Seeleute und Corona

Wie sich die Seemannsmission Bremen um festsitzende Seeleute kümmert

Viele Seeleute dürfen wegen Corona in den Häfen nicht von Bord gehen. Was das für die Seemänner und die Arbeit der Seemannsmission bedeutet, hat uns Diakon Magnus Deppe, Leiter der Bremer Einrichtung, erzählt.
01.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Wie sich die Seemannsmission Bremen um festsitzende Seeleute kümmert
Von Marc Hagedorn
Wie sich die Seemannsmission Bremen um festsitzende Seeleute kümmert

Magnus Deppe, Leiter der Bremer Seemannsmission, möchte Seeleuten auch während der Corona-Krise zu einem heimatlichen Gefühl verhelfen.

Christina Kuhaupt

Bevor die beiden Männer gleich an Bord eines Schiffes gehen und nicht wissen, in wie vielen Wochen oder Monaten sie es wieder verlassen dürfen, gönnen sie sich noch einen Moment der Ruhe an Land. Darrel Villar und Erick Delacruz sitzen im Seemannsclub der Seemannsmission an einem Tischchen vor zwei Tassen mit heißem Kaffee. Sie sind etwas müde, seit fast 24 Stunden auf den Beinen. Vor einem Tag sind sie los geflogen in Manila, Zwischenstopp in Doha, nach einigen Stunden Aufenthalt weiter nach Frankfurt und von dort schließlich nach Bremen.

Villar und Delacruz sind Seemänner, sie leben auf den Philippinen. In Bremen sind sie, weil hier ein neuer Job für sie beginnt. Für die nächste Zeit arbeiten sie auf der Seychelles Prelude, einem Öltanker, der aus dem russischen Primorsk nach Bremen gekommen ist und von hier aus weiter ins britische Campbeltown fährt. Bei Villar und Delacruz am Tisch sitzt Magnus Deppe. Er ist Diakon und Leiter der Bremer Seemannsmission, die ihren Sitz in der Hermann-Prüser-Straße gegenüber der Waterfront hat. Deppe hat Villar und Delacruz begrüßt, jetzt machen sie ein wenig Smalltalk.

Corona bestimmt den Alltag

Reden und Zuhören ist Deppes Geschäft. Seit ein paar Monaten mehr denn je. Corona sorgt seit Jahresbeginn dafür, dass vieles nicht mehr so ist, wie es sonst immer war. Normalerweise wäre im Seemannsclub deutlich mehr los an einem solchen Nachmittag. Seeleute aus Polen, der Ukraine, Russland, Indien und Landsleute von Delacruz und Villar säßen dann hier. Sie würden Dartpfeile auf eine Dartscheibe werfen, am Tisch kickern oder Billard spielen. Und wenn die Stimmung besonders ausgelassen wäre, würden sie die Dame hinter der Theke bitten, die Karaokemaschine anzuschalten.

Tatsächlich aber sind Deppe, die beiden Seemänner, die Frau an der Bar und der Taxifahrer, der Villar und Delacruz vom Flughafen abgeholt und hierher gebracht hat, die einzigen Menschen im Raum. Corona diktiert auch hier den Alltag. Der Publikumsverkehr im Seemannsclub ist praktisch zum Erliegen gekommen, viele Seeleute dürfen in den Häfen, die sie auf ihren langen Touren ansteuern, nicht mehr von Bord gehen. „Manche haben ihre Schiffe seit Beginn der Krise nicht verlassen“, sagt Deppe. Das ist mehr als ein halbes Jahr. Ohne Pause im Einsatz sind viele Männer länger als ein Jahr.

Lesen Sie auch

Man müsse sich das einmal vorstellen, sagt Deppe. 15 Männer lebten seit Monaten auf engstem Raum zusammen. Sie kämen aus unterschiedlichen Ländern, sprächen unterschiedliche Sprachen, seien kulturell und religiös unterschiedlich geprägt. „Ist doch klar, dass es da früher oder später zum Koller kommen kann“, sagt Deppe, „oder dass Männer Heimweh haben, weil sie schon wieder Geburtstage ihrer Liebsten verpassen.“ In solchen Momenten sind Deppe und seine Mitstreiter besonders gefragt. Aufs Schiff rauf dürfen sie zwar auch nicht, aber ran ans Schiff kommen sie.

Wenn Seemänner klagen, dass sie ihre Familien seit Wochen nicht mehr gesehen haben, weil es an Bord kein Wlan gibt, um zu skypen, verteilt die Seemannsmission Internetboxen und Internetkarten. Weil die Seeleute keine Einkäufe erledigen dürfen, übernimmt die Seemannsmission das. Chips, Gummibärchen und Schokolade, vor allem Schokolade, aber auch Zigaretten und Obst schafft das Team um Deppe heran und reicht es über die Reling hinüber. Im April und Mai war manchmal sogar Spargel dabei. „Hin und wieder muss es etwas Besonderes sein“, sagt Deppe. Ebenfalls ganz wichtig: Zeitungen; russische, philippinische, polnische, niederländische. Die Seemannsmission hat mehrere Zeitungen im Abo, verteilt werden die Blätter kostenlos.

