Unterschiedliche Auffassungen

Zwei Bremer Auswanderer über den Corona-Sonderweg von Schweden

Beide haben Wurzeln in Bremen und leben schon sehr lange in Schweden: Den lässigen Sonderweg des Landes in der Corona-Krise erleben und bewerten Rita Burkert und Klaus Beutler jedoch sehr unterschiedlich.
14.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Zwei Bremer Auswanderer über den Corona-Sonderweg von Schweden
Von Joerg Helge Wagner
Zwei Bremer Auswanderer über den Corona-Sonderweg von Schweden

Klaus Beutler aus Gröpelingen lebt seit einem halben Jahrhundert in Stockholm. Er ist mit dem Corona-Umgang der schwedischen Regierung zufrieden.

privat

In der Corona-Krise ist Schweden einen anderen Weg als die übrigen Staaten Europas gegangen: Man hat vor allem auf Empfehlungen an die Bevölkerung gesetzt und nicht auf strikte Verordnungen. Wie haben sich Bremer, die schon lange in Schweden leben, auf diesem Sonderweg gefühlt? Wir haben mit zweien von ihnen gesprochen.

Am Sonntag hat Klaus Beutler seinen 70. Geburtstag gefeiert – in Stockholm, wo der gebürtige Gröpelinger seit seinem 19. Lebensjahr wohnt. „Die Hälfte der Eingeladenen ist nicht gekommen“, berichtet der Jubilar am Telefon. „Die wollten nicht in die Wohnung. Hätten wir draußen gefeiert, wäre es wohl kein Problem für sie gewesen.“

Corona-Infektion überstanden

Der Rentner, der früher im Lebensmittel-Großhandel tätig war, respektiert die Entscheidung seiner Freunde – schließlich haben er und seine iranische Frau beide im April eine Corona-Infektion überstanden. „Meine Frau arbeitet in einem Pflegeheim, sie hat sich dort infiziert und war dann sechs Wochen richtig krank“, schildert Beutler. Er selbst habe nur drei Tage im Krankenhaus verbracht: „Trotz Diabetes Typ 2 und einer Herz-OP 2008 geht es mir jetzt saugut.“

Beutler und seine Frau leben auf Lidingö. Die Insel gehört zum Stadtgebiet von Stockholm und gilt als gepflegte bessere Wohngegend. „Hohe Fallzahlen gab es vor allem in den Migranten-Quartieren, wo die Menschen auf engem Raum wohnen“, sagt der Ex-Bremer. Mit der moderaten Linie des staatlichen Epidemiologen Anders Tegnell ist er gut klargekommen: „In Deutschland wurde den Leuten Angst gemacht. In Schweden empfahl man ihnen, Respekt vor dem Virus zu haben, ohne zu viel Panik zu schüren.“

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Das sieht Rita Burkert völlig anders. Die Diplombiologin, die früher an der Universität Bremen gearbeitet hat, lebt seit elf Jahren in Stockholm, zusammen mit ihrem Lebensgefährten und der zwölfjährigen Tochter. Für die Lässigkeit der Schweden im Umgang mit Corona hat sie kein Verständnis: Im April habe sie sich ernsthaft Sorgen gemacht, „da waren die Intensivstationen in Stockholm nämlich voll.“

Besonders empört sie die Pflege in den Altersheimen: „Rund 1000 Bewohnern mit Atemwegserkrankungen wurde einfach Morphium verabreicht, oft mit tödlichen Folgen.“ Die 49-Jährige sieht darin „eine Strategie ohne ethische Distanz und öffentliche Diskussion.“

Regierungskurs wird kaum hinterfragt

Beutler wiederum sagt, dass im März und April, „als es täglich 80 Tote gab“, schon sehr lebhaft über den Kurs von Tegnell diskutiert wurde. „Aber die Regierung stand immer uneingeschränkt hinter ihm, die Kritiker verstummten schließlich, und heute diskutiert keiner mehr.“ Ein Zustand, den Rita Burkert kaum aushält. “Man wird ausgegrenzt, wenn man den Kurs der Regierung hinterfragt. Teilweise wird es verbal sehr aggressiv.“ Die große Mehrheit der Schweden glaube fest an die Unfehlbarkeit der Behörden, auch wenn dort wissenschaftlich Unhaltbares gesagt werde – wie Tegnells Behauptung, dass Kinder sich nicht anstecken könnten.

