Interview mit Bremer Tourismusforscher

„Frühere Krisen haben gezeigt: Touristen vergessen sehr schnell“

Wenn immer mehr Deutsche ihren Urlaub nicht mehr im Ausland, sondern im eigenen Land verbringen, ist das dann schon ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit? Wir haben mit einem Bremer Tourismusforscher gesprochen.
05.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Frühere Krisen haben gezeigt: Touristen vergessen sehr schnell“
Von Marc Hagedorn
Herr Hartmann, Sie forschen unter anderem zum Thema Nachhaltigkeit.

Rainer Hartmann: (schmunzelt) Das ja schon fast eine Art Modewort geworden ist.

Wenn die Deutschen wegen Corona jetzt mehr Urlaub im eigenen Land machen, ist das dann ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit?

Mit Blick auf die Anreise, ja. Aber das ist ja nicht alles.

Sondern? Was ist gemeint, wenn von nachhaltigem Urlaub gesprochen wird?

Es gibt drei Säulen, die Nachhaltigkeit ausmachen. Zunächst: die ökologische Säule. Stichworte Klima- und Naturschutz im weitesten Sinne. Das heißt, dass man beim Reisen nichts unternimmt, was zu Lasten der Natur geht.

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Also nicht fürs Partywochenende nach Ibiza jettet oder zum Shoppen nach London.

Zum Beispiel. Dazu kommt die zweite Säule, hier geht es um die sozio-kulturelle Komponente. Das heißt, dass ich nichts unternehmen sollte, das den Menschen, die im Urlaubsort leben, schadet. Ich sollte nicht dorthin reisen, wo Menschen in nicht gerechte Arbeitsverhältnisse gezwungen, also ausgebeutet werden. Man muss sich fragen: Wie wird der Hotelbetrieb geführt, in dem ich untergekommen bin? Was sagen die Menschen vor Ort dazu, wenn Touristen bei ihnen einfallen? Oft hat man diejenigen, die dort leben, nämlich nicht gefragt, ob sie das gut finden oder nicht.

Und die dritte Säule?

Die dritte Säule ist die ökonomische. Sie spielt bislang die größte Rolle beim klassischen Tourismusprodukt. Da ist es oft so: Große Akteure dominieren den Markt, und es geht darum, möglichst viel Geld möglichst schnell zu verdienen. Wenn ich mich aber nachhaltig ökonomisch verhalten will, überprüfe ich: Wo landet das Geld, das durch den Tourismus eingenommen wird? Bleibt es im Ort? Wird es reinvestiert? Werden dadurch faire Arbeitsplätze geschaffen? Ist die Geschwindigkeit des Wachstums adäquat? Es gibt Kriterien, an denen man festmachen kann, ob ein Urlaub nachhaltig ist.

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Was müssen zum Beispiel Nordseebäder tun, wenn sie nachhaltigen Urlaub ermöglichen wollen, gleichzeitig aber in Zeiten von Corona so stark besucht werden wie noch nie?

Das ist eine Herausforderung. Wichtig ist, zu sagen: Es gibt Grenzen, etwa eine Obergrenze bei den Übernachtungszahlen. Die Kommunen müssen festlegen, was sie infrastrukturell schaffen können und was für einen Tourismus sie haben möchten. Sie dürfen nicht den gleichen Fehler machen wie andere Destinationen, die ausschließlich auf Masse setzen und Bettenburgen aufbauen.

Wenn also ein Kurdirektor sagt: Wir brauchen gar nicht unbedingt so große Spaßbäder oder künstlich geschaffene Infrastruktur, wir haben festgestellt, dass den Urlaubern die Weite, das Meer, das Naturerlebnis viel wichtiger sind – ist das dann ein guter Schritt?

Das mag aus Sicht eines Kurdirektors ein interessantes Gedankenspiel sein, weil die Bäder für die Kommunen in der Regel Defizitbetriebe sind. Ich glaube auch, dass das Naturerlebnis für viele Urlauber wichtig ist. Aber Natur kann ich an allen Orten an der Küste erleben. Und gerade in Norddeutschland ist das Wetter ja nicht immer so toll. Wenn es grau ist und regnet, dann kommen die Fragen: Was können wir denn jetzt machen? Dann kommen künstlich geschaffene Angebote als Wettbewerbsvorteile ins Spiel.

Wie nachhaltig verändert Corona die Einstellung der Urlauber?

Das ist eine spannende und nicht leicht zu beantwortende Frage. Im Tourismus hat sich in der Vergangenheit bei Anschlägen oder Naturkatastrophen gezeigt, dass sich sehr bald alles wieder wie vorher eingependelt hat. Touristen vergessen sehr schnell. Meine Einschätzung: Wenn wir morgen nichts mehr von Corona hören, werden die Menschen übermorgen ins Reisebüro gehen und ihre Reise buchen, die sie immer gebucht haben. Solange Corona uns (medial) begleitet, werden die Menschen so wie in diesem Jahr reisen, also verhalten.

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Heißt: Nachhaltigkeit ist etwas für die Nische?

Ich sage es mal so: Es ist noch eher ein kleiner Anteil an Reisen, die tatsächlich gezielt nachhaltig durchgeführt werden. Aber es gibt dieses Angebot. Und es gibt eine Zielgruppe in Deutschland, die 40 bis 50 Prozent ausmacht und sich grundsätzlich nachhaltig verhält oder zumindest verhalten möchte. Viele Menschen agieren im Moment schon nachhaltiger, aber das ist eher ein Nebeneffekt der Umstände, die unter Corona herrschen. Wirklich nachhaltig wäre es, wenn man die vielen Milliarden Euro, die an die Fluggesellschaften und Reiseveranstalter geflossen sind, um diese zu stützen, an Bedingungen für mehr Nachhaltigkeit geknüpft hätte. Aber da hat man aus meiner Sicht eine Chance verpasst, leider.

Das Gespräch führte Marc Hagedorn.

Info

Zur Person

Rainer Hartmann ist Professor für Freizeit- und Tourismusmanagement an der Hochschule Bremen. Eines seiner Schwerpunktthemen ist Nachhaltigkeit.

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