Bremer Ersatzwährung wird im Viertel erst langsam populär / Nutzer wollen regionalen Geldfluss unterstützen Dagmar Wanschura zahlt auch mit Roland

Ganz Europa diskutiert über Geld. Wer dem Euro misstraut, sucht nach Alternativen. In Bremen und umzu kursiert seit fast elf Jahren eine Ersatzwährung: der Roland. Ihn zu horten, bringt aber nichts. Unabhängig von der Inflation ist ein Wertverfall von einem Prozent pro Monat vorgezeichnet. Denn das Regiogeld soll nicht gebunkert werden, sondern im Umlauf bleiben, um viele kleine Läden und Dienstleister zu unterstützen.
06.08.2012, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Yannic Wittenberg,

Ganz Europa diskutiert über Geld. Wer dem Euro misstraut, sucht nach Alternativen. In Bremen und umzu kursiert seit fast elf Jahren eine Ersatzwährung: der Roland. Ihn zu horten, bringt aber nichts. Unabhängig von der Inflation ist ein Wertverfall von einem Prozent pro Monat vorgezeichnet. Denn das Regiogeld soll nicht gebunkert werden, sondern im Umlauf bleiben, um viele kleine Läden und Dienstleister zu unterstützen.

SASCHA RÜHL, DETLEV SCHEIL

UND MONIKA FELSING

Bremen. Vom Naturkostladen über den Copyshop, vom Mineraliengeschäft über die Apotheke, den Handwerker, den Architekten und die Klavierlehrerin bis zu einer Tankstelle: Bei mittlerweile mehr als 100 Anbieterinnen und Anbietern in Bremen und Umgebung können Kunden statt mit dem Euro alternativ mit dem Roland bezahlen. Die Regionalwährung ist kein Werbegag, sondern verfolgt nachhaltige Ziele für die Region. Der Grundgedanke: Geld aus Bremen die lokale Wirtschaft ankurbeln.

Seit der "Verein für nachhaltiges Wirtschaften" im Oktober 2001 den Roland in Umlauf brachte, sei der Freundeskreis stetig gewachsen, berichtet Karl-Heinz von Bestenbostel. Der Berufsschullehrer aus Osterholz-Scharmbeck ist einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter des heutigen Vereins "Roland-Regional". Er lädt auch regelmäßig zu "Roland-Runden" in Schwachhausen ein. Etwa 250 Geschäfts- und Privatleute im Bremer Raum handeln und bezahlen derzzeit nach seinen Angaben regelmäßig mit dem Roland. Um sich nicht mit der Bundesbank anzulegen, firmiert der Roland offiziell nicht als Währung, sondern als "Scheckgutschein". Für 2012 hofft Karl-Heinz von Bestenbostel, dass erstmals mehr als eine halbe Million Roland im Jahr umgesetzt werden.

Ein neu eingeführtes Punktesystem, das unterschiedliche Rabatte gewährt, soll die Attraktivität des Roland weiter steigern.

"Schon früh haben wir vermutet, dass es mit dem Euro irgendwann zu der Finanzkrise kommen würde, in der wir uns heute befinden", sagt Karl-Heinz von Bestenbostel. Ein großer Vorteil des "Bremer Geldes" sei, dass es einen komplett zinsfreien Handel ermögliche. "Das ist für kleine Unternehmen eine enorme Hilfe, mit den Niedrigpreisen der Großen mithalten zu können." Zudem wirke sich das Regiogeld positiv auf die Kundenbindung aus.

Wer zehn Euro oder Roland als Aufnahmegebühr zahlt und Mitglied bei "Roland-Regional" wird, bekommt ein eigenes Konto, um Euro eins zu eins in Roland umzutauschen. Anbieter, die das Regiogeld akzeptieren, reichen ihre Schecks monatlich bei einer Rechnungsstelle ein und bekommen den Wert gutgeschrieben. "Wir wollen nicht, dass Geld gehortet, sondern dass es ausgegeben wird", erklärt von Bestenbostel. Daher verliere der Roland ein Prozent pro Monat an Wert. Wenn Geld aus dem Umlauf genommen und gespart werde, schwäche das die Wirtschaft.

Anbieterin wird zur Kundin

Sehtrainerin Dagmar Wanschura hat anderthalb Jahrzehnte Erfahrung mit alternativen Währungen. Sie war bei "Tauschwatt", wechselte zu "Bremen tauscht", und als Michael Knecht, der Roland-Beauftragte aus der Mecklenburger Straße, der auch Dienstleistungen gegen Roland anbietet, sie vor gut zwei Jahren ansprach, war sie sofort dabei. "Ich hab gesagt: Da mach ich mit, das find ich toll!"

Die Betreiberin der Sehschule "Schaulust" in der Goethestraße setzte auf den PR-Gewinn, den der Roland für Selbstständige haben soll. "Aber über den Roland ist noch nie jemand zu mir gekommen." Weil sie das Projekt unterstützen will, tauscht sie Euro gegen Roland ein und geht damit bei Rose Richards im Naturkostladen "A New World" am Ostertorsteinweg einkaufen. "Ich könnte genauso gut in Euro bezahlen", sagt Dagmar Wanschura, "aber ich will das System des regionalen Geldflusses unterstützen. Da liegt mir ganz viel dran."

