Streitgespräch zu Pflegeheimen und Corona

„Häuser nicht noch einmal schließen"

Die Corona-Pandemie hat in den Pflegeheimen zeitweise zu massiven Konsequenzen geführt. Aktuell steigen die Infektionszahlen erneut. Was bedeutet das für die Bewohner?
18.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Häuser nicht noch einmal schließen
Von Timo Thalmann
„Häuser nicht noch einmal schließen"

Sind Besuchsverbote in Pflegeheimen im Fall von steigenden Corona-Infektionszahlen wieder notwendig um die Bewohner zu schützen?

Marcel Kusch /dpa

Die Corona-Pandemie hat seit dem Frühjahr den Alltag in den Pflegeheimen massiv verändert. Um die Bewohner vor Ansteckungen zu schützen, gab es zeitweise sehr strenge Isolationsmaßnahmen. Nun liegen einige Wochen der Lockerungen hinter uns, aber die Infektionszahlen steigen wieder. Wird man erneut Besuche von Angehörigen untersagen und die Bewohner abschirmen?

Arnold Knigge: Wir erleben eine Pandemie, wie wir sie bisher nicht gekannt haben, mit einem neuen Erreger, für den wir bis zu diesem Tag weder eine sichere Therapie noch einen Impfstoff haben. In der Rückschau würde ich darum sagen, die verfügten rigiden Kontaktbeschränkungen für die sehr verletzlichen Bewohner in den Einrichtungen waren richtig. Wir haben die tödlichen Konsequenzen gesehen, die ein Infektionsgeschehen in den Pflegeheimen anrichten konnte. Wie hätte man anders handeln können? Ich sage das, auch wenn ich weiß, dass die Einschränkungen zahlreiche Härten mit sich gebracht haben. Zugleich bin ich optimistisch, dass man die Häuser nicht noch einmal vollkommen schließt.

Reinhard Leopold: Ihr Wort in Gottes Ohr, denn die Folgen des Lockdowns gehen über zeitweise Härten und Einschränkungen deutlich hinaus. Selbst wenn die Pandemie irgendwann vorbei ist, haben Menschen bleibende Schäden erfahren. Zum Beispiel sind wichtige Therapien für Bewohner einfach weggefallen. Krankengymnasten, Ergotherapeuten oder Fußpfleger durften nicht mehr in die Pflegeheime kommen. Das hat zum Teil langfristige medizinische Folgen, weil die Pflegekräfte das nicht auffangen konnten. Das Wegsperren von Heimbewohnern ist keine Lösung und darf es nie mehr geben.

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Knigge: Richtig ist, dass die personelle Ausstattung in den Einrichtungen, schon vor Corona häufig am Limit war...

Leopold: Eigentlich war sie schon lange darüber...

Knigge: ... und mit der Pandemie die Belastungen für das Personal noch mal zugenommen haben. Ich wehre mich aber sehr vehement dagegen, wenn es heißt, man leiste nur noch Grundpflege und die Pflegequalität hat wegen Corona abgenommen. Das trifft die Mitarbeiter, die mit großem Engagement, viel Einsatz und einem hohen Verantwortungsgefühl in der Pflege arbeiten. Dass die Arbeitsbedingungen in der Pflege besser werden müssen, dass wir dort mehr Personal brauchen, stimmt natürlich trotzdem, denn die jetzt wegen Corona eingeführten Hygienekonzepte werden dauerhaft bleiben. Da bin ich sehr sicher.

Leopold: Da bin ich ganz bei Ihnen, aber auch vor Corona musste es Hygienekonzepte geben und dass es mehr Personal braucht, war ebenfalls schon vor Corona bekannt. Die Arbeitsbedingungen und -belastungen sind schließlich häufig die Ursache für Missstände in der Pflege, die wir meines Erachtens zu Recht kritisieren müssen. Wie soll es sich denn sonst verbessern? Darum verstehe ich nicht, warum sich gute Pflegekräfte persönlich angegriffen fühlen, wenn Medien über unzureichende Pflegequalität berichten. Das ist doch kein Vorwurf gegen das Personal, sondern gegen das System, unter dem sie tätig sind. Ich bin sehr dafür, dass die Arbeitsbedingungen verbessert werden, denn geht es dem Personal gut, wird sich das mit Sicherheit auch auf die Situation der Bewohner positiv auswirken.

Wie können die Arbeitsbedingungen verbessert werden?

