Interview mit Hans Hesse

„Da gibt es in Bremen noch einiges zu tun“

Vom Schlachthof aus sind Sinti und Roma in der Nazizeit aus Bremen nach Auschwitz deportiert worden. Der Kölner Historiker Hans Hesse spricht über den Umgang mit diesem Verbrechen.
14.12.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Gerald Weßel
„Da gibt es in Bremen noch einiges zu tun“

Xxxx xxxx xxxx xxxx xx x xxx xxxxxx xxxx xxx xxx xxxx xx.

FR

Wie kam es dazu, dass Sie sich mit dem Thema der Verfolgung der Sinti und Roma beschäftigt haben?

Hans Hesse: Mitte der 1990er-Jahre, im Rahmen eines Projektes mit dem Sinti-Verein in Bremen, hat meine Arbeit begonnen. Daraus resultierte zum Beispiel das Buch „Vom Schlachthof nach Auschwitz“ im Jahr 1999. Außerdem ist das Mahnmal am Schlachthof damals aufgestellt worden. Vom Bremer Schlachthof aus wurden 1943 Hunderte von Sinti und Roma nach Auschwitz deportiert. Aus dem Projekt hat sich dann ein weiteres Buch von mir entwickelt, „Augen aus Auschwitz“. Darin werden die Taten einer Bremer Biologin, Karin Magnussen, geschildert, die maßgeblich zu den Forschungen von Josef Mengele beitrug. Sie führte Experimente mit lebenden Menschen zur Erforschung der Mehrfarbigkeit von Augen durch. Und sie blieb unbestraft für ihre Taten. Bei der Haushaltsauflösung, als sie in ein Pflegeheim kam, wurden noch mehrere Gläser mit Augen aus Auschwitz gefunden. Das sind meine Wurzeln bei dem Thema.

Was sind die maßgeblichen Verflechtungen von Bremen bei der Verfolgung der Sinti und Roma in Nordwestdeutschland?

Da gibt es viele. Bremen war ein Zentrum der Verfolgung, da hier in der Stadtbibliothek am Wall, wo ich auch den Vortrag halte, die ehemalige Kripoleitzentrale für einen enorm umfangreichen Raum untergebracht war. Es ist also ein Vortrag am Tatort. Von hier war das hiesige Zigeunerdezernat für fast das komplette Nordwestdeutschland zuständig, das reicht von Hannover bis nach Wilhelmshaven und Aurich. Hier wurde der Massenmord, die Endphase des Völkermordes an den Sinti und Roma, geplant und orchestriert. Insgesamt haben die Nazis etwa sechs Millionen Juden ermordet und eben auch etwa 500 000 Sinti und Roma.

Was geschah am Bremer Schlachthof?

Dort wurden die Sinti und Roma im März 1943 aus dem Umland zusammengeführt, um in insgesamt drei Zügen nach Auschwitz deportiert zu werden. Zuvor wurden ihnen alle Besitztümer abgenommen, um diese einige Monate später, im Juni desselben Jahres, öffentlich zu versteigern. Für ganz Nordwestdeutschland war der Schlachthof ein Sammellager. Seine Lage bot sich hierfür schlicht an, da er sehr bahnhofsnah gelegen ist. Die makabren Assoziationen mit dem Namen des Ortes sind dabei eher Zufall, wenn auch ein sehr vielsagender. Alleine 150 Sinti und Roma aus Bremen und 275 aus ganz Nordwestdeutschland wurden hierhin und von hier fortgebracht. Zwei Drittel der nach Auschwitz deportierten Sinti und Roma wurden dort ermordet. Insbesondere die Kinder und die älteren Menschen starben schon nach wenigen Tagen oder Wochen in Auschwitz. Trotz seiner Bedeutung weist Bremen nur eine sehr rudimentäre Gedenktopografie auf, die seiner Bedeutung bei den Verbrechen in keinster Weise gerecht wird. Das kann so eigentlich nicht stehenbleiben.

Welche Rolle spielte bei dem Völkermord aus Ihrer Sicht die ablehnende Haltung der Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Sinti und Roma?

Sie hat es den Nationalsozialisten die Verfolgung der Sinti und Roma erheblich erleichtert. Himmler hatte hier genau den Zugriff, den er brauchte, um diese Minderheit systematisch zu verfolgen, mit dem Ziel, diese aus dem deutschen Volkskörper auszumerzen. Doch die Tendenzen hin zur Ausgrenzung dieser Gruppe sind alt, wie Sie auch andeuten. Seit Jahrhunderten hatte die Obrigkeit ein Auge auf diese spezielle Bevölkerungsgruppe. Sinti und Roma waren stets Opfer von Stigmatisierung und Ausgrenzung – selbst heute noch mancherorts. So gab es im 19. Jahrhundert bereits Zigeunerkarteien, in denen vor der Erfindung von Fingerabdrücken Einzelpersonen von der Polizei beschrieben wurden, um sie wiederzuerkennen.

Was würden Sie sich wünschen, mit Ihrer Arbeit zu erreichen?

Ich würde mir wünschen, dass die Gedenklandschaft komplettiert wird. Bremen weist eklatante Lücken auf, was die Erinnerung an Orte und Täter der Verfolgung und des Versuchs der systematischen Auslöschung der Sinti und Roma angeht. So waren nicht nur die Polizeibehörden Täter, sondern ebenso die Finanzbehörden, die tatkräftig an der Ausschlachtung der finanziellen Mittel der Verschleppten mitwirkten. Oder auch das Krankenhaus an der St.-Jürgen-Straße. Dort wurden die Zwangssterilisationen von sogenannten Zigeunern durchgeführt. Zu guter Letzt wären da beispielsweise noch die Schulen, die Karin Magnussen beschäftigt haben. Es geht hier niemals um Schuldzuweisung an heutige Vertreter der Organisationen, sondern schlicht um die Kenntnisnahme der Geschehnisse. Da gibt es in Bremen noch so einiges zu tun.

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+