Spenden fließen nicht mehr wie früher

Wenn sonst jemand an Bord kommt, tut er dies meistens, weil er etwas von den Männern auf dem Schiff will. Papiere kontrollieren, Ansagen machen; Leute vom Zoll oder vom Gesundheitsamt, Makler und Reeder. Die Seemannsmission dagegen will nichts, sie gibt und das auch noch als Geschenk. „Wir wollen den Männern hier so etwas wie ein Zuhause in der Fremde bieten“, sagt Deppe, „sie fühlen sich sonst schnell vergessen.“ Tatsächlich könnte man das Schicksal der Seeleute leicht übersehen. Die Schiffe liegen draußen im Hafen. „Viele Bremer sind noch nie im Hafen gewesen, sie wissen gar nicht mehr, welch große Tradition die Schifffahrt in ihrer Stadt hat“, sagt Deppe. Bis zu 200 Schiffe kommen im Monat nach Bremen, 2500 Seeleute wollen von Deppe, zwei FSJlern, einem ehrenamtlichen Helfer und einer weiteren hauptamtlichen Kraft jeden Monat versorgt werden. Personell, sagt Deppe, sei man ganz gut aufgestellt.

Ein größerer Knackpunkt ist das Geld. Zwar gibt der Bund Mittel für die Arbeit der Seemannsmission, auch die Bremische Evangelische Kirche unterstützt. Reeder zahlen ein paar freiwillige Abgaben, aber ganz wichtig sind Spenden. Die allerdings fließen nicht mehr so wie früher. Unternehmen aus allen Bereichen halten sich unter dem Druck von Corona mit Gaben zurück, auch private Haushalte müssen in Zeiten von Kurzarbeit oder drohender Arbeitslosigkeit ihr Geld zusammenhalten. Dazu kommt die Ungewissheit in der Branche selbst: Wie geht es mit den Aufträgen weiter? Wie kommen die Reedereien durch die Corona-Krise?

Für Männer wie Darrel Villar und Erick Delacruz ist es in diesen Monaten keine Selbstverständlichkeit, dass sie in Bremen an Bord eines Schiffes eine neue Arbeit beginnen können. 400 000 Seeleute weltweit, so schätzt das UN-Büro für Menschenrechte, sitzen derzeit ohne Job an Land fest. In ihrer Heimat mussten Villar und Delacruz vor der Abreise für mehrere Tage in Quarantäne gehen und zwei negative Corona-Tests nachweisen. „Das Warten war nicht leicht“, sagt Delacruz. Die meisten von ihnen, die sich als Seeleute verdingen, sind auf jeden Cent angewiesen, auch Villar und Delacruz haben Familien zu Hause. Nicht aufs Schiff zu können, würde ihre Existenz erschüttern.

Umgekehrt würden Corona-Fälle an Bord die Reedereien viel Geld kosten. Deshalb lassen einige von ihnen die Seeleute nur ungern beziehungsweise gar nicht von Bord gehen. Auch viele Länder verbieten den Crews, die Schiffe zu verlassen. „Die beste Quarantäne ist auf dem Meer beziehungsweise auf dem Schiff, wenn es im Hafen liegt“, sagt Deppe. Erlauben die Behörden und die Arbeitgeber den Landgang, sind Regeln zu beachten.

Besuche und Lieferdienste werden noch lange gebraucht

Auch die Seemannsmission macht dabei mit: Crews etwa dürfen nicht vermischt werden, und bevor die Mitarbeiter der Seemannsmission mit ihrem „Taxi-Dienst“ Seeleute von A nach B chauffieren, wird Fieber gemessen. Ein Thermometer liegt seit einiger Zeit griffbereit im VW-Caddy, den die Seemannsmission ihr Eigen nennt. Gut möglich, dass dieser „Taxi-Dienst“ mit steigenden Coronazahlen jetzt vorübergehend eingestellt wird.

Ganz sicher nicht eingestellt werden die Besuche und Lieferdienste von Magnus Deppe und seinem Team, sie werden noch lange gebraucht. Als Nächstes fangen sie damit an, 1000 Weihnachtstüten zu packen, die ab Nikolaus auf den Schiffen verteilt werden. „Wir sind sehr glücklich, dass es die Seemannsmission gibt“, sagt Erick Delacruz, der seit 26 Jahren zur See fährt und solche Einschränkungen wie zurzeit noch nicht erlebt hat, „damit zeigt man uns: Wir denken an euch.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+