DAK Gesundheitsreport 2020

Psychische Erkrankungen nehmen in Bremen zu

Zahlen der DAK zeigen für die ersten sechs Monate 2020 mehr Fehltage durch Krankschreibungen als für den gleichen Zeitraum im Vorjahr. Das dürften nicht zuletzt Nebeneffekte der Corona-Einschränkungen sein.
10.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Psychische Erkrankungen nehmen in Bremen zu
Von Timo Thalmann
Psychische Erkrankungen nehmen in Bremen zu

Psychische Leiden zählen neben Atemwegserkrankungen, Rückenschmerzen und Verletzungen zu den Hauptgründen für Fehlzeiten am Arbeitsplatz.

Der Krankenstand unter den Bremer Beschäftigten ist im ersten Halbjahr dieses Jahres im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres gestiegen. Vor allem psychische Erkrankungen führten zu mehr Fehltagen. Die Zahl der ausgefallenen Arbeitstage wegen Atemwegserkrankungen stieg dagegen nur wenig über das Niveau des Vorjahres. Die Ausfälle wegen Erkältungskrankheiten blieben trotz Corona-Pandemie auch unter dem Wert des Jahres 2018, das durch eine schwere Grippewelle gekennzeichnet war. Das zeigen zumindest Zahlen der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK), die jetzt für den Gesundheitsreport Bremen vorliegen.

Insgesamt waren danach von 1000 Arbeitnehmern in Bremen an jedem Tag des ersten Halbjahres durchschnittlich 43 krankgeschrieben. Daraus ergibt sich eine rechnerische Quote von 4,3 Prozent. Für das gesamte Jahr 2019 lag dieser Wert bei 3,9 Prozent. Der vergleichbare Wert von Niedersachsen liegt im ersten Halbjahr 2020 bei 4,2 Prozent und entsprach damit exakt dem Ergebnis des Vorjahres. Beide Länder liegen bei der Zahl der Fehltage zudem im Bundestrend von ebenfalls 4,2 Prozent.

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Unterschiede zwischen Niedersachsen, Bremen und dem übrigen Bundesgebiet zeigen sich jedoch beim Blick auf einzelne Gruppen von Erkrankungen. Für Bremen sticht vor allem die deutliche Zunahme von psychischen Erkrankungen hervor. Der DAK-Report sieht hier ein Plus von 53 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2019. In Niedersachsen weist die Krankenkasse in diesem Bereich einen Zuwachs von elf Prozent aus, bundesweit lag der Anstieg dieser Analyse zufolge bei sieben Prozent. Gemessen wird für diese Auswertungen stets die Zahl der Fehltage pro 100 Arbeitnehmern in dem genannten Zeitraum. Die Veränderungen der Werte lassen darum keinen Rückschluss darüber zu, ob die Zahl der Erkrankten angestiegen ist oder Erkrankte längere Zeit als im Vorjahr ausgefallen sind.

Erfahrungsberichte der Bremer Ärztekammer

In Bremen ist die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen in dieser Darstellung von 96 auf 147 Fehltage je 100 Beschäftigte gestiegen, in Niedersachsen von 116 auf 129. Zu den möglichen Gründen macht die Kasse in ihrem Report keine Angaben. Es liegt allerdings nahe, dass sich hier Folgen der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie bemerkbar machen.

Die Bremer Ärztekammer hat dazu bereits im Juni Erfahrungsberichte vorgelegt. Darin berichtet zum Beispiel Andrea Kraft, in Lüssum niedergelassene Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, von einer deutlichen Zunahme von Patienten mit Angst- und Panikstörungen sowie depressiven Symptomen. „In unserer Praxis fragen zurzeit deutlich mehr neue Patienten nach Terminen. Aber auch bekannte Patienten, die in den letzten Jahren sehr stabil waren, haben sich vermehrt als Notfallpatienten vorgestellt", sagt sie. Heidrun Gitter, Präsidentin der Bremer Ärztekammer, bestätigt diese Einschätzung, weil zum Beispiel laufende Psychotherapien und die ambulante psychiatrische Pflege unterbrochen oder reduziert wurden. "Das kann vermehrte stationäre Aufenthalte nach sich gezogen haben, die höhere Fehlzeiten am Arbeitsplatz bedeuten."