Noch sind im Viertel nur wenige Anbieter im Netzwerk. Das stellt manche vor ein Problem. "Es hat schon einmal jemand 90 Roland für Klavierstunden bezahlt, aber ich wusste ehrlich nicht, wo ich die hätte einlösen können", sagt Elisabeth Jess-Knecht aus der Sophienstraße. "Mehr Auswahl wäre schön." Das wünscht sich auch Monika Dammeyer von "gesund, vital, spirituell, kreativ" an der Brunnenstraße.

Aber längst sind auch nicht alle Roland-Händler im Viertel bekannt. Manchmal weiß selbst die Stammkundschaft nicht, dass sie eine Alternative zum Euro hätte. Berndt-Dieter Knake beispielsweise, der "Kleine Krauter" aus Martfeld, verkauft seine Karotten und Kartoffeln auf dem Mecklenburger Platz und in der Slevogtstraße auch gegen Roland. Judah Pieter Boes, der Betreiber des esoterischen Ladens "Steinreich" im Atrium, Vor dem Steintor, nimmt die Schecks ebenfalls an. "Ich bin seit ungefähr anderthalb Jahren dabei, aber ich spiel’ schon seit sechs Jahren mit dem Gedanken", sagt er. "Weil es auf Zusammenarbeit setzt, auf Austausch."

Seine Begeisterung für den Roland sei "ein bisschen abgekühlt", sagt der Betreiber des "Erlebnisladens". Er merke, dass er auf sich selbst zurückfalle, dass er Schwierigkeiten habe, sich als Person einzubringen, es gebe zu wenig Treffen, und der Service sei, ehrlich gesagt, "typisch deutsch". Er empfinde die Ersatzwährung "auch ein bisschen als Begrenzung, habe mehr das Gefühl von Schwere als von Leichtigkeit", sagt Judah Pieter Boes. "Und das ist schade. Irgendwann läufst du gegen eine Wand." Ab und zu habe es Treffen gegeben, aber im Moment laufe das Meiste übers Internet, und das neue System der unterschiedlichen Konten habe er noch nicht kapiert, sagt der Kritiker des materiellen Mehrwerts, der unter Gewinn etwas anderes versteht. "Ich find die Leute sympathisch, aber ich hab’ nicht so den Impuls, mich dahinter zu klemmen."

Was Rose Richards im Monat an Roland in die Kasse bekommt, geht am Monatsende wieder raus. Bei ihr funktioniert das Tauschsystem – ständig bewegt sich die Währung von Hand zu Hand. "An sich haben wir nicht viel Kundschaft, die mit Roland zahlt", sagt sie, "ich würde schätzen, so ein- bis zweimal pro Woche in der Höhe zwischen sechs und 60 Roland. Das, was ich am Ende des Monats eingenommen habe, gebe ich dann beim Kauf neuer Ware im Großhandel wieder aus."

Sollten nicht genug Rolands auf ihr Konto gewandert sein, werde der Restbetrag einfach vom Girokonto abgebucht. Die Vorteile liegen für Rose Richards auf der Hand: "Über den Roland kommt ein viel privaterer Kontakt zustande, das fördert die Gemeinschaft. Das läuft ja auch über eine kleine Bank, und wenn es mal enger ist in der Kasse, lässt die auch mit sich reden."

Auch wenn der Roland im Moment mehr Arbeit mache als der Euro, finde sie die Bremer Ersatzwährung gut, sagt Rose Richards. Das Ganze sei "wesentlich humaner" als ein normales Bankensystem. "Und mein Steuerberater hat damit kein Problem. Er sagt, das ist nur eine andere Bank." Außerdem macht der Eins-zu-eins-Wechselkurs von einem Euro in einen Roland die Umrechnung leicht.

Nach der Sommerpause gibt es am Donnerstag, 6. September, um 18 Uhr im Delícia, Scharnhorststraße 4, den nächsten Infoabend zum Roland. Näheres auch auf www.roland-regional.de. Dort stehen auch sämtliche Kontakte.

Tauschringe

n Es gibt weitere Tauschbörsen in Bremen: Das 1996 gegründete Netzwerk "Tauschwatt" hat als Währung die Tide und nennt als Tauschprinzip "Lebenszeit gegen Lebenszeit". Sechs Tiden entsprechen einer Zeitstunde. Näheres im Internet auf www.tauschwatt.de. Jens Korthauer aus Walle hat 2005 "Bremen tauscht" gegründet. Währung des Netzwerkes sind "Blüten", die fünf Minuten entsprechen und gegen andere Dienstleistungen und Waren eingetauscht werden. Auch hier gilt: Jede Arbeit ist gleichwertig, entscheidend ist der Zeitaufwand. "Bremen tauscht" ist Teil eines Netzwerks und kann mit den eingetragenen Tauschringen überregional tauschen, etwa auch Unterkunft auf Reisen oder Stadtführungen. Weitere Informationen auf www.bremen-tauscht.de. MF

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