Bargeldloses Bezahlen

Durch Corona wird auf Bargeld verzichtet

Führt die Corona-Pandemie zu mehr digitalen Bezahlvorgängen? Zahlen legen das Nahe. Wenn das auch nach Corona so bliebe, wäre das keine Schande. Kontaktloses Bezahlen ist relativ sicher und bequem.
01.04.2020, 21:48
Lesedauer: 5 Min
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Durch Corona wird auf Bargeld verzichtet
Von Maurice Arndt
Durch Corona wird auf Bargeld verzichtet

Die Corona Pandemie könnte die Trendwende hervorrufen, dass in Zukunft kontaktloses Bezahlen beliebter wird.

EURO Kartensysteme GmbH/EURO

Schon seit Jahren scheint Deutschland das letzte gallische Dorf zu sein, in dem weiter am liebsten bar gezahlt wird. Eine Ende 2019 veröffentlichte Studie ließ diesen Schluss noch zu. Nun könnte die Corona-Pandemie eine Trendwende eingeleitet haben. Immer häufiger zücken Kunden im Supermarkt in jüngster Zeit ihr Handy, mit dem sie kontaktlos bezahlen. Offenbar um sich vor Viren auf dem Bargeld schützen, obwohl darüber kaum Viren übertragen werden.

Es ist im Grund ganz einfach und schnell: Handy oder Smartwatch über das Lesegerät gehalten, in das man sonst seine EC-Karte einsteckt. Da einige Zentimeter Mindestabstand gehalten werden übertragen sich keine Keime vom Kassengerät auf das Smartphone. Lediglich Geld wechselt den Besitzer – Nutzerdaten aber womöglich auch. Mittlerweile ist das nicht nur in großen Supermärkten möglich. „In der U-Bahn und auch auf einigen Wochenmärkten“ sei das Zahlungsverfahren mittlerweile gängig, berichtet Ökotest.

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Kunden scheinen aufgrund der Pandemie gefallen an dem Verfahren gefunden zu haben. Man stelle „hinsichtlich der Nutzung der Edeka-App für die Bezahlung der Einkäufe einen leichten Anstieg im Vergleich zum Vormonat fest“, teilte eine Sprecherin der Edeka Stiftung Minden-Hannover mit. Die Stiftung ist auch für die Märkte in Bremen und umzu zuständig. Zudem würden andere bargeldlose Bezahlarten, vor allem die EC-Karte, stärker genutzt als bisher.

Die Deutschen Kreditwirtschaft stellt bei Girocard-Zahlungen in den vergangenen Tagen fest, dass mehr als die Hälfte aller Vorgänge kontaktlos durchgeführt wurden. Im Dezember lag dieser Anteil noch bei 35 Prozent. Die Kreditwirtschaft hat deshalb, ebenso wie Kreditkartenanbieter, mitgeteilt, dass das Limit für kontaktloses Bezahlen ohne Pin-Eingabe auf 50 Euro verdoppelt wird. Bisher musste man ab einem Einkaufswert von 25 Euro seine Geheimzahl eingeben und kam in Kontakt mit dem Lesegerät und wahrscheinlich Viren. In Bremen erkennt auch die Sparkasse einen leichten Trend.

Zum kontaktlosen Bezahlen stehen, je nachdem wo man einkauft, zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung. In Bremen ist etwa die Bezahlung per Edeka-App in rund einem Drittel der Edeka-Märkte möglich. Auch alle weiteren gängigen Bezahlverfahren, die auf den Übertragungsstandard NFC setzen, wie Apple-Pay oder Google-Pay würden akzeptiert. Weitere Angebote gibt es auch von Banken, Kreditkartenanbietern oder Bonusprogrammen wie Payback.

Gemeinsam haben fast alle Varianten den Übertragungsstandard NFC, der in jedem neuen Handy verbaut ist. Ausnahmen bilden die Anwendungen von Edeka, Netto und Payback. Hier tauschen Kunde und Kassierer Codes aus. NFC überträgt Daten, ähnlich der Bluetooth-Technologie, drahtlos. Anders als die Bluetooth-Technik, die bereits aus den 1990er-Jahren stammt, nutzt die neuere NFC-Technik statt Funkwellen Induktion. Deshalb ist die Übertragung nur über eine geringe Distanz von wenigen Zentimetern möglich. Anders als beim kontaktlosen Bezahlen mit der Girokarte gibt es bei Handy-Apps oft keinen Maximalbetrag, etwa bei Edeka.