Knigge: Der Pflegeberuf muss aufgewertet werden. Zum einen natürlich finanziell, woran wir als Landesarbeitsgemeinschaft in Bremen durch den ersten trägerübergreifenden Pflegetarifvertrag in Deutschland bereits arbeiten. Wir müssen bis 2023 in der Altenpflege das gleiche Lohnniveau erreichen wie in der Krankenpflege, schon weil dann die ersten Absolventen der neuen generalistischen Pflegeausbildung auf den Markt kommen. Die können sowohl in der Altenpflege, als auch im Krankenhaus arbeiten. Wenn die Pflegeeinrichtungen dann nicht annähernd die gleichen Bedingungen bieten, wie die Kliniken, wird es noch schwerer, dort Personal zu finden. Und wir müssen Bürokratie abbauen, zum Beispiel die Dokumentationspflichten begrenzen und man wird am Personalmix arbeiten, sodass examinierte Kräfte von Tätigkeiten entlastet werden, die auch Hilfskräfte übernehmen können.

Leopold: Entschuldigung, aber aus der Praxis wird mir häufig das Gegenteil berichtet. Einrichtungen haben angefangen, auch am Hilfspersonal zu sparen, etwa bei den Hauswirtschaftskräften. Dann musste das Pflegepersonal die zusätzlichen Hauswirtschafts- und Reinigungsarbeiten auch noch stemmen. Und was die Dokumentation betrifft: Da erleben wir nicht selten eine ungesunde Spirale. Denn durch die vielfach chronische Unterbesetzung sind Fehler wie etwa falsche oder verwechselte Medikamentengaben fast eine zwangsläufige Folge. Aus reinem Selbstschutz wird oftmals mehr dokumentiert als vorgeschrieben ist oder teils gar nicht durchgeführt wurde – was die Arbeitsbelastung und den psychischen Druck natürlich weiter erhöht.

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Was ich nicht verstehe: Wenn es auf der einen Seite die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften gibt und auf der anderen Seite nur wenig Bewerber, müssten dann die Löhne nicht sowieso steigen und die Arbeitgeber die Rahmenbedingungen verbessern? Stattdessen gibt es vielfach Berichte von Pflegekräften, die sich aus Angst nicht trauen, die schlechten Bedingungen zu benennen und beispielsweise die Betreuungsaufsicht zu informieren.

Knigge: Letzteres kann ich so zumindest für die Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände nicht bestätigen. Was die Steuerung über den Markt betrifft, ist das reine Theorie. Tatsächlich bewegt sich die Pflegebranche auf einem Pseudomarkt, weil vor allem die Kostenträger wie Pflegekasse und Sozialbehörde die finanziellen Möglichkeiten der Heimbetreiber bestimmen.

Zugleich gibt es private Anbieter, die mit Einrichtungen gute Renditen erwirtschaften.

Knigge: Dass die Politik in den neunziger Jahren private, renditeorientierte Pflegeunternehmen zugelassen hat, war meines Erachtens ein Fehler, der viele Schieflagen im System verursacht hat.

Leopold: Ich stimme Ihnen zu, aber das ist es nicht allein. Wenn Heimbetreiber und Kostenträger die Pflegesätze aushandeln, sitzen die Bewohner und ihre Angehörigen nicht mit am Verhandlungstisch. Aber ihnen wird am Ende über die Eigenanteile ebenfalls tief ins Portemonnaie gegriffen.

Knigge: Ja, das ist die Kehrseite. Alle stimmen darin überein, dass wir mehr Personal in der Pflege brauchen und sich die Bedingungen verbessern müssen, aber am Ende kostet das einfach Geld, das irgendwo her kommen muss. Wenn wir mit einem guten Tarifvertrag etwas für die Pflegekräfte tun, dann weiß ich, dass das zugleich steigende Eigenanteile der Bewohner bedeutet. Denn die Leistungen der Pflegeversicherung sind festgeschrieben.

Die aus guten Gründen steigende Pflegesätze gehen gegenwärtig zulasten der Bewohner. Eine umfassende Pflegereform müsste dieses Verhältnis umkehren und die Eigenanteile wie in der privaten Versicherung festschreiben. Will man zugleich die Beitragssätze für die Pflegeversicherung nicht erhöhen, heißt das zwangsläufig, auch einen höheren Steuerzuschuss ins System zu bringen. Leider bewegt sich in dieser Hinsicht nicht viel. Es gibt eine Gesetzesinitiative aus Bremen und Hamburg dazu, aber die versauert irgendwo im Bundesrat.

Das Gespräch führte Timo Thalmann.

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Info

Zur Person

Arnold Knigge (72) war Bremer Staatsrat für Arbeit und Soziales und ist jetzt seit neun Jahren ehrenamtlicher Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Wohlfahrtsverbände in Bremen.

Reinhard Leopold (64) ist Bremer Regionalbeauftragter des Biva Pflegeschutzbunds, einer Interessenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen.

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