Covid-19: Eine Intensivpflegekraft berichtet Bremer Intensivpflegekraft: „Wir können nicht ausfallen“

Katrin Cornelius ist Fachkrankenschwester auf einer Intensivstation im Klinikum Bremen-Mitte. Seit dem Frühjahr werden dort Patienten mit Covid-19 behandelt. Wie sie und ihre Kollegen die Pandemie erleben.
07.02.2021, 05:00
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Bremer Intensivpflegekraft: „Wir können nicht ausfallen“
Von Sabine Doll

Jeden Tag meldet die Gesundheitsbehörde die Zahl der Menschen, die mit Covid-19 auf einer Intensivstation behandelt werden. Viele sind so schwer erkrankt, dass sie im künstlichen Koma liegen und beatmet werden müssen. Welche Ängste die Angehörigen ausstehen, lässt sich an der bloßen Zahl nicht ablesen. Auch nicht, was die seit Monaten anhaltende Ausnahmesituation für Ärzte und Pflegekräfte auf den Stationen bedeutet.

„Im März haben wir die Fernsehbilder aus Italien gesehen – überfüllte Intensivstationen, weinende Ärzte und Pflegekräfte, weil sie nicht jeden Covid-Patienten so versorgen konnten, wie es sein sollte. Weil Geräte und Betten fehlten und auch das Personal erkrankte. Die wurden von der Pandemie überrollt. Wir hatten Angst, dass uns dies auch droht“, sagt Katrin Cornelius. Die 44-Jährige ist Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege im Klinikum Mitte. Auf der Intensivstation in Bremens größtem Krankenhaus werden seit Beginn der Pandemie Covid-19-Patienten behandelt. Viele ältere, aber auch junge Frauen und Männer. Alleinstehende, Großeltern, Familienväter und -mütter.

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Die Intensivstationen sind der Spiegel des Infektionsgeschehens. Mit zeitlicher Verzögerung machen sich dort Anstieg und Rückgang der Infektionszahlen bemerkbar. Lockerungen, Demonstrationen ohne Masken, Corona-Ausbrüche in Einrichtungen oder Betrieben, Partys im Freien – jedes Ereignis verfolgen Cornelius und ihre Kollegen mit Sorge. „Auch wenn wir von einer Entwicklung wie in Italien verschont geblieben sind, die Angst ist immer da. Auch wir haben Phasen, in denen die Kapazitäten knapper sind“, sagt die 44-Jährige. Vor allem im Herbst sei der Druck auf die Betten deutlich gestiegen. „Vor Weihnachten hatten wir richtig Bammel.“

Cornelius ist stellvertretende Stationsleiterin, deshalb gilt ihr Blick auch immer der Personallage – und der Verfassung ihrer Kollegen. Corona habe den Arbeitsalltag in jeglicher Hinsicht verändert. Angefangen bei der eigenen Sicherheit: „Auch vorher galten natürlich besondere Schutz- und Isolationsmaßnahmen, wegen des Infektionsrisikos etwa durch Patienten mit multiresistenten Keimen. Dieses Risiko ist bei Covid noch höher“, sagt Cornelius. Die Intensivpflegekräfte tragen während der gesamten Schicht FFP2- oder FFP3-Masken. Wasserdichter Kittel, Haube, Handschuhe, Schutzbrille und ein Schild vor dem Gesicht werden bei jedem Patientenkontakt neu an- und abgelegt. Das Tragen der dichten Masken sei körperlich anstrengend, unter der Schutzkleidung werde es schnell heiß. Manche klagten über Kopfschmerzen, jede und jeder sei nach Schichtende körperlich erschöpft.

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„Der Schutz muss sein, mit und ohne Corona – wir können nicht ausfallen“, sagt Cornelius. Für die Versorgung von Covid-Patienten sei nicht allein die Kapazität von Betten oder Beatmungsgeräten maßgeblich. Entscheidend sei, dass genug Fachpersonal da ist. „Bislang sind wir ganz gut durch die Krise gekommen“, betont die 44-Jährige. Der Krankenstand habe sich seit Pandemiebeginn nicht wesentlich erhöht.

Der Applaus für Pflegekräfte als „Corona-Helden“ im Frühjahr habe gutgetan, sagt Cornelius. Und er habe Hoffnung gemacht, dass die Wertschätzung auch nach der Pandemie anhält. „Im Sommer hatten wir einen sehr guten Tarifabschluss, der wäre ohne Corona so wohl nicht erfolgt.“ Das grundlegende Problem der Pflege sei aber, dass die Hebel, um den Beruf attraktiver zu machen, vor 20 Jahren nicht umgelegt worden seien. „Die Folgen sind Personalmangel und Überlastung. Und die Krise zeigt jetzt deutlich, wie eng es überall ist.“

Debatten und Proteste gegen Maßnahmen wie Maskenpflicht, Abstand oder Kontakteinschränkungen könne sie nicht nachvollziehen, sagt Cornelius. „Wir erleben jeden Tag, was das Virus anrichtet. Mittlerweile sollte jeder begriffen haben, dass wir es nicht mit einer harmlosen Erkältung zu tun haben.“ Und: Dass Corona jeden – jung, alt, fit, vorerkrankt – mit ganzer Härte treffen könne.

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Cornelius berichtet von einem jungen Vater, der mit Covid-19 auf der Intensivstation gelegen habe, im künstlichen Koma und beatmet. Der Mann habe es nicht geschafft. So, wie seine beiden Geschwister, die ebenfalls an Covid-19 erkrankt und gestorben seien. „Wenn drei Menschen aus einer Familie sterben, mehrere Kinder einen Elternteil verlieren – das ist brutal und furchtbar.“ Professioneller Abstand sei wichtig, um damit umgehen und weiter arbeiten zu können, sagt Cornelius. „Wir müssen zuversichtlich bleiben, für uns und für unsere Patienten.“

Pflegekräfte, Ärzte und andere Beschäftigte in Kliniken werden seit Mitte Januar gegen Corona geimpft. Cornelius hofft, dass es bald genug Impfstoff für alle gibt. Damit Patienten – nicht nur auf den Covid-Stationen – wieder Besuch bekommen könnten. „Man kann sich kaum vorstellen, was es bedeutet, wenn man Partner oder Freunde nicht sehen und umarmen kann, in einer Situation, in der beide darauf angewiesen sind. Und wenn man Angst hat, dass man sie oder ihn womöglich nie wieder lebend sieht“, sagt die 44-Jährige. „Die Angehörigen fehlen.“

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Intensivbetten in den Kliniken

Die bundesweiten Kapazitäten werden im Divi-Intensivregister erfasst. Dabei handele es sich um eine digitale Plattform zur Echtzeiterfassung von Fallzahlen intensivmedizinisch behandelter Covid-19-Patienten sowie Behandlungs- und Bettenkapazitäten von etwa 1300 Akut-Krankenhäusern. Das Robert-Koch-Institut betreibt das Register gemeinsam mit der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), um Engpässe zu erkennen.

Wie aus der Zeitreihe hervorgeht ist die Zahl der Corona-Intensivpatienten auf unter 4000 gesunken. Am Sonnabend wurden 3958 Covid-19-Erkrankte intensivmedizinisch behandelt (Stand 12.17 Uhr). Zuletzt lag die Zahl der Corona-Intensivpatienten am 3. Dezember unter 4000, danach war sie bis Anfang Januar über 5700 gestiegen.

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