Grandioser Emmy-Ball-Hennings-Abend mit Anna Stieblich und Philip Steman bei „Mensch, Puppe!“

Dada du min Leevsten büst

Ostertor. Willkommen, bienvenu, welcome im Cabaret Voltaire. Hinein in die Kaschemme, in der Mädchen Masken und Masken Mädchen tragen, in der Dichter mit Worten jonglieren und Totentanz zu Mummenschanz wird.
08.02.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Dada du min Leevsten büst
Von Monika Felsing

Willkommen, bienvenu, welcome im Cabaret Voltaire. Hinein in die Kaschemme, in der Mädchen Masken und Masken Mädchen tragen, in der Dichter mit Worten jonglieren und Totentanz zu Mummenschanz wird. Im Saal von „Mensch, Puppe!“ geht ein Jahrhundert verloren und wird erst wiedergefunden, als die Scheinwerfer erlöschen, die Nebel des Chaos sich lichten und das Publikum langsam, wie in Zeitlupe zurückkehrt in seine Gegenwart. In ein Leben, das eine Sackgasse sein kann oder ein Strudel.

Mitgerissen, fortgerissen, hingerissen. Anna Stieblich, 1965 in Bremen geborene, heute in Berlin lebende Theater- und Filmschauspielerin, verkörpert eine Stunde lang Emmy Ball-Hennings (1885-1948). Es ist das dritte Gastspiel dieser Art, und das Timing könnte nicht besser sein, auch was den Jahrestag angeht: Die Geburtsstunde des Dadaismus war vor 100 Jahren, der Züricher Club Voltaire der Kreißsaal und Emmy Ball-Hennings die Hebamme. Die Vielseitige, Unstete ist in Flensburg geboren und von zu Hause fortgelaufen, war Prostituierte, Dichterin, Sängerin und Tänzerin, Geliebte und Gefangene und so vieles mehr, auch die Frau von Hugo Ball. Gemeinsam mit ihm gehörte sie zu den Begründern einer Bewegung, die das Publikum an Abenden wie diesen noch spürt.

Über weite Strecken ist es ein Solo, ein Schwank, auf der Gitarre begleitet von Regisseur Philip Stemann, der unter anderem das Lied von Hugo Ball über den Ersten Weltkrieg vertont hat. Balls Lautgedicht lesen die beiden zusammen. Wie Maschinen spucken sie den geballten Nonsens aus, Silbe für Silbe ohne Sinn, eine Zungenübung, die ein Höchstmaß an Konzentration und Präzision verlangt.

Auch in anderen Szenen verwandelt sich die Schauspielerin in einen Roboter, fällt in der Routine der Betenden auf die Knie, um wieder emporzuschnellen, eine Figur, an unsichtbaren Fäden geführt von einem großen Puppenspieler. An den Höhenflügen und den Abstürzen von Emmy Ball-Hennings lässt Anna Stieblich ihre Zuschauer teilhaben, wobei ihre Darstellung der Haft geradezu beklemmend wirkt. Die Zeit dehnt sich ins Unermessliche, der Raum schrumpft, und die Hoffnung schwindet. Der schwarze Punkt an der Zellenwand, er will nicht leben, aber er muss, er muss.

Auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Komik balanciert Anna Stieblich mit der Sicherheit einer Traumwandlerin, uneitel und voll erfrischender Selbstironie. Brüche quittiert das Publikum mit besonderem Applaus. Und so passt auch ein plattdeutsches Liebeslied ins Cabaret Voltaire: „Dat du min Leevsten büst“, singt Anna Stieblich, und da! Da summt was im Saal. Was ist Regie, was schon Improvisation, was Ordnung, was Kuddelmuddel? „Wenig schwer“ ist so klein wie grandios. Ein Stück, das man mehr als einmal gesehen haben muss, um nichts zu verpassen. Noch ist kein weiteres Gastspiel geplant. Aber das Jubiläumsjahr hat ja erst angefangen.

Bärbel Reetz hat die Biografie von Emmy Ball-Hennings geschrieben. Mehr über Anna Stieblich

auf www.anna-stieblich.de.

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