Corona und die Bremer Jugend

Das geklaute Jahr

„Ich bin ein Draußen-Freunde-Mensch“, sagt die 16-jährige Lucy aus Bremen. Doch diese Lucy gibt es während der Corona-Zeit nicht. Wie es ihr und ihren Freunden damit geht, hat sie uns erzählt.
13.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Das geklaute Jahr
Von Marc Hagedorn
Das geklaute Jahr

Wie ergeht es Jugendlichen in der Pandemie?

123rf

Lucy kann ihr Leben in eine Zeit vor Corona und in eine Zeit mit Corona einteilen. Wenn sie von diesen beiden Leben erzählt, könnte man auf den Gedanken kommen, dass man es mit zwei verschiedenen Menschen zu tun hat. „Ich bin ein Draußen-Freunde-Mensch“, sagt die 16-jährige Bremerin, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte, „vor Corona war ich ständig unterwegs, habe Sport gemacht, Freunde getroffen.“ Diese Lucy gibt es im Moment nicht mehr, kann es wegen Corona mit all seinen Einschränkungen nicht geben. Statt draußen zu sein, ist sie jetzt im Haus. Statt Freunde zu treffen, backt und liest sie nun und geht früh ins Bett. Es fällt ihr schwer, sich mit der neuen Lucy anzufreunden. Oft, sagt sie, sei sie traurig. „Ich hatte das noch nie so krass. Ich bin nicht depressiv oder so, aber ich wundere mich über mich.“

Die Corona-Pandemie verlangt den Menschen eine Menge ab. Ältere sind als Risikopatienten besonders gefährdet. Wer in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeitet, hat zurzeit so viel Stress wie vermutlich noch nie. Diejenigen dagegen, die im Freizeit- und Unterhaltungsbereich tätig sind, haben wenig bis nichts zu tun, fürchten um ihre Jobs, ihre finanzielle Sicherheit und ihre Zukunft. Und es gibt die Kinder und Jugendlichen. „Für die Jungen ist zurzeit alles auf den Kopf gestellt“, sagt Klaus Hurrelmann, Deutschlands bekanntester Jugendforscher.

Lucy durfte bis Mitte dieser Woche das Haus nicht verlassen. Sie musste wie ihr halber Jahrgang in Quarantäne, weil ein Mitschüler positiv auf Corona getestet worden war. Zwar hatten die Schüler täglich Hausaufgaben zu erledigen, aber als erfüllend empfand Lucy das nicht. „Es fehlt so vieles zurzeit: Freunde werden 18 und können das nicht feiern“, sagt die Gymnasiastin aus dem Viertel, „mir fehlen die Besuche bei Freunden und die Zeit, die man gemeinsam miteinander verbringt.“

Kinder während der Corona-Quarantäne in Spanien

Zu Hause statt in der Schule oder bei Freunden.

Foto: Óscar J.Barroso/Europa Press/dpa

Experten halten solche Verlustgefühle für völlig normal. „Die Jugend, das ist die Phase, wo ich rausgehe und sehr offen bin für andere Menschen“, hat Silvia Schneider, Jugendpsychologin an der Ruhr-Universität Bochum, dem Campus-Magazin der Wochenzeitung „Zeit“ schon beim ersten Lockdown gesagt, „Jugendliche und junge Erwachsene sind auf der Suche, wollen neue Kontakte knüpfen, romantische Beziehungen führen, vielleicht eine eigene Familie gründen. Es ist die Zeit, in der sich Menschen am meisten nach draußen orientieren und ihr Selbstbild formen.“

Lucy und ihre Freunde müssen jetzt viel mit sich selbst ausmachen. „Ich habe angefangen, Tagebuch zu schreiben, um das, was gerade passiert, zu sortieren“, sagt sie, „aber es ist schwer, sich mit sich selbst zu beschäftigen.“ Viele Mitschüler, vor allem die Jungs, würden viel an der Konsole zocken. Anfangs habe sie selbst Filme und Serien geschaut, „aber auch wenn ich nie gedacht hätte, dass ich das einmal sage: den ganzen Tag Netflix gucken wird auch langweilig.“

Mit den Eltern, „meine Familie ist super-cool“, und Freunden über Corona und die eigene Gemütslage zu reden, sei leichter gesagt als getan. „Ja“, sagt sie, „wir reden ab und zu darüber, aber wir tun es nicht gern. Es sieht eben nicht gut aus für uns Jungen, und deshalb würde es uns nur noch mehr runterziehen, wenn wir ständig darüber reden würden.“ Erst recht, wenn der Austausch nur digital stattfinden kann.

