Crowdfunding für das Studium

Brasilianische Studentin darf in Bremen bleiben

Weil eine Studentin aus Brasilien ihren Semesterbeitrag nicht zahlen konnte, stand ihre Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland auf dem Spiel. Auf einer Internetplattform sammelte sie deshalb Spendengelder ein.
15.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Chantal Moll
Brasilianische Studentin darf in Bremen bleiben

Marcela Nunes de Andrade aus Brasilien hat dank vieler Spenden ihre Studiengebühren nachzahlen können. Somit darf die 31-Jährige weiter in Bremen bleiben und ihr Studium beenden.

Christina Kuhaupt

Dass die Pandemie den Studierenden finanzielle Sorgen bereitet, ist längst bekannt. Doch was passiert, wenn Studierende ihren Semesterbeitrag nicht zahlen können? Marcela Nunes de Andrade aus Brasilien sah sich in dieser Situation, plötzlich stand damit auch ihre Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland auf dem Spiel. Denn die behält die Brasilianerin nur, wenn sie weiter ihren Semesterbeitrag zahlt und damit eingeschriebene Studentin bleibt.

Doch genau das Geld fehlte der 31-Jährigen. Also startete sie im August einen Spendenaufruf über die Internetseite „Gofundme“ und teilte die Kampagne über ihr Facebook-Profil. Denn ihr war klar: Den Traum von Deutschland wollte sie nicht so schnell begraben. Dass sie den weiter leben darf, hängt mit der Spendenfreudigkeit zusammen.

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„Seit meinem elften Lebensjahr wollte ich nach Deutschland kommen und die Sprache lernen“, erzählt Andrade. Ihre Begeisterung für die deutsche Sprache weckte ihre Geschichtslehrerin in Brasilien, als Andrade in die fünfte Klasse ging. Ihre Lehrerin kam aus Deutschland und erzählte auf Deutsch Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg. „Wir haben natürlich überhaupt nichts verstanden“, erinnert sich Andrade. Sie war jedoch sofort begeistert von dem Klang der deutschen Sprache. „Und ich dachte nur: Ich muss diese Sprache lernen, unbedingt.“

Als 16-Jährige lebte sie ein Jahr als Austauschschülerin in Amerika. Dort lernte sie Schülerinnen aus Deutschland kennen, was ihren Deutschland-Wunsch noch verstärkte. „Solange ich die Mittel und das Geld nicht hatte, musste ich mich aber gedulden.“ Nach ihrem Schulabschluss ging es direkt auf die Universität. Andrade versuchte sich in dem Fach Rechtswissenschaften, obwohl sie lieber Kunst studieren wollte. „Innerhalb von zwei Monaten war ich völlig begeistert und habe alles andere zur Seite gelegt. Kunst kann ich auch als Hobby haben“, beschloss die 31- Jährige.

Unbedingt nach Deutschland

Noch im selben Jahr lernte sie auf einer Reise ihren jetzigen Freund kennen – und der lebte ausgerechnet in Bremen. Jetzt könnte die Geschichte einfach werden, wurde sie aber nicht. Denn während Andrade unbedingt nach Deutschland wollte, zog es ihren Freund zurück in seine Heimat nach Brasilien.

Aus einem ersten Besuch an der Weser 2008 wurde ein Jahr später ein offizieller Au Pair-Aufenthalt und der Wunsch, länger in Deutschland zu bleiben. Das Visum für ein Jahr und eine Arbeitserlaubnis waren der Start in ein neues Leben – und das Ende der Beziehung mit ihrem Freund, der zurück nach Brasilien flog.

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Im Oktober 2011 begann Andrade den Studiengang Comparative and European Law, eine Kooperation der Universität Oldenburg mit den Unis in Bremen und Groningen (Niederlande). Ihre Aufenthaltsgenehmigung ist seitdem gekoppelt an die Immatrikulation an der Universität Oldenburg. Mittlerweile studiert sie im 18. Semester und ist damit Langzeitstudentin. Grund für ihr vergleichsweise langes Studium sind mehrere Stolpersteine, wie sie berichtet. Dazu gehöre die anhaltende Suche nach Jobs, nicht nur während der Pandemie. Denn neben ihrem Vollzeitstudium hat die 31-Jährige immer gearbeitet, um sich finanzieren zu können. Meistens jobbte sie in der Gastronomie und als Barkeeperin auf Festivals. Durch die Pandemie brach das alles weg.

Eine Überlebenskünstlerin

Aufgeben kam für die Studentin nie infrage: „Ich bin schon immer eine Überlebenskünstlerin gewesen.“ Zusätzliches Kopfzerbrechen bereiteten der Studentin neben dem Semesterbeitrag von rund 400 Euro aber die Langzeitstudiengebühren von rund 500 Euro. Die wurden in Bremen zwar gestrichen, doch weil Andrade in Oldenburg eingeschrieben ist, muss sie weiterhin zahlen. Für die Brasilianer zu viel Geld. Also startete sie ihren Aufruf über „Gofundme“. Das ist ein US-Unternehmen, das Spendengelder über eine Internetplattform vermittelt nach dem Crowdfunding-Prinzip: Eine große Anzahl an Privatpersonen kann in vergleichsweise kleinen Beträgen für einen bestimmten Zweck spenden – in diesem Fall für die Studiengebühren von Andrade.

Etwa 1500 Euro konnte die 31-Jährige so einsammeln an Spenden und ihren Semesterbeitrag rückwirkend bezahlen. Nun ist sie wieder eingeschriebene Studentin und darf in Bremen bleiben. Mit dem Ziel, ihr Studium jetzt zügig zu beenden.

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