Serie „Die Brinkmänner“ Cumarin-Skandal führt zur Vernichtung vieler Zigaretten

Im Jahr 1990 fand ein Hamburger Labor in Zigaretten der Bremer Brinkmann AG Spuren des Zusatzstoffs Cumarin,, der in der Bundesrepublik für die Tabakindustrie verboten war. Die Medien griffen den Skandal auf.
11.08.2019, 22:25
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Cumarin-Skandal führt zur Vernichtung vieler Zigaretten
Von Detlev Scheil

Es war eine Zeit, als sich bei der Martin Brinkmann AG die Führungskräfte zufrieden auf die Schulter klopften: Nach der Wiedervereinigung Deutschlands war es den Bremern gelungen, die eigens für die ostdeutschen Bundesländer aufgelegte Zigarettenmarke „Golden American“ zum Verkaufshit zu machen. Zwar war in Ostdeutschland die aus der DDR-Zeit herübergerettete und vom Philipp-Morris-Konzern vertriebene Traditionsmarke F6 am erfolgreichsten, aber Brinkmann erreichte schon zur Jahresmitte 1990 einen Marktanteil von 14 Prozent.

„Plötzlich erschütterte ein von den Medien aufgegriffener Skandal das Bremer Unternehmen“, erinnert sich der frühere Brinkmann-Mitarbeiter Karsten Muthreich, der heute in der Schweiz lebt. In einigen der im Osten beliebten Glimmstängel hatte im Spätherbst 1990 ein Hamburger Labor Spuren des Zusatzstoffs Cumarin gefunden, der in der Bundesrepublik für die Tabakindustrie tabu war – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, die ein solches Verbot nicht kannten. Die im Pflanzenbereich weit verbreitete Substanz Cumarin steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Brinkmann entschied unter dem Druck der Öffentlichkeit, die umstrittenen cumarinhaltigen Zigaretten aus dem Handel zurückzunehmen, wenn der jeweilige Händler es wollte. Muthreich: „Millionen Zigaretten kamen somit ins Bremer Werk zurück und wurden vernichtet. Das war ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden für Brinkmann und den damaligen Vorstandschef Wolfgang Hetzel.“

Zu dem Zeitpunkt arbeitete Muthreich schon 16 Jahre für das Unternehmen. Und zwar ausgesprochen gerne: „Arbeitszeitregelungen und Sozialleistungen waren der Zeit weit voraus.“ 1974 hatte der gebürtige Bremer als Lehrling zum Industriekaufmann bei Brinkmann begonnen. Nach der Lehre war er ab Sommer 1976 Angestellter bei der „Verwaltung Cigarette“ von Brinkmann in Hamburg. Die Hamburger Abteilung wurde 1981 geschlossen, sodass er dann in Bremen die Teamleitung in der Abteilung Vertriebsservice übernahm. Mitte der 1980er-Jahre folgte ein weiterer Wechsel in die Abteilung Datenverarbeitung als Leiter des Benutzerservices. Die Brinkmann-Chefs waren sich keiner Schuld bewusst und taten den Skandal als Sturm im Wasserglas ab. Cumarin sei kein Gift, und in Großbritannien beispielsweise sei für Tabakerzeugnisse ein gewisser Anteil von Cumarin als Aromastabilisator zugelassen. Es sorgt für einen Geschmack zwischen Lakritze und Kakao. Cumarin ist auch in Brombeeren oder Kirschen in geringen Mengen enthalten. Wissenschaftlich unstreitig sei, dass ein Cumarin-Gehalt in der gefundenen Größenordnung keinerlei gesundheitliche Risiken beinhalte, stand in einer Pressemitteilung von Brinkmann.

Die Unternehmens-Chefs argwöhnten gar, es handle sich um eine Kampagne von Konkurrenten. „Aufgrund der gezielt gegen unser Haus gesteuerten und mit zahlreichen unwahren Behauptungen versehenen Kampagne gegen unsere Marke Golden American liegt die Vermutung nahe, dass dieses Vorgehen vorrangig durch wirtschaftliche Interessen Dritter bestimmt ist, um den überragenden Markterfolg zu stören“, hieß es in einer Verlautbarung.

Kurzfristig reagierten die Raucher damals verunsichert, doch der totale Absatzeinbruch blieb aus. Die Zigarettenmarke Golden American lag im Dezember 1990 mit 16 Prozent Marktanteil auf Platz zwei im Osten. „Dennoch waren für Brinkmann die goldenen Jahre des Geldscheffelns längst vorbei“, sagt Karsten Muthreich. In den 1980er-Jahren habe man sich vor allem auf die Leichtmarke Lord Extra verlassen und auf den Siegeszug der stärkeren Zigaretten wie Marlboro, Camel und West nicht schlagkräftig reagiert. „Davon hat sich das Unternehmen, nie wieder erholt“, so Muthreich. Sein Berufsweg bei Brinkmann war 1991 zu Ende: „Ich hätte Zigaretten-Verkaufsdirektor für die neuen Bundesländer werden können, doch ein Headhunter lockte mich zum Konzern Johnson & Johnson. 2003 wechselte ich zu Nestlé, und seit 2019 bin ich im Ruhestand“, berichtet der 66-Jährige.

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Die Artikelreihe

In der ehemaligen Zigaretten- und Tabakfabrik Martin Brinkmann AG in Woltmershausen waren früher einige Tausend Mitarbeiter beschäftigt. Das Firmengelände ist im Umbruch: Rund 1200 Wohnungen sollen dort entstehen und alte Gebäude für Bürolofts genutzt werden. Diese Artikelreihe, deren letzter Beitrag nun erscheint, sollte an die Arbeit in verschiedenen Brinkmann-Abteilungen erinnern.

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