Das Dilemma mit der Kapazität

Darum sind die Bauanträge in Bremen zurückgegangen

Warum sind in der Baubehörde für das Jahr 2018 erstmals seit Jahren weniger als 2000 Anträge für Wohnungsprojekte eingereicht worden? Fachleute aus der Branche erklären die Ursachen.
25.06.2019, 21:05
Lesedauer: 3 Min
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Darum sind die Bauanträge in Bremen zurückgegangen
Von Nina Willborn
Darum sind die Bauanträge in Bremen zurückgegangen

Aus dem ehemaligen Brinkmann-Gelände in Woltmershausen macht das Unternehmen Justus ein neues Quartier mit 1200 Wohnungen.

Frank Thomas Koch

In Bremen wurden im Jahr 2018 erstmals seit 2013 weniger als 2000 Bauanträge für Wohnungen gestellt, nämlich laut Daten des Senators für Umwelt, Bau und Verkehr nur 1766. Das sind rund 900 weniger als 2017 (2652 Anträge). Bausenator Joachim Lohse (Grüne) bereitet dieser Rückgang Sorge (wir berichteten). Er führt den Rückgang darauf zurück, dass im Baugewerbe zwar Hochkonjunktur herrscht, aber es gleichzeitig eben auch einen Mangel an Fachkräften in den unterschiedlichen Branchen gibt und Projekte sich entsprechend verzögern.

Jan-Gerd Kröger, selbst Bauunternehmer und scheidender Präses der Handwerkskammer, hält das Argument „Fachkräftemangel im Baugewerbe“ alleine nicht für ausreichend, um das scheinbar erlahmende Interesse der Bauwirtschaft in Bremen zu erklären. „Ich halte es für zu einfach, das alleine in Richtung der Ausführenden zu schieben. Kommt diese Misere nicht vielleicht auch daher, dass wir nicht genügend baureife Flächen haben?“, fragt Kröger. „Nehmen wir das Beispiel Überseestadt. Dort gibt es keine Flächen mehr, alle Anträge sind gestellt.“

Dann gebe es Areale, auf denen irgendwann einmal gebaut werden soll, zum Beispiel auf dem Coca-Cola- und Könecke-Gelände in Hemelingen, aber das Baurecht fehle. Kröger: „Viele Investoren haben natürlich auch auf das Gelände der Galopprennbahn gehofft.“ Dort waren bis zum Volksentscheid bis zu 1200 Wohnungen im Gespräch, nach dem Erfolg der Bürgerinitiative muss das Gelände nun vorerst unbebaut bleiben.

Um andere potenzielle Baugebiete wird auf politischer Ebene gerungen, die Osterholzer Feldmark zum Beispiel haben die Grünen für unantastbar erklärt. „Bremen wächst, aber seine Fläche wächst eben nicht mit. Es gibt jetzt schon und auch auf Sicht zu wenig Platz für größere Projekte“, sagt Kröger. Zu den größten Wohnungsbauvorhaben, die derzeit in Planung sind, gehört neben dem Kelloggs-Gelände, auf dem 1200 Einheiten entstehen sollen, und dem ebenso großen Hulsberg-Quartier auch das Gelände der ehemaligen Tabakfabrik Brinkmann in Woltmershausen.

Termine werden häufig nicht eingehalten

Dort realisieren die Projektentwickler von Justus Grosse für rund 500 Millionen Euro ein neues Quartier mit ebenfalls 1200 Wohnungen. An seinem Unternehmen liege der Rückgang der Bauanträge nicht, sagt Geschäftsführer Joachim Linnemann. „Wir schieben keine Bauanträge vor uns her, wir quälen die Baubehörde eher.“ Ähnlich beschreibt es Brebau-Geschäftsführer Thomas Tietje. „Wir haben alle unsere Projekte, für die es Genehmigungen gibt, angefangen.“ Allerdings hat sich seinen Angaben zufolge die Zeit, die es bis zur Fertigstellung braucht, deutlich verlängert. „Wir merken es, wenn wir fertige Projekte ankaufen. Da kommt es häufiger vor, dass Termine nicht eingehalten werden“, sagt Tietje.

Grundsätzlich sehen beide die grundlegende Herausforderung für den Wohnungsbau in Bremen in der Kapazität – sowohl der Flächen als auch auf personeller Ebene der Firmen, die in Bremen bauen. „Das sind vorwiegend kleinere und mittlere Bauträger“, sagt Linnemann. Wenn die Baufläche weniger und weniger werde, „werden wir verdichteter bauen müssen. Das heißt dann aber auch, dass sich eine Stadt wie Bremen dann weniger Reihen- und Einfamilienhäuser leisten kann.“

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Ein weiterer Aspekt, der aus Sicht der Baubranche wichtig ist: die politische Entwicklung. Führt auch Bremen wie etwa Berlin eine Deckelung der Mietpreise ein, wie es die Linken jüngst gefordert haben, könnte das Investoren abschrecken, sagt Linnemann. Schon die Erhöhung der Sozialbauquote von 25 auf 30 Prozent, wie es die drei potenziellen Regierungsparteien SPD, Grüne und Linke im Wahlkampf gefordert hatten, stößt auf nur bedingte Begeisterung in der Branche.

„Aber wir werden damit leben müssen, um mehr bezahlbaren Wohnraum zu bekommen“, sagt Linnemann. „Grundsätzlich muss man sehen, wie sich das weiterentwickelt, und welche Signale Bremen nach außen sendet.“ Ähnlich äußert sich Kröger. „Eine Mietpreisbremse könnte für Zurückhaltung sorgen“, sagt er. „Viele warten jetzt erst mal ab, was kommt. Zumal es meiner Erfahrung nach hier in Bremen sowieso schon immer weniger Risikobereitschaft gab als in anderen Städten.“

Fehlende Flächen und volle Bücher

Die Zahl von 2500 neuen Wohnungen pro Jahr, die sich die SPD auf die Fahnen geschrieben hatte und die auch die Handelskammer für erforderlich hält, „werden wir mit den derzeitigen Strukturen nicht erreichen“, warnt Kröger. Allerdings verweist er auch darauf, dass sich aus der Zahl der Bauanträge nur bedingt ablesen lassen kann, wie viele Wohnungen tatsächlich entstehen. „Ob ich ein Einfamilienhaus bauen will oder einen Komplex mit vielen Wohnungen, ich stelle jeweils nur einen Bauantrag“, sagt der bis Dienstagabend amtierende Handwerkskammer-Präses. Tietje dagegen hatte unlängst bemängelt, dass es keine aktuelle Wohnungsmarktprognose gebe, man also nicht zielgenau agieren könne.

Fehlende Flächen und volle Bücher: Für Christian Wechselbaum, Regionalleiter der IG Bau Weser-Ems, sind das die Hauptfaktoren für die aktuelle Lage. „Die Bücher sind voll, die Firmen kommen nicht dazu, die Aufträge abzuarbeiten“, sagt Wechselbaum. „In Bremen mit wenig Fläche ist die Lage verschärfter. Aber das ist nichts Neues. Die Zahlen zeigen nur einmal mehr, dass es wirklich so ist.“

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