Möglicher Bundeswehreinsatz in Corona-Krise

Fregattenkapitän: 4500 Soldaten können kurzfristig mobilisiert werden

Die Bundeswehr verfügt über genügend Man-Power und Know-how, um bei der Bewältigung der Corona-Krise zu helfen. Was das für Bremen bedeutet, erläutert Fregattenkapitän Lars Dörmann.
16.04.2020, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Fregattenkapitän: 4500 Soldaten können kurzfristig mobilisiert werden
Von Sigrid Schuer
Fregattenkapitän: 4500 Soldaten können kurzfristig mobilisiert werden

Generalleutnant Martin Schelleis (Mitte), Nationaler Territorialer Befehlshaber und Inspekteur der Streitkräftebasis, sowie Oberst Hans Peter Dorfmüller (rechts), Kommandeur des Landeskommandos Bremen, informieren sich über die aktuelle Corona–Situation im Bundesland Bremen bei einer Besprechung im Lagezentrum des Landeskommandos.

Bundeswehr/Pottmeier

Der Einsatz der Bundeswehr hat sich im Fall von Naturkatastrophen und des sonstigen Katastrophenschutzes bewährt. Sind Sie von den Bremer Politikern bereits zur Bekämpfung der Corona-Pandemie angefordert worden?

Lars Dörmann: Natürlich steht das Landeskommando Bremen in dieser besonderen Lage permanent im Austausch mit dem ressortübergreifenden Krisenstab. Bislang hat die Bremer Landesregierung fünf Anträge auf Amtshilfe gestellt. Das Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin ist für die Prüfung aller Anträge auf Amtshilfe der Bundesländer zuständig und hat nach einer umfassenden Prüfung den Antrag des Innensenators bewilligt. Hierunter fällt beispielsweise die Bereitstellung von Unterkunftskapazitäten für Funktionspersonal der Polizei und von Stellflächen für technisches Gerät auf dem Gelände der Scharnhorst-Kaserne in Huckelriede oder auch von Infrastrukturflächen für die Rettungswache der Feuerwehr Bremerhaven an der Marineoperationsschule. Die zwei Anträge aus dem Gesundheitsressort mussten nach einer Bewertung des konkreten Bedarfs in Bremen zum Zeitpunkt der Antragsstellung im Vergleich zu den Herausforderungen in anderen Bundesländern abgelehnt werden. Aufgrund der Infektionsrate liegt derzeit der Schwerpunkt im Westen und im Süden von Deutschland.

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Sind Sie schon in Gesprächen?

Selbstverständlich. Die Bundeswehr in Bremen ist seit dem Beginn der Corona-Pandemie im Dialog mit den zuständigen Ressorts und pflegt augenblicklich einen besonders engen Kontakt zu den Bremischen Blaulichtorganisationen. Mit unseren Verbindungsoffizieren nehmen wir an den Lagebesprechungen des ressortübergreifenden Krisenstabes teil. Das Kreisverbindungskommando in Bremerhaven wurde teilweise aktiviert, um auch direkt vor Ort einen Ansprechpartner der Bundeswehr für die Stadt Bremerhaven im Hinblick auf eine mögliche Amtshilfe der Bundeswehr zu haben. Dazu kommt: Gerade gestern hat sich Generalleutnant Martin Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis und oberster Koordinator für die Amtshilfe der Bundeswehr, in der Scharnhorst-Kaserne ein Lagebild über die Situation in der Region verschafft.

Mit welchem Know-how und welcher Man-Power kann die Bundeswehr generell helfen?