Zugleich möchte Gitter die Zahlen nur einer Krankenkasse nicht als repräsentativ bewerten. Sie verweist aber auf andere wissenschaftliche Studien, die tendenziell ebenfalls eine Zunahme der psychischen Erkrankungen als Folge der Corona-Pandemie feststellen. Demnach haben vor allem Angststörungen und Panikerkrankungen zugenommen oder sind stärker ausgeprägt.

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Bei den Atemwegserkrankungen betrug die Zunahme der Fehltage je 100 Beschäftigte vier Prozent in Bremen und neun Prozent in Niedersachsen. Die DAK stellt dazu fest, dass die zeitweilig eingeräumte Möglichkeit, sich in solchen Fällen auch telefonisch eine Krankschreibung zu besorgen, offenbar nicht missbraucht wurde. Laut einer Umfrage der Kasse haben 39 Prozent der Beschäftigten, die wegen Erkältungskrankheiten den sogenannten gelben Schein vorgelegt haben, dafür die telefonische Krankschreibung genutzt. „Die Arbeitnehmer sind verantwortungsbewusst mit der telefonischen Krankschreibung umgegangen“, sagt Jens Juncker, Bremer Landeschef der DAK-Gesundheit.

Gitter weist darauf hin, dass die Ärzteschaft dieses bis Ende Mai mögliche Verfahren gerne weitergeführt hätte, aber die Kassen als Kostenträger dagegen votiert haben, sodass ab 1. Juni die Patienten wieder in den Praxen kommen mussten. „Ich halte es für eine gute Idee, darauf zurückzukommen, falls jetzt die saisonale Grippe zunehmen sollte und zugleich die Infektionszahlen mit dem Coronavirus nicht sinken“, sagt Gitter. Auch Cornelius Neumann-Redlin, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen, kann sich das vorstellen. „Es ist richtig, diese Möglichkeit einzuräumen, wenn sich das Infektionsgeschehen von normaler Grippe und Covid-19 problematisch überlagert.“ Genau so richtig sei allerdings auch die Rückkehr zum Normalfall, wenn die Zahlen sinken, wie es im Sommer der Fall gewesen sei.

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Die Datenlage:

Der Gesundheitsreport der DAK (Deutsche Angestellten Krankenkasse) beruht auf der Auswertung der Krankschreibungen von gut 13 000 versicherten Beschäftigten der Kasse in Bremen. Die niedersächsischen Zahlen basieren auf den entsprechenden Daten von 232 000 gesetzliche Versicherten. Studenten, Rentner und Personen, die dem Arbeitsmarkt aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Verfügung stehen, blieben jeweils unberücksichtigt. Nach Darstellung der DAK lassen die Zahlen Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Bevölkerung zu, weil ihre Mitglieder einen relativen Querschnitt der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten darstellten. Die Präsidentin der Bremer Ärztekammer Heidrun Gitter hält die Auswertung dagegen nur für eingeschränkt aussagekräftig. Medizinische Daten, die zu einem anderen Zweck erhoben wurden, wie zum Beispiel der Abrechnung von Leistungen zulasten der gesetzlichen Krankenkassen, könnten nicht ohne Weiteres genutzt werden, um gesicherte Fakten über Krankheitshäufigkeiten zu erhalten. „In diesem Fall beruhten die Ergebnisse zum Beispiel allein auf der Erst-Diagnose, die der Krankschreibung zugrunde liegt“, sagt Gitter. Diese könne sich aber im weiteren Krankheitsverlauf noch ändern.

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