Höhere Lärmbelästigung für Anwohner Daimler: Neubau auf dem Gelände von Nordmende

Der Daimler-Konzern lässt Teile der alten Fertigungshallen auf dem ehemaligen Nordmende-Gelände abreißen und erweitert seine Fertigungshallen an dem Standort. Die Anwohner bekommen Lärmschutz.
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Daimler: Neubau auf dem Gelände von Nordmende
Von Christian Hasemann

Noch trotzt das alte Verwaltungsgebäude des in die ewigen Fernsehgründe gegangenen TV-Herstellers Nordmende in der Funkschneise dem Zeitenwandel und dem Abriss. Im hinteren Bereich ließ der Daimler-Konzern nun aber eine alte Halle für einen Neubau abreißen. Für die Anwohner bedeutete dies Staub und Lärmbelastung. Künftig soll eine Lärmschutzwand Anwohner aber besser schützen.

Der Abriss stellte die Anwohner auf die Probe. „Mit Riesenbaggern haben sie das Dach abgerissen“, sagt Heiko Strothoff. Vor allem der Staub habe der Familie zu schaffen gemacht. „Gerade als es so heiß und trocken war“, sagt der Rentner. Überall habe sich der Staub, der offenbar nicht durchgängig mithilfe von Wasser niedergehalten wurde, abgesetzt: auf den Gartenmöbeln, an den Fenstern und im eigenen Gartenpool. „Die Wasserpumpe war mit Staub verstopft“, sagt Strothoff. Nur einmal habe er gesehen, dass Wasser gesprüht wurde.

Übernahme von Reinigungskosten

Letztlich blieb der Familie und anderen betroffenen Nachbarn nur die Beschwerde direkt beim Mercedes-Werk Bremen. Unterstützt wurden sie dabei nach Strothoffs Worten vom Hemelinger Ortsamt. Die Belastung lässt sich nun zwar nicht mehr rückgängig machen, aber immerhin zeigt der Konzern offenbar Entgegenkommen. So sehe es gut aus, dass der Konzern Reinigungskosten, die in der Nachbarschaft entstanden sind, übernehme, fasst Heiko Strothoff das Ergebnis von Gesprächen zwischen Anwohnern und Konzern zusammen. Heiko Strothoff: „Wir fühlen uns jetzt ernst genommen.“ Aber auch: „Ich glaube, dass kommt auch durch den Druck, den wir gemacht haben.“ Immerhin sei jetzt auch der Abriss vorbei, die Belastung durch die Bauarbeiten am Hallenneubau ertragbar. „Das ist jetzt quasi Erholung.“ Heiko Strothoff begrüßt außerdem, dass an der Westseite des Grundstücks nun aller Voraussicht nach eine etwa sieben Meter hohe Schallschutzmauer kommt – eine Auflage der Stadt an den Konzern.

Im Ortsteil gibt es immer wieder Beschwerden über den Lärm, der bei der Autoproduktion entsteht: Rund um die Uhr rollen Lkw von den verschiedenen Zulieferern und Produktionsstätten zum Werk. Das Be- und Entladen verursacht dabei Lärm. Anwohner berichten auch vom Lärm leerer Lastwagen, die besonders laut scheppern, wenn sie zum Beispiel über Gleise oder Schlaglöcher fahren. Als störend wird außerdem das Verladen von Autos auf Transportzüge wahrgenommen.

Info-Veranstaltung für Anwohner

Für Strothoffs ist ein ausreichender Schallschutz nicht nur für das eigene Gemüt wichtig, sondern auch für das Portemonnaie. „Wenn die Lärmbelästigung zu groß ist, ist das auch eine Wertminderung für das Grundstück“, meint Heiko Strothoff.

Nicht nur die neue Schallschutzwand soll den Lärm im Neubau mindern, denn durch den Anbau an die bestehende Halle werde künftig mehr Verkehr direkt in der Produktionshalle stattfinden, teilte der Konzern auf Nachfrage mit. Mitte Oktober gab es außerdem eine Informationsveranstaltung für Anwohner im Kundenzentrum des Bremer Werks.

Wie sich die Zeiten ändern, mag manch einer seufzen. Früher sah man in der Werbung finanziell vielleicht nicht erreichbare Autos über die Mattscheibe eines Nordmende-Geräts ruckeln, heute kann man sich dagegen die Geschichte Nordmendes auf dem Monitor eines Autos der gehobenen Mittelklasse ansehen. Ein Auto, das heutzutage an vielen Stellen von einem Kollegen aus Stahl und Schrauben und gesteuert von Bit und Bytes zusammengeschweißt wird. Denn in der nun zu erweiternden Halle arbeitet Mercedes am Rohbau der Karosserien und diese Arbeit ist mit Robotern hochautomatisiert.

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„Im Rohbau werden die Blechteile aus dem Presswerk mit verschiedenen Füge-Verfahren, zum Beispiel Schweißen, Kleben, Nieten verbunden“, erklärt Tobias Brandstetter, Pressesprecher bei Daimler. Bis Mitte 2020 sollen die Erweiterungsarbeiten abgeschlossen sein. Danach folgt der Aufbau der Produktionsanlagen. Wie bei allen Bauvorhaben sei ein besonderes Augenmerk auf den Schallschutz gelegt worden, so Brandstetter. „Zur Beurteilung der Schallsituation wurden in Absprache mit der Genehmigungsbehörde zur Sicherstellung der Einhaltung der Schall-Grenzwerte mehrere Messpunkte definiert“, sagt er. Resultat ist die geplante Lärmschutzwand auf der Westseite. Der genaue Verlauf und die Länge stehen allerdings noch nicht endgültig fest. „Nach aktuellem Planungsstand wird sie eine Höhe von über sieben Metern haben“, kann Brandstetter aber schon jetzt sagen.

Und das alte Verwaltungsgebäude? Auf dem Dach sind noch die Halterungen für den Nordmende-Schriftzug zu erkennen. Das Gebäude ist erst mal nicht von einem Abriss betroffen und schirmt die Straße Osterhop mit seiner Wohnbebauung ab. Noch also steht ein Stück Bremer Industriegeschichte während im direkten Umfeld die Zukunft begonnen hat.

Info

Zur Sache

Kurzgeschichte des Areals

1947 gründete Martin Mende in Bremen die Firma Nordmende. Diese geht zurück auf das Unternehmen Radio H. Mende & Co., das Otto Mende vor dem Zweiten Weltkrieg in Dresden aufbaute. Die ehemaligen Fertigungshallen von Focke-Wulff an der Diedrich-Wilkens-Straße in Hemelingen wurden nach dem Krieg die erste Produktionsstätten. Später zog das Unternehmen in die Neubauten an der Funkschneise. Nordmende kam Ende der 70er-Jahre finanziell ins Trudeln und wurde vom französischen Unternehmen Thomson-Brandt gekauft. Ende der 80er ging das Unternehmen dann in die Insolvenz – trotz Rettungsversuchen des Bremer Senats und einer mehrwöchigen Werksbesetzung. Seit Anfang der 1990er-Jahre nutzt Mercedes-Benz den alten Gebäudebestand. 2011 kaufte die Daimler AG das gesamte Gelände. Ein Teil des nicht mehr zeitgemäßen Gebäudebestandes wurde bereits damals abgerissen. An seiner Stelle entstand eine neue Produktionshalle.

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