Digitale Kontakte können soziale und körperliche Nähe nicht ersetzen, das Telefonat nicht den Besuch. „Freunde sind ein wichtiges Spiegelbild in dieser Lebensphase. Verschiedene Freunde sind für verschiedene Bedürfnisse in einem gut, der eine für intellektuelle Gespräche, der andere zum Tanzen im Club bei dem einen bin ich mutig, beim anderen schwach“, sagt Jugendpsychologin Schneider, „die verschiedenen Rollen in der eigenen Persönlichkeit kann man in sozialer Isolation nicht mehr so gut ausleben. Man wird zurückgeworfen auf sich selbst.“

Dazu kommt das, was manche Experten einen Generationen-Konflikt nennen, der in der Corona-Krise deutlicher als bisher zum Ausdruck kommt. Es geht um Jugendliche, die Corona-Partys feiern, um Jugendliche, die sich nicht an Regeln halten, denen es nur ums eigene, nicht aber ums Wohlbefinden der anderen Menschen geht. Lucy ist wütend, wenn sie so etwas hört. „Wir reißen uns zusammen“, sagt sie, „es ist gemein, wenn man uns die Schuld dafür gibt, dass sich das Virus wieder ausbreitet.“

Tatsächlich gibt es dafür keinen Beweis dafür, dass junge Menschen rücksichtsloser agieren als andere. Ihr Verhalten ist in den vergangenen Monaten erforscht worden. Etwa in der Jugendstudie 2020 des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Tui-Stiftung. Das Ergebnis fasst die Geschäftsführerin der Tui-Stiftung so zusammen: „Junge Menschen sind offenbar in dieser Ausnahmesituation solidarischer als die öffentliche Debatte das derzeit widerspiegelt“, sagt Elke Hlawatschek, „die Bilder von den Corona-Partys finden keine Entsprechung in den Zahlen.“

YouGov hatte in der ersten September-Hälfte 1000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 26 Jahren befragt. Mehr als die Hälfte hielt die damaligen Corona-Maßnahmen für angemessen, jeder Fünfte für übertrieben. 83 Prozent der Befragten hielten sich an die gängigen Regeln, bei 89 Prozent stand der Schutz anderer vor der Sorge um die eigene Gesundheit. „Die eingeforderte Solidarität wird gezeigt“, sagt Forschungsleiter Peter Mannott.

Lucy sagt, dass sie und ihre Freunde sich an die Vorgaben hielten, „es ist auf jeden Fall richtig, dass es Einschränkungen gibt“, auch wenn sie selbst den Sinn von manch einer Maßnahme nicht nachvollziehen kann. Zum Beispiel beim Sport. Normalerweise geht sie regelmäßig zum Boxen. Das darf sie nun bis mindestens Ende November nicht mehr. Beim letzten Lockdown im Frühjahr hätte ihr Verein noch Freilufttraining angeboten, Schattenboxen ohne Partner. Jetzt, so kurz vor dem Winter, wird es diese Möglichkeit unter freiem Himmel kaum geben können. „Aber Sport in der Schule findet weiterhin statt“, sagt sie, „das macht uns sauer, weil wir dort in ein viel größeres Risiko geschickt werden.“

Lucy sagt, dass sie manchmal das Gefühl habe, als würde ihr und ihrer Generation ein ganz wichtiges Jahr geklaut. Sie erinnert sich an einen Satz, den sie in ihrem Leben vor Corona oft gehört hat. Wenn sie damals, mit 13, 14, an Wochenenden einmal länger weg bleiben wollte und das nicht durfte, sei sie vertröstet worden mit dem Satz: „Das kannst du machen, wenn du 16 oder 17 bist.“ Jetzt wird sie bald 17 – „und machen kann ich trotzdem nichts.“

Info

Zur Sache

Giffey wirbt um Verständnis

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat pauschale Kritik am Verhalten von Jugendlichen in der Corona-Pandemie zurückgewiesen. Die jungen Menschen verhielten sich „zum allergrößten Teil verantwortungsbewusst und rücksichtsvoll“, obwohl viele Lebensläufe durch die Krise beeinträchtigt würden, sagte Giffey am Mittwoch bei der Vorstellung des Kinder- und Jugendberichts in Berlin.

Lernen, Austausch mit Gleichaltrigen, die Welt erkunden oder auch mal eine Party feiern sei gegenwärtig verboten oder nur eingeschränkt möglich. In dieser Ausnahmesituation werde den Jugendlichen „viel abverlangt“. Viele Lebensläufe würden durch die Krise ein Stück weit beeinträchtigt, und die Jugend verliere ein „Stück Leichtigkeit“. Es müsse auch anerkannt und gewürdigt werden, in welcher Zeit sich die Jugend befinde, sagte die Ministerin.

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