Suppenengel servieren auf dem Bahnhofsvorplatz kostenloses Essen – und bringen Bedürftige sowie Passanten an einen Tisch Curry für alle

Bremen. Um Jan-Philipp Iwersen dampft und brutzelt es. Mit einem riesigen Metalllöffel rührt der Koch in einer noch größeren Pfanne.
07.07.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Curry für alle
Von Jan Oppel

Um Jan-Philipp Iwersen dampft und brutzelt es. Mit einem riesigen Metalllöffel rührt der Koch in einer noch größeren Pfanne. Zwiebeln und Hühnerfleisch braten darin. Es riecht nach asiatischen Gewürzen. „Thai Curry“, sagt der Koch knapp. Normalerweise steht er am Herd des Restaurants „Küche 13“ im Viertel. An diesem Tag kocht Iwersen in einer Feldküche auf dem Bahnhofsvorplatz.

„Brücken bauen“ – so lautet das Motto an diesem Montagnachmittag. Bereits zum vierten Mal wird auf Initiative des Vereins Bremer Suppenengel allen Besuchern eine kostenlose Mahlzeit serviert. Die Idee stammt aus der internationalen Bewegung „Community Dinners“ (Gemeinschaftsessen“). Das Angebot soll Menschen mit unterschiedlichen sozialen, kulturellen und religiösen Hintergründen an einen Tisch bringen.

„Beim Essen ist es für unsere Kunden einfacher, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen“, meint Peter Valtink, Geschäftsführer der Bremer Suppenengel. In ihrem Alltag seien viele von ihnen sozial isoliert. Kunden, so bezeichnet Valtink die Obdachlosen und Bedürftigen, die sein Verein an vier Tagen in der Woche mit Mahlzeiten versorgt. Meistens gibt es Suppe und Salat. Heute gibt es Curry. „Für unsere Leute ein absolutes Highlight“, meint Valtink. Die frischen Zutaten für das Gericht sind Spenden.

Bevor das Curry fertig ist, sind viele Plätze an den Tische schon besetzt. Und ständig kommen mehr Menschen. Als Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) die Bühne betritt, um ein paar Worte zu sagen, warten 150 Frauen und Männer auf das Essen: Obdachlose, Rentner, Passanten, Touristen. Das Publikum ist bunt gemischt.

Koch Iwersen ist von der Aktion überzeugt. „Als ich gefragt wurde, hier zu kochen, habe ich sofort Ja gesagt.“ Im Lager der Suppenengel hat er erst einmal geschaut, was er überhaupt aus den Lebensmittelbeständen zubereiten kann. Weil in diesem Jahr ein Importeur von asiatischen Lebensmitteln zu den Hauptspendern zählt, fällt Iwersen die Wahl leicht. Ein thailändisches Gericht soll es sein.

Die größte Herausforderung für den Koch: „Alle Essen in der kleinen Feldküche auf den Punkt genau zu garen.“ Iwersen fährt mit dem Pfannenwender durch Zwiebeln und Fleisch. Rund 400 Essen werden an diesem Tag zubereitet. Damit alles gelingt, steht dem Koch Carsten Sodke zur Seite, ein Spezialist in der Feldküche. Sodke kommt vom Bremer Reservistenverband. Schon im vergangenen Jahr stand er vor dem Bahnhof hinterm Herd. Rund um die Feldküche schnibbelt ein Dutzend Helfer im Akkord: Blumenkohl, grüne Bohnen, Zwiebeln und Tomaten.

Manfred Ingenwerth sitzt auf einer Holzbank und beobachtet das Treiben. Der Pilger aus Bad Kreuznach ist auf der Heimreise. Früher hat er als Matrose die ganze Welt bereist, sagt er und klopft Tabak aus seiner Maiskolbenpfeife. Heute kann er kaum von seiner Rente leben. „Deshalb sind die Tafeln und Veranstaltungen wie diese enorm wichtig“, findet Ingenwerth. „Das hält das soziale Gefüge zusammen.“ Neben dem Pilger sitzt Magret Wiese. Sie selbst kann gut von ihrem Einkommen leben, sagt die Rentnerin aus Huchting. In ihrem Viertel sieht sie aber täglich Menschen, bei denen das Geld kaum reicht. „Schlimm ist das“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Sie will mit diesen Leuten ins Gespräch kommen: „Schließlich kann jeder von uns mal in diese Lage kommen.“

In der Feldküche brutzelt jetzt nicht nur das Curry, sondern brät auch Gulasch in einer Pfanne. An den Tischen gibt es kaum noch einen freien Platz.

Suppenengel Valtink nickt zufrieden. In der Regel meiden Passanten seine Kunden. Heute ist das anders.

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