Interview mit Bremer Virologen Dotzauer „Mutationen sind besorgniserregend“

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer bezeichnet das Auftreten von Mutationen des Coronavirus als „besorgniserregend“. Er fordert eine Verschärfung der Maßnahmen, um die Ausbreitung in den Griff zu bekommen.
18.01.2021, 20:28
Lesedauer: 5 Min
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„Mutationen sind besorgniserregend“
Von Sabine Doll
Herr Dotzauer, an diesem Dienstag wird voraussichtlich ein verschärfter Lockdown beschlossen, weil die Infektionszahlen weiter hoch sind – vor allem aber auch aus Sorge vor einer Ausbreitung von Virus-Mutationen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte vor einer zehnfachen Inzidenz bis Ostern, wenn die Maßnahmen nicht verschärft würden. Teilen Sie diese Sorge?

Andreas Dotzauer: Die Entwicklung ist tatsächlich besorgniserregend. Denn: Die Mutation B.1.1.7 aus Großbritannien hat eine bessere Bindeeigenschaft zu dem Virusrezeptor. Dieses mutierte Virus verschafft sich leichter Zutritt zu den Zellen. Es bindet schneller und fester und bleibt länger mit dem Rezeptor verhaftet.

Das heißt?

Die besondere Gefahr besteht darin, dass diese Mutation besser in die Zellen eindringt und damit leichter eine Infektion hervorruft. Es müssen weniger Viruspartikel aufgenommen werden, damit es zu einer Infektion kommt. Diese Virusmutation ist effizienter als die bisherige Variante.

Ist sie auch gefährlicher im Sinne einer höheren Sterblichkeit?

Nach bisherigen Erkenntnissen scheint die Variante aus Großbritannien keinen stärkeren und schlimmeren Krankheitsverlauf zu verursachen. Aber: Wenn natürlich mehr Menschen infiziert werden, weil das Virus leichter übertragbar ist, treten auch schwere und tödliche Krankheitsverläufe häufiger auf.

Ist die Mutation der Grund für die nach wie vor hohen Infektionszahlen – muss man davon ausgehen, dass sie schon deutlich länger als angenommen verbreitet ist?

Auf jeden Fall ist die Mutation da. Wie die Verteilung ist, wissen wir nicht, weil die Labordaten dazu fehlen. Es kann aber ein Zusammenhang mit den konstant hohen Infektionszahlen bestehen, das ist eine mögliche Erklärung.

Ist es deshalb dringend erforderlich, dass Positiv-Proben auf Mutationen untersucht werden?

Das muss unbedingt passieren – im Hinblick auf diese eine Mutation aus Großbritannien, aber auch grundsätzlich auf Mutationen. Jeder Infizierte produziert unterschiedliche Varianten. Der aktuelle Vorschlag ist jetzt, dass etwa jede zwanzigste positive Probe dahingehend untersucht wird. Anhand dieser Sequenzierung im Labor wird man aber keine Aussagen über das Verhalten des Virus treffen können, dafür sind weitere Analysen notwendig. Es ist aber absolut notwendig, dass positive Proben untersucht werden, damit wir überhaupt einen Stand über die Verbreitung von Mutationen in der Bevölkerung haben.

Halten Sie schärfere Maßnahmen angesichts der höheren Ansteckungsfähigkeit der Mutation aus Großbritannien für erforderlich?

Die Infektionszahlen sind zwar nicht steigend, aber sie bewegen sich konstant auf hohem Niveau. Das muss gedrückt werden, um vor allem auch eine weitere Mutierbarkeit des Virus zu reduzieren. Je mehr Menschen infiziert sind, desto mehr Virusvarianten entstehen. Und das birgt immer die Gefahr, dass Mutationen entstehen, die bessere Eigenschaften als der Vorgänger haben – zum Beispiel noch infektiöser sind.

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Im Gespräch sind eine Homeoffice-Pflicht, wo es möglich ist, Einschränkungen beim ÖPNV und Ausgangsbeschränkungen, um Kontakte zu reduzieren. Sind Sie dafür?