Konkrete Unterstützungs- und Hilfeleistungen der Bundeswehr im Rahmen der Amtshilfe kommen nur dann in Betracht, wenn die Fähigkeiten ziviler Kräfte und Institutionen nicht mehr ausreichen. Voraussetzung für die Amtshilfe ist immer ein genehmigter Amtshilfeantrag. Alle eingehenden Anträge werden kurzfristig geprüft. Verfügbare Ressourcen der Bundeswehr kommen immer dort zum Einsatz, wo diese am dringendsten benötigt werden. Dabei reicht das Spektrum von personeller Unterstützung über Einbringen fachlicher Expertise bis hin zum Transport von Patienten aus dem Ausland. Diese auch für die Bundeswehr nicht alltäglichen Herausforderungen benötigen eine Organisationsstruktur, welche es uns ermöglicht, den Menschen vor Ort schnell und verzugslos zu helfen. Dazu koordiniert die Streitkräftebasis die komplette Amtshilfe der Bundeswehr in Deutschland.

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Das bedeutet in der Praxis?

Mit der Aufstellung von vier regionalen Führungsstäben und den ihnen dann zugeordneten Kräften – rund 15 000 Soldatinnen und Soldaten – aus den verschiedenen Organisationsbereichen der Bundeswehr wird die Territoriale Organisation nun sogar verstärkt und ausgebaut. Die regionalen Führungsstäbe sollen die dazugehörigen Truppenteile im Einsatz gegen das Corona-Virus führen. Das Bundesland Bremen kann dabei auf Hilfe- und Unterstützungsleistungen aus dem nachgeordneten Bereich der 1. Panzerdivision in Oldenburg zählen. Unter Leitung der Streitkräftebasis und des Kommandos Territoriale Aufgaben in Berlin stützt sich der neu aufgestellte Regionale Führungsstab 2 West auf Personal der 1. Panzerdivision und hält beispielsweise Truppenkontingente, die der Panzerlehrbrigade 9 in Munster unterstehen, für einen Einsatz in Bremen und umzu bereit. In Zahlen: mehr als 4500 Soldaten können bei Bedarf kurzfristig in unserer Region eingesetzt werden.

Welche Aufgabe hat das Landeskommando Bremen?

Ein wesentlicher Aspekt bei dieser Neuorganisation ist die Lastenteilung. Beratungsleistungen zur Amtshilfe auf kommunaler Ebene und Landesebene werden weiterhin wie bisher durch die Landeskommandos sichergestellt. Die militärische Führung der einzelnen Truppenteile, die vorrangig zur Erfüllung von Unterstützungsersuchen in den Kategorien Gesundheitsversorgung, Logistik und Schutzaufgaben bereitstehen, liegt bei den regionalen Führungsstäben. Damit bleibt das Landeskommando Bremen der alleinige Ansprechpartner für die Landesregierung in Bremen.

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Wie viel pflegerisches und ärztliches Personal könnte das Landeskommando zur Verfügung stellen?

Dem Landeskommando Bremen sind direkt keine Einheiten des Sanitätsdienstes der Bundeswehr unterstellt. Allerdings steht der Sanitätsdienst der Bundeswehr fest an der Seite des zivilen Gesundheitssystems. Alle Bundeswehr-Krankenhäuser sind bereits jetzt fest in die medizinische Versorgung der Bevölkerung eingebunden – das bewährt sich nun in der aktuellen Lage.

Sind bereits Reservisten informiert worden?

Selbstverständlich sind Reservisten, die dem Landeskommando Bremen zugeordnet sind, bereits informiert. Die Reservisten stehen gewissermaßen auf Abruf kurzfristig zur Verfügung, um beispielsweise einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb im Lagezentrum des Landeskommandos Bremen durchhaltefähig über einen längeren Zeitraum zu gewährleisten. Die Reserve insgesamt ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Bundeswehr, der die aktiven Soldatinnen und Soldaten entlastet. Eine hohe Priorität haben jetzt zunächst einmal alle Angehörigen der Reserve mit medizinischen Berufen.

Das Gespräch führte Sigrid Schuer.

Info

Zur Person

Lars Dörmann

Der Fregattenkapitän ist Sprecher der Bundeswehr im Bundesland Bremen und in dieser Funktion für das Landeskommando Bremen in der Scharnhorst-Kaserne tätig.

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