eine Lehramtsstudentin aus Vechta bietet ihre Dienste während der Osterferien für zwei Wochen an, je 40 Stunden. Sie schreibt davon, Erfahrungen als Kellnerin und Handballtrainerin zu haben. „Und je nachdem, wie sich die Lage entwickelt, kann mein Zeitfenster angepasst werden“, gibt sie noch an.

Fred Eickhorst freut sich über das Engagement und die Hilfsbereitschaft der Menschen. Eickhorst ist Geschäftsführer der Vereinigung der Spargel- und Beerenanbauer mit Sitz in Hatten im Landkreis Oldenburg. Er sagt: „Wir sind super-froh über diese Angebote.“ Vor allem kleinen Betrieben würde damit sehr geholfen werden, „besonders im Verkauf, für die Aufbereitung und in der Logistik“.

Deutlich komplizierter sieht es bei der tatsächlichen Erntearbeit aus. Bisher haben das vornehmlich Saisonarbeiter aus Polen und Rumänien übernommen, „Männer, die landwirtschaftliche Arbeit auf dem Feld aus ihrer Heimat gewohnt und deshalb für diese schwere Arbeit bestens geeignet sind“, wie Eickhorst sagt. Ob das jeder lernen kann? „Da bin ich mir nicht so sicher“, sagt er.

Holger Hennies, Vizepräsident des Landvolks, dem niedersächsischen Bauernverband, hält ungelernte deutsche Helfer nur für „eine Notlösung“. „Spargelstechen ist eine Technik, die muss man können“, sagt er, „da muss man auch eine gewisse Leistung pro Stunde erbringen, und es muss eine vernünftige Qualität dabei herauskommen.“

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Helga Heuer hat entsprechend Respekt vor dieser Aufgabe. „Ich weiß, was auf mich zukommt, meine Tochter hat schon auf einem Hof gearbeitet. Ich kann im Büro helfen, verkaufen, aussäen oder Erdbeeren pflücken“, sagt sie, „aber ans Spargelstechen traue ich mich nicht heran. Ich glaube, dafür braucht man viel, viel Übung, und die Bauern werden nicht die Zeit haben, Hunderte Anfänger anzuleiten.“

Tatsächlich ist die Branche trotz der überwältigenden Hilfsangebote in Sorge. Hennies sieht in dem Mangel an Saisonarbeitern „eine echte Existenzbedrohung“ für die Betriebe. Er fordert schnelle Lösungen. Spargel zum Beispiel müsse jetzt geerntet werden. Aber: „Keiner weiß, wer's machen soll.“

Unionspolitiker haben deshalb nun in einem sogenannten Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Lockerung der Einreisebeschränkungen für Saisonarbeitskräfte aus Rumänien und anderen EU-Mitgliedstaaten gefordert. Die deutschen Landwirte müssten in den nächsten Tagen entscheiden, welche Obst- und Gemüsesorten noch angebaut und geerntet werden könnten, daher sei keine Zeit zu verlieren, heißt es in dem Schreiben der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft der Fraktion.

Das sieht Fred Eickhorst genauso. „60 Kulturen werden jetzt und im Sommer in Deutschland angepflanzt und geerntet“, sagt er und zählt auf: Salate, Spargel, Frühlingszwiebeln, Erdbeeren, Brokkoli, Kohlrabi, Blumenkohl, Radieschen, Sellerie, Steckrüben. „Im Sommer“, sagt Eickhorst, „liegt die Eigendeckung des Bedarfs an Gemüse bei fast 100 Prozent in Deutschland. Aber wenn wir jetzt nicht pflanzen und säen, haben wir in sechs bis acht Wochen nichts zu ernten.“

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Dieser Gedanke bereitet auch Helga Heuer Sorge. „Mir ist egal, ob ich viel Geld für meine Arbeit bekomme“, sagt sie, „ich habe einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen. Die Bauern sind schließlich in Not.“ Eickhorst sagt: „Wir werden nicht verhungern. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nicht gefährdet. Aber die Auswahl an Obst und Gemüse wird deutlich eingeschränkt sein, wenn jetzt nichts passiert.“

Auf Importe, sagt er, könne man sich in diesen Zeiten nicht verlassen. Tomaten, Paprika und Gurken kommen im Sommer vor allem aus den Niederlanden, „aber in Spanien und Italien produziert im Sommer niemand für den deutschen Markt“, sagt Eickhorst. Er hat da so eine Ahnung: „So wie die Leute jetzt die Klopapierregale leer gekauft haben, werden sie ähnlich aufgeregt reagieren, wenn demnächst plötzlich die Obst- und Gemüseregale Lücken aufweisen.“ Menschen wie Helga Heuer wollen versuchen, ihren Beitrag dazu zu leisten, dass es nicht so kommt.

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