Ja, absolut, wir müssen noch weiter runterfahren. Denn das sind die Orte, an denen immer noch viele Menschen zusammenkommen. Die Infektionszahlen zeigen, dass Lücken vorhanden sind. Zum Beispiel am Arbeitsplatz, in Produktionsprozessen – überall dort, wo in Teams gearbeitet wird. Da werden die Abstände nicht eingehalten. Die bislang empfohlenen 1,5 Meter sind ohnehin schon sehr knapp bemessen für einen Infektionsschutz. Und dort, wo Menschen eng und nahe zusammen arbeiten, ist dieser Minimalabstand nicht gegeben. Auch Busse und Bahnen gehören zu den Orten, wo Menschen auf engem Raum in größeren Zahlen und länger zusammensitzen. Wenn Busse und Bahnen in Stoßzeiten voll besetzt sind, ist die Infektionsgefahr deutlich erhöht. Deshalb sind Einschränkungen oder eine Entzerrung sinnvoll.

Sollte außerdem eine FFP2-Masken-Pflicht in Bus und Bahn und in Supermärkten eingeführt werden – kann das helfen?

Ja, FFP2-Masken oder KN95-Masken können besser als die anderen Maskentypen sowohl ausgeatmete Viren als auch Viren in der Einatmungsluft zurückhalten. Jede Reduktion der Virenzahl, die eingeatmet werden kann, reduziert auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion stattfindet. Außerdem, diese Masken können schlecht falsch getragen werden. Das heißt: unter der Nase oder über dem Mund.

Weiß man, wo sich die Menschen infizieren?

Nein, nicht gesichert. Durch die hohe Anzahl an Infizierten können die konkreten Infektionsquellen oder -orte nicht mehr nachverfolgt werden.

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Haben Sie damit gerechnet, dass die bisherigen Maßnahmen wie der Teil-Lockdown im November so wirkungslos sind und die Infektionszahlen – besonders auch die Zahl der Todesfälle – so deutlich steigen?

Man war sehr zurückhaltend mit den Maßnahmen – wann sie greifen sollten, auch wie strikt und umfassend sie sein sollten. Wenn man eine Situation mit so vielen Infizierten hat, ist es schwierig, dies mit relativ lockeren Maßnahmen in den Griff zu bekommen.

Wurde zu wenig auf die Fachleute wie Virologen gehört?

Es liegt ein Meinungsmix verschiedener Fachleute vor. Je nachdem, zu welcher Disziplin diese gehören, wird die Situation unterschiedlich bewertet – vor allem auch, was die Maßnahmen betrifft. Aus virologischer Sicht ist die Priorität ganz klar: Infektionsketten unterbrechen, also ein harter Lockdown. Es geht aber auch um soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte. Bei Infektionskrankheiten gibt es eigentlich keinen Kompromiss. Denn jeder Kompromiss bedeutet, dass Lücken für das Virus vorhanden sind. Die Frage ist am Ende aber, welche Prioritäten von der Politik, die die Maßnahmen beschließt, gesetzt werden. Und Politik ist immer ein Kompromiss.

Wie lange sollte ein verschärfter Lockdown dauern?

Aus virologischer Sicht zwei bis drei Monate.

Wirken die Impfstoffe gegen die aktuell verbreiteten Mutationen?

Die Mutation B.1.1.7 aus Großbritannien wird nach jetzigem Stand von der Immunantwort, die von den Impfstoffen ausgelöst wird, erkannt. Bei der südafrikanischen Variante B.1.351 ist man sich noch nicht ganz sicher.

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Die Hoffnung war, dass man mit dem Impfen vor die Lage kommt – also möglichst schnell möglichst viele Menschen geimpft werden, bevor sich diese oder andere Mutationen so stark in der Bevölkerung ausbreiten. Kann das überhaupt noch gelingen?

Durch das Impfen allein nicht. Durch einen härteren Lockdown gibt es aber die Möglichkeit, in diese Übertragungsketten einzugreifen – vor allem auch mit dem Ziel, dass sich nicht weitere Mutationen bilden, die noch leichter übertragen werden und gegen die die Impfstoffe am Ende nicht wirken.

Musste man damit rechnen, dass sich Mutationen bilden?

Ja, Viren mutieren – auch nicht besonders mutationsfreudige Viren wie Sars-CoV-2.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Andreas Dotzauer ist Virologe und Leiter des Laboratoriums für
Virusforschung an der Universität Bremen.

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