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Im Test von zwei Apps lässt sich feststellen, dass die Verfahren noch nicht immer reibungslos funktionieren. Mit Payback kann man seit über einem Jahr zahlen. Ursprünglich war die App ein Bonusprogramm. Mittlerweile kann man mit ihr bei DM, Real oder Penny zahlen. Die Getränkemarktkette Hol ab ist zwar auch dabei. Vor Ort heißt es aber immer wieder, es brauche noch Zeit, bis man über die App zahlen könne.

Um überhaupt bezahlen zu können, braucht man eine Payback-Karte. In der Anwendung muss der Kunde die Anmeldedaten seiner Karte sowie ein Girokonto hinterlegen. An der Kasse wird die Zahlungsfunktion entweder mit einer vierstelligen Pin oder per Fingerabdruck auf dem Smartphone freigeschaltet. Dann erscheint ein Code, den das Kassenpersonal scannt. Gelegentlich verweigert die App die Zahlung. So passiert, als damit in einem Rewe-Supermarkt gezahlt wurde und 30 Minuten später in einem Rewe-Markt in einem anderen Stadtteil.

Mit der App des Discounters Netto kann man seit mehr als zwei Jahren bezahlen. Wer mit der App zahlt, erhält mitunter Rabatte. Die Funktionalität ist ähnlich zur Payback-Variante. Jedoch muss in der App der Netto-Markt angegeben werden, in dem man einkauft. Manchmal steht die App sich selbst im Weg. Der freigeschaltete Code für die Kasse ist nur fünf Minuten gültig. Das ist manchmal zu kurz. Zudem stört die Festlegung für einen Markt. Dadurch ist die Zahlung in einem anderen Netto-Markt nur möglich, wenn man umständlich in der App den Markt ändert. Zu den Gründen für diese Funktion antwortete der Discounter auf Nachfrage nicht.

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Nutzbar sind App-Dienste für das Handy in Deutschland noch nicht so lange. Google Pay startete im Juni, Apple Pay erst im Dezember 2018. Zum Vergleich: In Großbritannien wurden die Dienste schon im Mai 2016 (Google) und Juli 2015 (Apple) eingeführt. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass die Technik in Deutschland bisher kaum genutzt wird. Allerdings sehen unter deutschen Verbrauchern bislang 58 Prozent der Befragten keinen Grund, der ihnen in Zukunft das mobile Bezahlen schmackhaft machen könnte. Groß ist laut einer Studie die Abneigung gegen die Übermittlung persönlicher Daten.

Tatsächlich sind kontaktlose Bezahlmöglichkeiten aber gut gesichert. Da NFC nur funktioniert, wenn sich die Geräte fast berühren, kann man es nicht aus der Ferne ausspionieren. Problematisch wird es aufgrund der Technik, wenn man Handy oder Karte verliert. Dann „können Diebe genauso einfach auf Ihr Geld zugreifen wie auf das Bargeldfach Ihres gestohlenen Portemonnaies“ sagt Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen. EC-Karten und Apps von Banken, die im Prinzip die Girokarten simulieren, haben deshalb ein Limit für Bezahlungen ohne Pin-Eingabe. Zur Sicherheit wird nach einer bestimmten Anzahl solcher Zahlungen so oder so die Pin abgefragt.

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Apps, die die Karte simulieren, haben gegenüber echten Karte einen weiteren Vorteil: „Die Daten, die vom Mobiltelefon zum Datenterminal an der Kasse gesendet werden, sind keine Eins-zu-eins-Übertragung der Bankdaten, sondern bloß eine verschlüsselte Kopie, die ausschließlich für ebenjenen Bezahlvorgang gilt, den Sie gerade freigeben“, sagt Oelmann, warnt jedoch: „Wer mit seinem Smartphone via App bezahlt, teilt sein Kaufverhalten eventuell dem App-Anbieter mit.“ Je nachdem, welchen Dienst man nutze, könnten weitere Unternehmen von der Zahlung erfahren. Etwa Analyse-Firmen, die anhand des Einkaufsverhaltens Werbung schalten.

Dagegen empfiehlt die Verbraucherschützerin, Gerätesoftware stets auf dem neuesten Stand zu halten etwa über automatische Updates. Zudem sollten Abrechnungen kontrolliert werden und beim Verlust von Karte oder Handy die Konten gesperrt werden. Wer dennoch weiter Bedenken hat, kann bei einigen Banken die NFC-Funktion seines Kontos abschalten lassen und im gallischen Dorf Deutschland auch immer noch bar bezahlen.

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