In der Schule sei ihre Tochter das einzige Kind, das eine Maske trägt. „Da sitzen 25 Schüler in einem Altbau-Klassenraum mit gerade 60 Zentimeter Abstand zueinander“, schildert Burkert. Abgesehen von Einbahnwegen gebe es keinerlei Einschränkungen. Vor den Sommerferien habe es eine Weile Distanzunterricht gegeben, weil sich zu viele Lehrer krank gemeldet hatten.

Mit ihren Freundinnen halte die Tochter außerhalb der Schule nur online Kontakt. Im Frühjahr habe sie noch in einem Kulturzentrum einen Theaterkurs besucht, „aber das habe ich beendet: Da wurde in einem kleinen Raum getanzt, gesungen, gesprungen.“

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Beide Bremer berichten von offenen Sportplätzen und Schwimmhallen. „Beim Fußballtraining standen die Eltern oft dicht um den Platz“, sagt Beutler, "das fand ich schon merkwürdig.“ Die Obergrenze bei Veranstaltungen von 200 bis 300 Teilnehmern habe zudem nur für außerschulische Veranstaltungen gegolten, wundert sich Burkert.

In den Bussen wiederum habe es anfangs eine Maskenpflicht gegeben und die Fahrgäste durften nur hinten einsteigen. „Das geschah auf Druck der Gewerkschaft, als sich im März viele Fahrer infiziert hatten“, sagt Rita Burkert. Dafür wurden die elektronischen Tickets dann nicht mehr kontrolliert.

In Restaurants und Kneipen habe man Tische herausgenommen, um den empfohlenen Abstand von 1,5 Metern zu ermöglichen, erzählt Klaus Beutler. „Aber die populären Lokale am Wasser waren trotzdem immer voll.“ Vor allem jüngere Menschen verhielten sich wie immer, während andere sich freiwillig isoliert hätten, bedauert Burkert.

Desinfektionsmittel-Spender in Cafes, Einkaufscentern und Geschäften

Beutler hat die Freiheiten mit Zurückhaltung genossen: „Wir über 60-Jährige gehen nicht in die Kneipen, setzen uns aber gerne davor.“ In den Einkaufscentern, Cafés und Geschäften stünden zudem überall Spender mit Desinfektionsmitteln. „Und die benutzen auch alle.“

Für die Senioren gab es zudem noch einen besonderen Service, den auch Beutler und seine Freunde geschätzt haben: Von 7 bis 9 Uhr am Morgen waren viele Geschäfte ausschließlich für sie geöffnet. Trotzdem seien leider viele kleine Geschäfte durch die Pandemie eingegangen: „Die Leute wollten eben doch nicht so gerne einkaufen gehen.“

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Burkert nutzte eine schwedische Besonderheit, um ihre Familie zu versorgen: Matkasse. Dahinter verbergen sich auf Bestellung fertig gepackte Lebensmitteltüten oder –boxen, die samt Rezepten nach Hause geliefert werden. „Das gab es natürlich schon vor Corona. Es ist hier sehr populär, weil mehr oder weniger alle Erwachsenen voll berufstätig sind.“ Die Kinder werden unterdessen betreut, Rita Burkerts Tochter etwa konnte von 6.30 Uhr bis 17.30 Uhr in der Kita bleiben. Ein Umstand, der sie anfangs sehr an Schweden begeistert hat.

Doch in den Corona-Monaten ist „meine Motivation, hier zu bleiben und alt zu werden, gebrochen.“ Sie habe sich zuletzt nur noch wohl gefühlt, weil ihr Arbeitgeber ihr Homeoffice ermöglicht habe. Nun will sie sich aber auf eine Stelle außerhalb Schwedens bewerben.

„Für mich war es besser, dass ich hier in Schweden war“, sagt hingegen Beutler, trotz seiner eigenen Infektion. Über die Lage in Deutschland hat er sich nicht nur übers Fernsehen informiert, sondern auch in vielen Telefonaten mit seiner Schwester, die in Findorff lebt: „Was sie über die Einschränkungen dort erzählt hat, fand ich schon gespenstisch.“

Info

Zur Sache

Niedrige Rate seit Juli

Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gibt es in Schweden (10,2 Millionen Einwohner) bislang wesentlich mehr durch Corona Infizierte und Getötete als in Deutschland (83,2 Millionen Einwohner). Während sich hier fast 259.000 Menschen infizierten und 9421 von ihnen starben, sind es in Schweden schon 5846 Todesopfer bei mehr als 86.000 Infizierten. Doch im Gegensatz zu Frankreich oder Spanien sind die Zahlen der Neuinfektionen seit Anfang Juli stabil auf einem niedrigen Niveau von wenigen hundert Fällen. Die Entwicklung ist auch besser als in den Nachbarstaaten Norwegen und Dänemark.

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