Birgit Pfeiffer und Margret Krehmke

Wie die Einkaufshilfe zwei Menschen zusammenbrachte

Birgitt Pfeiffer und Margret Krehmke haben sich nicht direkt gesucht, aber gefunden - über die Hilfsaktion der Freiwilligenagentur und des WESER-KURIER. Aus der Einkaufshilfe erwuchs eine gute Bekanntschaft.
27.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie die Einkaufshilfe zwei Menschen zusammenbrachte
Von Silke Hellwig
Wie die Einkaufshilfe zwei Menschen zusammenbrachte

Margret Krehmke (links) und Birgitt Pfeiffer lernten sich durch die Hilfsaktion der Freiwilligenagentur und des WESER-KURIER kennen.

Koch

Das Virus hat Menschen getrennt, aber manche auch vereint. Die Pandemie hat beispielsweise zwei Bremerinnen zusammengebracht, die sich viel zu sagen haben, buchstäblich und im übertragenen Sinne: Margret Krehmke und Birgitt Pfeiffer fanden sich durch das Hilfsangebot, das diese Zeitung gemeinsam mit der Freiwilligenagentur Bremen im März gestartet hatte. Birgitt Pfeiffer war die erste auf der Liste der Helferinnen und Helfer, erzählt sie. Das hat seinen Grund: Sie war vielen Jahre für die Freiwilligenagentur tätig, bis vor einem Jahr als hauptamtliche Geschäftsführerin. Seit Juni 2019 ist sie Mitglied der SPD-Bürgerschaftsfraktion.

Bis sich die beiden Bremerinnen treffen und kennenlernen konnten, braucht es seine Zeit: Ganz zu Beginn der Einschränkungen sei sie in eine Art Schockstarre gefallen, sagt Birgitt Pfeiffer. „Dann habe ich mir klar gemacht, welche Privilegien ich genieße, trotz des Virus. Ich habe keine kleinen Kinder zu versorgen, ich habe eine Arbeit, die nicht gefährdet ist. Das verstehe ich als Verpflichtung, anderen zu helfen.“ Zudem lebten ihre Eltern in Köln und könnten auf die Unterstützung der Nachbarn bauen. „Deshalb war für mich klar: Wenn Nachbarn für meine Eltern einkaufen gehen, muss ich mir hier jemanden suchen.“

Überwindung gekostet

Margret Krehmke legte sich den Ausschnitt mit der Telefonnummer aus dieser Zeitung schon frühzeitig zur Seite, sagt die 85-Jährige. Aber es habe sie doch etwas Überwindung ­gekostet, tatsächlich anzurufen. Ein gewisser Vertrauensvorschuss sei nötig. „Da kommt ja schließlich irgendjemand ins Haus, den man nicht kennt.“ An den Gedanken müsse man sich erst einmal gewöhnen. „Ick weeß ja nich, ob Sie vertrauenswürdich sind, haben Sie ­berlinert.“ So erinnert sich Birgitt Pfeiffer an die ersten Sätze der Kontaktaufnahme am Telefon.

Birgitt Pfeiffer konnte Margret Krehmke schnell von ihren guten Absichten überzeugen. Aus der Einkaufshilfe, die im März begann, wurde rasch mehr. Die Gespräche an der Tür wurden länger, irgendwann kamen die beiden überein, in gebotenem Abstand auf Margret Krehmkes Terrasse zu plaudern. Spaziergänge schlossen sich an. „Aus der Einkaufs- wurde eine Plauderhilfe“, sagt Margret Krehmke. Sie habe sich anfangs sehr zurückgezogen und nicht gewagt, das Haus zu verlassen. Birgitt Pfeiffer ermunterte sie, sich wieder zuzutrauen, mit ihr gemeinsam kleine Runden zu drehen. „Wir haben uns dabei durch die Welt geplaudert, von Privatem bis zur Politik.“

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Nach und nach erfuhren die Bremerinnen mehr voneinander. Wie es Margret Krehmke von Berlin über den Harz nach Bremen verschlug, beispielsweise. Schon beim Einkaufen für andere werde die Beziehung in gewisser Weise privat, sagt Birgitt Pfeiffer. Das müsse man zulassen können. „Wir haben uns nach und nach aneinander angetastet.“ Außerdem gebe es da noch einen „Mann für alle Fälle“, der helfe – der Lebensgefährte von Birgitt Pfeiffer.

An die 140 Paare wurden seit März von der Freiwilligenagentur Bremen und dem WESER-KURIER zusammengebracht. Die Bremische Bürgerschaft hat sich der Aktion angeschlossen. Außer ihr hätten noch einige Abgeordnete Partner gefunden, berichtet Birgitt Pfeiffer. „Das ist meiner Meinung nach ein wichtiges Signal, dass wir uns an solchen Aktionen beteiligen.“ Momentan ist der Bedarf laut Lena Blum gedeckt. Sie leitet die Geschäfte der Freiwilligenagentur.

Dementen Ehemann in Pflegeeinrichtung besucht

Die Hilfe kam zur rechten Zeit, sagt Margret Krehmke. Ihr Ehemann ist dement, er lebt seit Kurzem in einer Pflegeeinrichtung. Sie haben ihn besucht, am Gartenzaun gestanden und von dort ermuntert, kleine Runden zu drehen. Inzwischen sei er in der Nähe untergebracht. In der neuen Einrichtung musste er zunächst in Quarantäne.

„Die Auflagen sind streng, aber es gibt auch keinen einzigen Infektionsfall, das muss man honorieren“, sagt Margret Krehmke. Dennoch sei die Lage belastend. „Er verliert mich, wenn wir uns nicht sehen. Du bist die nette Dame, die mich immer besuchen kommt, sagt er. Das tut mir so weh, ich kann es gar nicht beschreiben.“

Was als Einkaufshilfe gedacht war, habe sich in dieser schwierigen Phase als echte Lebenshilfe erwiesen, als „Rettung zum richtigen Zeitpunkt“, sagt Margret Krehmke. Birgitt Pfeiffer ergänzt: „Das Schicksal hat gut gewürfelt.“ Für beide steht fest, dass die Pandemie nur Anlass für diese Beziehung war. Sie soll fortgesetzt werden, auch wenn die Corona-Krise nur noch in der Erinnerung existiert.

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