Neue Sprachlernklasse für Flüchtlingskinder an der Heideschule / Am Dreienkamp hilft eine VHS-Lehrkraft aus Das ABC-Lied ist der Renner

Schwanewede. „Herr Lesemann frühstücken.“ Solche einfachen Drei-Wort-Sätze bekommt Thorsten Lesemann, Leiter der Heideschule in Schwanewede, seit ein paar Tagen immer häufiger zu hören.
22.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gabriela Keller

„Herr Lesemann frühstücken.“ Solche einfachen Drei-Wort-Sätze bekommt Thorsten Lesemann, Leiter der Heideschule in Schwanewede, seit ein paar Tagen immer häufiger zu hören. Es sind die ersten Versuche von Flüchtlingskindern aus Syrien und dem Irak , sich in einer für sie noch fremden Sprache verständlich zu machen.

Als erste Grundschule in der Gemeinde Schwanewede hat die Heideschule mit Genehmigung der Landesschulbehörde eine Sprachlernklasse eingerichtet. Seit dem 9. Februar lernen sieben Mädchen und Jungen aus Syrien und dem Irak in einer altersgemischten Gruppe Deutsch. Die Jüngsten sind sechs, die Ältesten zehn Jahre alt. Normalerweise sind für eine Sprachlernklasse mindestens zehn Kinder erforderlich. Die Heideschule startet erstmal mit weniger. Laut Schulleiter Lesemann ist davon auszugehen, dass sich das schon bald ändern wird. Der Schule seien von der Gemeinde als Schulträger weitere Kinder angekündigt worden. Die Kommune unterhält im Einzugsbereich der Schule viele Wohnungen für Flüchtlinge.

Einige Kinder der neuen Sprachlernklasse besuchen laut Lesemann zum ersten Mal eine Schule. Deutsch müssen alle erst einmal lernen. Die Heideschule hat ein Konzept erarbeitet. Die ersten drei Unterrichtsstunden verbringen die Flüchtlingskinder täglich in der Förderklasse. Danach wechseln sie in die Regelklassen des ersten und vierten Jahrgangs. In der sechsten Schulstunde steht noch mal Deutschförderung auf dem Stundenplan.

Der Heideschule stehen dafür zwei pädagogische Mitarbeiterinnen der Volkshochschule Osterholz-Scharmbeck zur Verfügung. Finanziert werden sie aus dem Bildungs- und Teilhabepaket der Bundesregierung. Bei der Integration der Flüchtlingskinder setzt die Schule auf die frühe Verzahnung zwischen Förder- und Regelklasse. „Die Flüchtlingskinder sollen von Anfang an mit Gleichaltrigen in den normalen Klassen in Kontakt kommen“, erklärt der Schulleiter. „Gerade beim Spracherwerb lernen Kinder viel von anderen Kindern“, ergänzt Bastian Maertens. Der 34-Jährige ist extra für die Sprachlernklasse an der Heideschule eingestellt worden, außerdem leitet er eine erste Klasse. Zusammen mit Schulleiter Lesemann und einer weiteren Kollegin bringt er den Flüchtlingskindern in der Sprachlernklasse Deutsch bei.

„Zunächst geht es um die Sprachkompetenz, im zweiten Schritt folgt die Schriftsprache“, erläutert Maertens. In spielerischer Form lernen die Kinder Wörter, die für sie im Schul- aber auch im übrigen Alltag wichtig sind, das Zahlensystem und das Alphabet. „Der Renner ist zurzeit das ABC-Lied“, erzählt Maertens. Die Flüchtlingskinder würden nicht nur schnell lernen. „Sie sprühen geradezu vor Wissensdurst“, stellt er fest.

Als Hilfe beim Vokabellernen setzt die Heideschule eine besondere Technik ein: einen elektronischen Stift, der sprechen kann. Tippen die Schüler damit auf spezielle Bildkarten, hören sie, was die jeweilige Abbildung zeigt. „Für die Kinder ist das spannend und motivierend“, sagt Lesemann. Ein weiterer Vorteil: Die Schüler können nach eigenem Tempo selbstständig lernen. Wo mehr Hilfe nötig ist, können die Lehrer gezielt unterstützen.

Beim Lernen der neuen Sprache sollen sich die Kinder aus Syrien und dem Irak auch gegenseitig helfen. „Die Viertklässler erklären den Erstklässlern auf Deutsch Rechenaufgaben“, nennt Lesemann ein Beispiel. In den Regelklassen nehmen Schüler die Neuen an die Hand. „Ein Schüler in jeder Klasse ist eine Woche lang der Experte für ein Kind aus der Sprachlernklasse“, erläutert Bastian Maertens. Der „Experte“ kümmert sich um den Neuling, hilft ihm beim Lernen und dabei, sich in der Schule zurecht zu finden. Verantwortungsgefühl und Miteinander sollen so gefördert werden. „Für die Gemeinschaft in der Klasse ist das gut“, stellt Maertens fest.

Manchmal ist die Sprachhürde zu groß. Dann können sich Migrantenkinder, die schon länger in Deutschland leben, als Experten im Dolmetschen beweisen. „In meiner vierten Klasse ist ein syrischer Junge, der übersetzen kann. Das ist für mich als Lehrer eine Hilfe und die Klasse findet es toll, wenn sie mal Arabisch hört“, berichtet Schulleiter Lesemann.

Neben der Heideschule hatte die Dreienkampschule in Schwanewede eine Sprachlernklasse bei der Landesschulbehörde beantragt. Daraus wird aber nichts. „Wir haben nicht genug Kinder“, erklärt Schulleiter Rolf Tigges. Dass es knapp werden könnte, hatte er schon im Dezember befürchtet. Da hatte die Schule zwar zehn Flüchtlingskinder für eine Klasse beisammen. Damals stand indes schon fest, dass einige bis Februar wegfallen würden.

Hintergrund: Flüchtlingskinder, die ein Jahr oder länger in Schwanewede sind, dürfen an der Sprachlernklasse nicht teilnehmen. An der Dreienkampschule ließen sich die Lücken nicht durch neue Kinder füllen. Anders als bei der Heideschule gebe es im Einzugsgebiet der Schule derzeit nur wenige neue Flüchtlingsfamilien, so Tigges. Für die Flüchtlingskinder, die schon am Dreienkamp sind, behilft sich die Bildungsstätte mit einer anderen Lösung. Eine Förderkraft der Volkshochschule unterrichtet seit November täglich zwei bis vier Stunden Deutsch.

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