Freizeitunfälle Auf Nummer sicher im Corona-Jahr

Während der Corona-Pandemie haben sie viele Aktivitäten in die Wohnung oder den Hobbykeller verlagert. Befürchtungen, das würde zu mehr häuslichen Unfällen führen, bewahrheiten sich offenbar nicht.
17.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Auf Nummer sicher im Corona-Jahr
Von Justus Randt

In Corona-Zeiten sind die Menschen zu Hause am sichersten. Was das Virus betrifft. Doch schon mit Beginn der Pandemie warnten Ärzte vor Haushalts- und Freizeitunfällen. Auch andere stellten sich die Frage: Was kann da nicht alles passieren? Die Antworten darauf sind nicht immer eindeutig im Detail, markieren aber einen Trend. Während sich die Zahl der Arbeits-, Wege- und Schulunfälle im Jahr 2020 bis zu halbiert hat, ist die der häuslichen Unfälle in etwa gleich geblieben. Coronabedingt stark angestiegen ist die Zahl der gemeldeten Berufskrankheiten.

Die Statistik der Krankenkasse HKK in Bremen zeige unterm Strich und „trotz steigender Versichertenzahlen“, dass die Anzahl aller Unfälle 2020 rund ein Fünftel unter dem Niveau des Vorjahres liege, teilt Maike Habben für die HKK mit. Als privater Unfallversicherer stellt die VGH, Mutterunternehmen der ÖVB, in Niedersachsen und Bremen im „Corona-Jahr“ einen Rückgang gemeldeter Schäden um 14,4 Prozent fest. Entsprechend, so Pressesprecher Christian Worms, sei der „Aufwand“ gesunken. „Die Ursachen dafür lassen sich aus diesen Zahlen nicht ableiten.“

Viel weniger Schulunfälle

Auch die Unfallkasse (UK) Bremen als gesetzlicher Unfallversicherungsträger kann ihre Daten nicht differenzieren nach Berufssparten oder möglichen Unfällen, die sich im Homeoffice ereignet haben. Insgesamt, schätzt Geschäftsführer Sven Broska, sind über die UK rund 50.000 Beschäftigte in 83 Mitgliedsunternehmen aus dem öffentlichen Bereich versichert. 10.710 Arbeitsunfälle gab es 2020, insgesamt 34,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Für den Bereich der allgemeinen Unfallversicherung weisen die – noch vorläufigen – Daten mit 3593 Ereignissen einen Rückgang um 15,1 Prozent aus. In der Schülerunfallversicherung, in der auch Kita-Kinder und Studierende mitzählen, beträgt der Rückgang auf 7117 Fälle sogar 41,2 Prozent.

Um 83,3 Prozent ist hingegen die Zahl der angezeigten Berufskrankheiten auf 193 gestiegen. 68 davon, sagt Sven Broska, seien auf das Coronavirus zurückzuführen. Diese Anzeigen kämen von Beschäftigten im Gesundheitsdienst, der Wohlfahrtspflege oder Laboratorien oder von Mitarbeitern, die „durch eine andere Tätigkeit der Infektionsgefahr in ähnlichem Maße besonders ausgesetzt“ waren. „Viele der Fälle sind offenbar unkritisch, aber weil die Spätfolgen ungewiss sind, werden sie in der Regel anerkannt“, sagt der UK-Geschäftsführer.

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Während manche Arbeit gefährlicher geworden ist, verändert sich auch im Privaten vieles. Ihrer ersten Lieblingsbeschäftigung, der mit Medien, könnten die Menschen ungehindert und sogar verstärkt frönen, sagt Rainer Hartmann, Professor im Studiengang angewandte Freizeitwissenschaft an der Hochschule Bremen. Demnach ist auch für Favorit Nummer zwei, „Gedanken nachhängen, sich ausruhen“, mehr Zeit als zuvor. Lieblingsbeschäftigung Nummer drei, die soziale Beschäftigung, ist bekanntlich auf kleine Netzwerke oder virtuelle Begegnungen beschränkt.

„Seine Freizeit außer Haus zu verbringen, vor die Tür zu gehen und etwas zu machen, stellt den kleinsten Anteil der Zeitverwendung dar“, weiß Rainer Hartmann. „Dabei hat sich einiges getan, es gibt inzwischen einen Trend zur Freizeitbeschäftigung in der Natur. Wandern ist wieder en vogue, Fahrradhändler haben einen Riesenboom erlebt.“ Abgesehen davon, erinnert sich auch der Wissenschaftler gut an den Ansturm auf Baumärkte und Recyclingstationen, als sich in Corona-Zeiten schnell eine Aufräum- und Renovierungswelle aufbaute.

Die scheint, was das Unfallgeschehen betrifft, in Bremen eher folgenlos abgeebbt zu sein. Für Heimwerkerunfälle typische „Riss- und Schnittwunden oder auch der Bohrer im Finger“ seien nicht merklich mehr geworden, sagt Dirk Hadler, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Rotes Kreuz Krankenhaus. Er hat aber auch weniger Kontaktsportler wie Fuß- und Handballer zu versorgen. „Wir sind mit die größte Unfallchi­rurgie in Bremen, und wir haben etwa 15 bis 20 Prozent weniger Operationen in dem Bereich“, sagt der Arzt. Unverändert sei die Alterstraumatologie: Schenkelhals- und Oberarmkopfbrüche nach Teppichstürzen beispielsweise.

Vorsichtige Radfahrer

Und die Fahrerinnen und Fahrer der neuen Räder mit und ohne Elektroantrieb? Im ersten Halbjahr 2020 wurden laut Branchenverband ZIV rund 3,2 Millionen Fahrräder und E-Bikes verkauft, neun Prozent mehr als im Vergleichszeitraum. „Nein, auch bei den Radfahrern war nichts Auffälliges“ sagt Chefarzt Hadler. Auch wenn keine polizeiliche Unfalldaten zur Verfügung stehen, zahlt sich hanseatische Zurückhaltung offenbar auch beim Radfahren aus. Nicht jeder, der ein neues Rad gekauft habe, sei auch ein Neuling im Sattel, gibt Freizeitforscher Rainer Hartmann zu bedenken.

Heiko Johannsen, Leiter der Unfallforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover, geht hingegen davon aus, dass der Radler-Anteil der Unfallbeteiligten von rund 22 Prozent im Jahr 2019 auf etwa 30 Prozent im vergangenen Jahr „extrem zugenommen“ habe. Die Ursache ist noch ungewiss.

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Unfälle zu Hause

Im Jahr 2019 sind laut Statistischem Bundesamt 12.436 Menschen an den Folgen häuslicher Unfälle gestorben, für 2020 liegen noch keine Zahlen vor. Etwa 3,2 Millionen Unfälle haben sich zu Hause ereignet, schätzt das Deutsche Kuratorium Sicherheit in Heim und Freizeit, das 1959 von den Unfallversicherungsträgern der öffentlichen Hand gegründet wurde. Mit der Aktion „Das Sichere Haus“ informiert der Verein über Gesundheitsrisiken und Unfallgefahren.

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